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Nicht jedes Gefühl ist leicht in Worte zu fassen – aber diese 8 Begriffe helfen dir dabei

Kennt ihr das: den überwältigenden Drang, jemanden zu küssen? Die Leere, die einen überkommt, wenn der letzte Gast das Haus verlässt? In ihrem „Buch der Gefühle“ hat die Kulturwissenschaftlerin Tiffany Watt Smith Empfindungen gesammelt, für die wir bislang keinen Namen hatten.

 

Über Gefühle reden – aber wie?

Sechs bis acht Basisemotionen soll es geben – darunter Liebe, Trauer, Wut und Hass. Diese Gefühle hätten sich über die Jahrhunderte hinweg entwickelt und seien bei allen Menschen gleich – egal, ob Inuk, Inder oder Ire – davon gehen zumindest renommierte Emotionspsychologen wie Paul Ekman aus.

Tiffany Watt Smith sieht das anders. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet an der Queen Mary University in London. Watt Smith ist davon überzeugt, dass die Art, wie wir fühlen, auch immer von den Erwartungen und Vorstellungen der Kultur und Zeit abhängt, in der wir leben. Watt Smith begann deshalb Empfindungen zu sammeln. Sie kämpfte sich durch medizinische Dokumente, stöberte in Lexika fremder Sprachen, las Romane und Berichte von Ethnologen. So ist eine Enzyklopädie der Gefühle entstanden.

154 Emotionen hat Watt Smith in ihrem „Buch der Gefühle“ aufgelistet. Sie stellt Gefühle vor, die viele von uns aus eigener Erfahrung kennen – nur fehlte uns bislang der passende Begriff, sie zu benennen. Wir stellen Ihnen neun dieser Emotionen vor:

1. Amae

… ist der Wunsch, sich in die Arme eines geliebten Menschen zu werfen und sich von ihm verwöhnen und trösten zu lassen. Dieses Umsorgtwerden oder Sich-fallen-Lassen kennen Japaner als amae (ausgesprochen: ah-ma-eh).

2. L’appel du vide

… kann uns überkommen, wenn wir auf die U-Bahn warten oder vor einer Klippe stehen. Es ist der verstörende, kaum zu widerstehende Drang, springen zu wollen. Diesen Sog in die Leere nennen Franzosen l’appel du vide.

3. Basorexie

… ist keine Krankheit, sondern die plötzliche Lust, jemanden zu küssen.

4. Cyberchondrie

… entwickeln Menschen, die im Internet nach Krankheiten oder Symptomen googeln, daraufhin harmlose Symptome fehlinterpretieren und dann Angst haben, tatsächlich ernsthaft erkrankt zu sein.

5. Gezelligheid

… überfällt die Niederländer, wenn es draußen kalt und ungemütlich ist, wenn es nieselt und aus den Kanälen die Nebelschwaden aufsteigen. Gezelligheid beschreibt den physischen Umstand, es zusammen mit guten Freunden an einem warmen, heimeligen Ort gemütlich zu haben, sowie den emotionalen Zustand, von einer geliebten Person gehalten und getröstet zu werden.

6. Lítost

… – ohne dieses Wort ist die menschliche Seele nicht zu verstehen, davon geht zumindest der tschechische Schriftsteller Milan Kundera aus. „Lítost ist ein qualvoller Zustand, der durch den Anblick unserer unvermutet entdeckten Erbärmlichkeit ausgelöst wird“, schreibt Kundera. Auf dieses Gefühl der Erbärmlichkeit folgt eine Spirale aus Scham, Groll und Zorn – und diese verlangt Aktivität: „Lítost funktioniert wie ein Zweifachmotor“, so Kundera, „auf das Gefühl der Qual folgt das Verlangen nach Rache.“

7. Mudita

… empfinden wir, wenn wir vom Glück anderer hören – ohne Neid oder Groll. Die Zufriedenheit, mit der eine Freundin von ihrem neuen Job oder der bevorstehenden Heirat erzählt, weckt bei uns nicht das Gefühl hinterherzuhinken. Vielmehr vergrößert die Freude des anderen die eigene – diesen Zustand nennt Gautama Buddha im 5. und 6. Jahrhundert mudita.

8. Zal

… ist für den Komponisten Frédéric Chopin der bittere Groll, der in uns aufkommt, wenn uns ein Teil unseres Lebens einfach genommen wird. In seinem Fall: die Heimat durch die Emigration, seine stürmische Liebesbeziehung zu der Schriftstellerin George Sand, die Gesundheit in Angesicht der Schwindsucht. Zal war, so Chopins Freund und Biograf Franz Liszt, der „Grund seines Empfindens“ – und der Grundbaustein seiner Musik.

Natürlich ist die 152 Einträge starke Enzyklopädie Watt Smiths bei weitem nicht vollständig. Aber „Das Buch der Gefühle“ hilft uns, unser Innenleben besser kennenzulernen, widersprüchliche Empfindungen wahrzunehmen und sie damit intensiver zu erleben.

Der Original-Text von Stella Hombach ist bei unserem Kooperationspartner IGP-Magazin erschienen. 

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