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Gleichberechtigung in Deutschland: Unser System basiert auf der Benachteiligung von Frauen

Das Gutachten zum zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung zeigt deutlich, dass Frauen nach wie vor benachteiligt werden und auch, woran das liegt.

 

Gleichberechtigung von Frauen und Männern: Wir brauchen mehr als einen guten Plan

Um zu wissen, wie es um die Gleichstellung von Frauen und Männern bestellt ist, müssen wir eigentlich nicht in das Gutachten zum zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung schauen. Es reicht ein Gespräch im Freundeskreis oder ein Blick in die Texte unserer Community-Autorinnen und -Autoren. Denn um es kurz zu machen: Wir sind noch weit davon entfernt. Und dennoch lohnt es sich, den Bericht einmal genauer anzusehen, denn hier steht nicht nur in Zahlen verankert, was schief läuft, sondern auch warum und wie der Plan dafür aussehen könnte, dass endlich Chancengleichheit hergestellt werden könnte – aktuell gibt es die nämlich schlicht nicht. Nach wie vor entscheidet sich ein Großteil des Lebensweges maßgeblich am Geschlecht.

Das zeigen etwa die Zahlen zu den gewünschten Arbeitsstunden pro Woche und den tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden. Bei Frauen mit Kindern liegen diese weit voneinander entfernt – sie arbeiten deutlich weniger als sie eigentlich gern würden. Bei Männern mit Kindern gibt es dagegen kaum eine Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität. Für die Frauen bedeutete das: Ein Leben in Abhängigkeit und das mögliche Abrutschen in die Altersarmut. Ein weiterer wichtiger Faktor für die Chancenungleichheit ist auch die unbezahlte Care-Arbeit, die in aller Regel Aufgabe der Frau ist – genannt „Gender Care Gap“.

Quelle: Gutachten für den zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung

Ohne bezahlte Care-Arbeit kommen wir nicht weiter

Ein ganz wichtiger Punkt, denn wenn an dieser Schraube nicht bald gedreht wird, kann sich für Frauen in Sachen Rentenanspruch, berufliche Verwirklichung sowie finanzielle Unabhängigkeit nichts ändern – mal abgesehen davon, dass wir neben dem ethischen Aspekt auch durch den demographischen Wandel zwingend überlegen sollten, ob uns die Pflege eines Menschens nicht (mehr) Geld wert sein sollte. Doch nach wie vor beruht das System darauf, dass es immer eine Frau gibt, die im Fall der Fälle einspringt und Care-Arbeit auch ohne Entgeld übernimmt und ihren Brotjob bzw. ihrer Karriere zurückstellt. Das aber ist keine Lösung, sondern bedeutet ökonomischen und gesellschaftlichen Stillstand. Das sehen auch die Sachverständigen des Berichts so, denn, so heißt es, nur durch bezahlte Care-Arbeit kann struktureller Diskriminierung entgegengewirkt und eine echte Freiheit in der Entscheidung, wie man sich in einer Partnerschaft und für die Familie aufteilen, hergestellt werden. Vollkommen richtig, aber wie kommen wir hier dahin?

Um dieses Ziel zu erreichen, soll ein Zehn-Punkte-Plan helfen, der neben der bereits angesprochenen, bezahlten Care-Arbeit (sowohl für Kinder als auch für Pflegebedürftige) unter anderem ein neues Verständnis zur „Vollzeit-Arbeit“ vorsieht, die nur durch weniger Hype um Präsenzkultur gelingen könnte.  Zudem soll in Betrieben durch eine Gehaltstransparenz dem Pay-Gap entgegenwirkt und verpflichtende Gleichstellungsaktionspläne für mehr Diversität in der Führungsebene sorgen. Darüber hinaus müsse schon vor dem Berufsleben die Gleichstellung gestärkt werden, indem die Berufsberatung individueller und genderkompetent abläuft, um Frauen, die immer noch mehrheitlich in gering bezahlten „Frauenberufen“ arbeiten, den Zugang zu männerdominierten Berufen einfacher zu machen – gleiches gilt natürlich für Männer, die sich für frauendominierte Berufe interessieren.

Zudem soll für (weibliche) Selbstständige die Einbindung in die Sozialversicherungssysteme verbessert und damit auch der Mutterschutz für sie aus- und Defizite in der Elterngeld-Regelung abgebaut werden. Da auch der Wiedereinstieg in den Job für Frauen eine entscheidende Weiche auf dem weiteren Lebensweg ist, empfiehlt die Kommission ein verpflichtender Benachteiligungsschutz sowie ein arbeitsrechtlichen Anspruch auf einen betrieblichen Plan für den Wiedereinstieg. Um zu mehr Gleichberechtigung zu kommen, sollen aber auch in der Partnerschaft finanzielle Fehlanreize und damit etwa die Lohnklasse V abgeschafft werden, was weg von einem Ehegattensplitting hin zu einem Realsplitting führen soll, um die Steuersituation für den Partner mit dem geringeren Einkommen zu verbessern.

Quelle: Gutachten für den zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung

Wie kommen wir weiter?

All das sind wichtige Ansätze, neu sind sie aber nicht. Wir treten augenscheinlich auf der Stelle und können nur einmal mehr zusammenfassen, dass wir von einer Gleichstellung von Frauen und Männern noch lange entfernt sind. Struktureller Sexismus ist eben ein Thema, dass nur durch das Drehen vieler Stellschrauben abgeschafft werden kann – doch leider wird sich noch zu sehr davor gescheut, wirklich den nächsten Schritt und endlich von der Planung in die Umsetzung zu gehen.

Aber wenn wir die Grundpfeiler eines selbstbestimmten Lebens nicht endlich aufstellen, statt über sie nur als Option der Zukunft zu reden, können wir auch nicht zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter komme. So lange Frauen, Männer und Paare durch strukturelle und rechtliche Defizite sowie eine überholte Arbeitskultur nicht frei von existenziellen Problemen entscheiden können, wie sie leben wollen und so lange Care-Arbeit weiterhin ausschließlich als ideelle und nicht zu entlohnende Arbeit anerkannt wird, so lange werden wir in einem Deutschland leben, in dem die Frauen das Nachsehen haben. Und deshalb brauchen wir mehr als einen guten Plan von Sachverständigen. Wir brauchen von der Bundesregierung den echten Willen, Veränderung einzuleiten.

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