Foto: Leonardo Veras – Flickr – CC BY 2.0

Warum meine Kolleginnen nicht wissen, dass ich lesbisch bin

Eine Frau, die in einer Großstadt lebt, kann offen sagen, dass sie lesbisch ist, oder nicht? Unsere Community-Autorin hat an ihrem Arbeitsplatz andere Erfahrungen gemacht.

Ich bin eine Lesbe, aber vor allem ein Mensch

Vor Kurzem erst habe ich einen neuen Job angefangen. Den Alten habe ich zwar nur für drei
Monate gemacht, doch er war tatsächlich so schnöde, dass ich mich ganz schnell nach anderen Herausforderungen sehnte (aber das ist eine ganz andere Geschichte). Und nun habe ich etwas gefunden, was meine liebsten Menschen um mich herum als einen „Job, der wie für dich gemacht ist“ bezeichnen. Und es stimmt: Ich liebe das Büro, meine Aufgaben, die Kreativität, den Ablauf, die Stimmung und vor allem: meine Kollegen. Allesamt sind sie wunderbar begabt, klug und herzensgute Menschen. Rosarote Glitzer-Einhorn-Welt pur – bis ich über einen Mittagspausenplausch in ein Gespräch über Lesben verwickelt wurde.

„Schwule Männer sind so witzig und süß, aber bei Lesben, also ich weiß auch nicht, warum müssendie denn immer so männlich sein?“, schoss es einer Kollegin wie aus der Pistole heraus. Das hatte sie wohl schon länger mal loswerden wollen. Und die andere feuerte nach: „Naja, aber ich habe gelesen, dass das bei Männern biologisch ist und Frauen erst mit der Zeit lesbisch werden und meistens aus schlechten Erfahrungen heraus.“ „Aha“, denke ich mir. Und bleibe still. Denn was die beiden nicht wissen: Ich führe eine Beziehung mit einer Frau, womöglich der Liebe meines Lebens, und das seit nahezu einem Jahr.

Lesben sind nicht, Lesben werden

Und was die beiden auch nicht wissen: Ich wurde glücklicherweise nie vergewaltigt, habe keinerlei Missbrauch erfahren, habe einen ganz guten Draht zu meinem Vater und lag auch schon mit Männern in der Kiste, doch kann darüber nichts grundsätzlich Negatives berichten – bis auf die üblichen Start-, Ausdauer- und Ego-Schwierigkeiten der Männer, und, dass es mich nicht zu Höhenflügen getrieben hat … wenn ihr versteht, was ich meine. Das alles wird jedoch oft als Grund angegeben, warum Lesben zu eben dem werden: Lesben. Jawoll,
richtig gelesen: Lesben werden erst lesbisch. Und ich frage: Geht’s noch?

Erst abends realisierte ich den Inhalt dieses Gespräches vollständig und Tränen
der Wut rollten, auch irgendwie aus Wut auf mich selbst: Mir wurde meine Identität und
Sexualität abgesprochen. Schwule Männer werden so geboren, sie dürfen die kleinen, knuddeligen Teddys sein, die dich als bester Freund in jeder Lebenslage kuscheln, aber – Achtung! – manchmal auch ganz schöne Sturköpfe sein können. Ja, auch das sind Klischees. Aber für mich, als Frau mit Frau, gelten andere Stereotype: Ich trage ein kleines
Aggressiv-Ventil in mir und von mir wir erwartet, dass ich endlich meine Transformation als äußerliche Lesbe einleite, mit kurzen Haaren und so.

Die Forschung sagt etwas anderes

Doch es stimmt nicht, dass Frauen „lesbisch werden“, wie auch Everybody’s-Favorite-Lesbe
Cara Delevingne sagt: „It’s not a phase!“. Und eine Studie der Universität Berkley stellte eine abweichende Zeigefinger-zu-Ringfinger-Ratio
bei homosexuellen im Vergleich zu heterosexuellen Frauen fest, die Hinweise darauf geben könnte, dass der Fötus in der Gebärmutter einer höheren Konzentration an Testosteron ausgesetzt war. Wahnsinn – da spielt Biologie ja doch ‘ne Rolle! Nach neuesten Erkenntnissen der Universität Essex, reagieren sogar alle Frauen erregt auf einen anderen weiblichen, nackten Körper, so dass – so die gewagte These – im Prinzip alle Frauen homo- oder bisexuell sind, aber nur in seltensten Fällen rein heterosexuell. Kracher.

Ganz nebenbei bemerkt wird die „Homosexuell-Werden“-Aussage auch gerne von Corrective-Rape-Vergewaltigern, häufig auf dem afrikanischen Kontinent, als Rechtfertigung benutzt. Dieses Argument ist nicht nur gefährlich und rückt Frauen zurück in den Objektstatus, sondern es ist ebenso unfassbar, dass sich aufgeklärte Frauen, Mitte 20, mit Universitätsabschluss im 21. Jahrhundert, in der westlichen Welt darauf stützen. Fast schon so, als hätten sie noch nie etwas von Ellen Degeneres, Annie Leibovitz, Kristen Stewart, Annie Clark, Jodie Foster, Anne Will oder Dunja Hayali gehört. Aber hey – diese aufgezählten Frauen könnten auch allesamt einfach mal ‘ne Therapie absolvieren und ihr verrücktes Weltbild würde wieder zurecht gebogen.

Ich bin das gelebte Klischee eines schwulen Mannes

Ich trage lackierte Fingernägel, finde pure Entspannung darin, stundenlang im Mac-Shop nach dempassenden Lippenstift (oder auch dem, den ich noch nicht habe) zu suchen,
schaue ab und an ‚Keeping up with the Kardashians’ (Hey, jeder hat so seine Laster), trinke Prosecco zu jeder Gelegenheit und rufe ganz laut „Stößchen“, werfe mich liebend gern in Spitzenunterwäsche, bin unter meinen Freunden die wohl weltbeste Beraterin in Sachen Boys/Mode/Lebensprobleme, tanze ausgelassen zu den (zugegeben trashigen) Hits der 90er, gröle jeden Song von Britney Spears mit, bin ‘ne Drama-Queen und fürchte mich vor Mäusen. Mit anderen Worten: ich bin das gelebte Klischee eines schwulen Mannes.

Im zarten Alter von 24 Jahren habe ich mich Hals über Kopf in eine Frau verliebt und habe es
zugelassen, was für mich mit einer Menge Verwirrung und vor allem Angst einherging, da ich mir nicht sicher war, wie Freunde, Verwandte, aber vor allem die Gesellschaft reagieren würde. Ich liebe meine Freunde dafür, dass es für sie das Normalste der Welt war und bin meiner Familie sehr dankbar, dass es keine „Aber was wird aus Enkelkindern“-Szenarien gab. Nur die Gesellschaft, die hat mich bisher schwer enttäuscht, denn von feindlichen Blicken auf der Straße, wenn ich mit meiner Freundin Händchen hielt bis hin zu „Bock auf ‘n
Dreier?“-Anmachen im Klub war alles dabei.

In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Und nun kann ich noch das Gespräch auf der Arbeit dazuzählen. Schade. Ja, ich finde es einfach schade, dass es im Deutschland des 21. Jahrhunderts solche Vorurteile gibt und
diese frei geäußert werden können. Rassismus ist nicht okay, Diskriminierung aufgrund der Religion ist nicht okay, Sexismus ist nicht okay, aber unterschwellige Homophobie scheint kein Problem zu sein. In was für einer Gesellschaft leben wir denn? Warum geht es überhaupt jemanden etwas an, wie feminin eine lesbische Frau ist, oder wir burschikos? Für mich ist das einer der vielen Gründe, warum wir Feminismus brauchen – letztlich sollte es
allen Menschen erlaubt sein, ihren Lebensentwurf, der sie glücklich macht,
vorurteilsfrei leben zu dürfen.

Mehr bei EDITION F

Keine Angst, wir sind nur Lesben! Weiterlesen

Gegen Diskriminierung: Warum wir uns jetzt aufregen sollten. Weiterlesen

Kirsten Fiedler: „Diskriminierung im Netz ist durch nichts zu rechtfertigen“. Weiterlesen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

About Zeen

Power your creative ideas with pixel-perfect design and cutting-edge technology. Create your beautiful website with Zeen now.

Weitere Beiträge
„Warum wir keine Elternzeit genommen haben” – wenn Väter die Verantwortung abschieben