Foto: Claudia Weingärtner

Facebook ohne Face: Warum ich dem Netz die Fotos meiner Kinder vorenthalte

Soll man Fotos seiner Kinder in sozialen Netzwerken zeigen oder nicht? Und welcher Risiken sollte man sich bewusst sein, wenn man es tut?

 

Kinderfotos für jeden sichtbar posten?

Claudia Weingärtner schreibt ihren einjährigen Zwillingen jeden Donnerstag auf ihrem Blog „Zwillimuddi“ einen Brief. Wir freuen uns, dass sie diesen auch bei uns veröffentlicht:


Liebe Zwillis,

es gibt derzeit eine öffentliche Diskussion, die euch in ein paar Jahren wahrscheinlich so gar nicht juckt, vielleicht lacht Ihr euch auch einfach darüber kaputt. Trotzdem will ich kurz ein paar Worte dazu verlieren, denn solltet ihr es wider Erwarten nicht auf die leichte Schulter nehmen, lest bitte das hier.

Worum geht’s?

Kurz: um die Frage, ob man Bilder seiner Kinder in sozialen Netzwerken veröffentlichen sollte oder nicht. Die Debatte hat bereits ‘n Bart, taucht aber immer wieder auf, aktueller Anlass ist eine Kampagne der Polizei in Hagen. „Hören Sie bitte auf, Fotos Ihrer Kinder für jedermann sichtbar bei Facebook und Co zu posten“, warnen die Ordnungshüter eindringlich – der Beitrag ist noch keine zehn Tage alt und hat bereits 16 Millionen Menschen erreicht.

Mehr als 147.000 Leuten gefällt die Aussage, knapp 265.000 haben sie geteilt: viel Zuspruch also. Dennoch sind die Meinungen zum Thema so verschieden wie die Farben eurer bunten Bauklötze: „Meedia” hält die Botschaft für platt, schreibt von Panikmache. Eine Autorin des Tagesspiegels hingegen bezeichnet es als Missbrauch, die eigenen Kinder im Netz zur Schau zu stellen, während der Blogger Steve schon vor Monaten erklärte, dass Kinderfotos unbedingt gezeigt werden sollten.

Und wir so?

Ich hatte bis zu eurer Geburt überhaupt keine Meinung zu dem Thema. Dann wart ihr plötzlich da – und ich so ehrfürchtig und vollends beschäftigt mit der Tatsache, auf einmal Mutter von gleich zwei Babys zu sein, dass ich kaum klar denken konnte. Einerseits platzte ich vor Stolz, hätte am liebsten in die (virtuelle) Welt hinausgebrüllt wie eine Löwin, dass es euch gibt, und einfach jedem Menschen von München bis Madagaskar ein Fotoalbum zur Verfügung gestellt, mit den besten Bildern der ja nun mal wirklich süßesten Säuglinge aller Zeiten. Andererseits liebte ich die Käseglocke, unter der wir die Wochenbett-Zeit verbrachten, und wollte am liebsten niemanden (und erst recht keine Fremden!) diese Glocke auch nur ansatzweise heben lassen. Wir hatten doch schon die guten alten Geburtsverkündungskarten so schön old-school mit der Post verschickt, das müsste doch reichen?

Irgendwie nicht. Denn neben dem engsten Clan fand ich es nett, auch Ex-Freund Olli, meine spanische Intercambio-Freundin Virginia oder die alten Lieblingskommilitonen zu informieren, selbst wenn der Kontakt zu allen nur noch sporadisch ist. Also entschieden wir uns für ein Mittelding: Wir zeigten eure winzigen Hände, mit den süßen Namensperlenketten aus dem Krankenhaus.

Eine Entscheidung aus dem Bauch, bei der ich blieb – auch beim Start des Blogs ein Jahr später: Ja, ich poste Bilder. Aber nein, ich zeige nicht eure Gesichter – diese Fotos sind der Familie und Freunden vorbehalten, nichts für die Welt da draußen. Mit dieser Zwischenlösung habe ich das Rad natürlich nicht neu erfunden, viele machen das, und ehrlich gesagt: Manchmal finde ich’s bei anderen fast etwas langweilig und denke: Hä, wieso hat sie dem Kind jetzt den Kopf abgeschnitten? Oder das Gesicht des Kleinen verpixelt (kenne ich aus dem Job nur von Schwerverbrechern). Noch schlimmer: diese Buttons, die man mittels billiger Apps auf die Gesichter legen kann. Da haben Kinder plötzlich quietschgrüne Sternchen oder gezeichnete Milchflaschen anstelle von Köpfen. Ähhh: Dann doch lieber gar nicht.

Im Umkehrschluss gucke ich mir es tatsächlich gern an, wenn andere ihre Kinder posten. Da wäre zum Beispiel Caren, mit der ich damals auf der Journalistenschule war: Ihren süßen Sohn John kenne ich in sämtlichen Gemütszuständen, ohne ihn bereits ein einziges Mal live gesehen zu haben. Oder meine Bekannte Franzi, die (wie wir) von der weltbesten Hebamme betreut wurde: dank Instagram weiß ich schon, wie niedlich ihre Tochter Elsa ist, obwohl wir es noch nicht auf einen Muddi-Latte im Kiez geschafft haben. Auch die Fotos von Teresa mag ich sehr. Ich kenne sie nur aus noch kinderlosen Zeiten von einem angetrunkenen Gespräch aus der Bravo-Bar, und weiß trotzdem, dass ihre Tochter exakt ihr Lächeln hat, das einen irgendwie gleich einnimmt.

Kurzum: Ich verurteile die Mamas und Papas nicht, die ihren Alltag mit ihren Kindern ganz selbstverständlich auch in die digitale Welt übertragen. Und ich gehöre auch nicht zu den Menschen, die genervt sind von Happy-Family-Bildern, denn wenn ich irgendwen oder -was nicht sehen möchte, gibt es ja reichlich Einstellungen, um dies zu verhindern.

Natürlich kann mit Kinderfotos im Netz eine Menge passieren, davor warnte ein selbst wohl recht Facebook-affiner Anwalt schon vor Jahren. Aber es ist doch so: Die drei oben genannten Frauen sind kluge Menschen, die erstens: all das wissen, zweitens genau deshalb ihre Kinder weder nackt noch in peinlichen Situationen zeigen, weil sie drittens unter anderem durch ihre Jobs genug Medienkompetenz besitzen, und viertens ihren Kindern ebenso wenig schaden wollen wie jede andere liebende Mutter.

Im Grunde ist das alles doch wie mit der Erziehung: Die Details sollte ganz einfach jeder für sich alleine entscheiden, ohne dass Hinz und Kunz rein reden. Ich lebe gut mit meiner Variante (und fühlte mich am Wochenende durch Fotografen-Freund Parwez bestätigt, der mir schmeichelnderweise sagte, meine Art der Fotografie sei ein ästhetischer roter Faden im Blog). Ich glaube, euch mit dieser Methode Schutz zu gewähren, fühle mich moralisch auf der sicheren Seite. Und überlege mir tatsächlich bei jedem Bild, ob ich eine solche Aufnahme von mir selbst in irgendeiner Phase meines Lebens unangenehm gefunden hätte. Ist das der Fall, zeige ich das Bild nicht.

Mit dem Inhalt des Blogs mache ich es im Übrigen genauso. Alles, was mir zu intim erscheint, ans Eingemachte und über den berühmten Blick durchs Schlüsselloch hinaus geht, wird im Tagebuch niedergeschrieben, und nicht hier.

Zurück in die Zukunft: Ich denke nach wie vor, dass euer Leben in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren so (für uns heute unvorstellbar) digital sein wird, dass euch völlig schnuppe ist, was „damals“ an dieser Stelle geschah. Vermutlich ebenso, wie es mir heute egal ist, dass früher bei uns im Dorf ausgedruckte Fotos im Schaukasten an der Kirche hingen, die mich und meine Freunde beim Kinderturnen zeigten. Im Grunde ja nichts anderes: für wirklich jeden einfach einsehbar.

Falls ihr oder einer von euch mit dieser Einstellung nicht einverstanden ist, habt ihr hiermit mein Wort: Für jedes Foto, das ihr blöd, peinlich oder unangenehm findet, dürft ihr mich in einer Position eurer Wahl ablichten und das Bild ebenfalls veröffentlichen.

Deal?!

Ihr seid die besten, von hinten wie von vorne, auf Fotos so wie live – ich liebe euch!

Eure Zwillimuddi

P.S.: Diese Zeilen beschreiben den Ist-Zustand heute, ohne Gewähr, wie es weitergeht: Möglicherweise kommt ja irgendwann doch noch DAS Familienbild, das ich der Welt unbedingt zeigen will. Oder aber ich entscheide mich, die Facebook-Nummer komplett sein zu lassen, lösche alles und fotografiere euch nur noch exklusiv fürs alljährliche Weihnachtsalbum, das euer Papi immer bekommt. Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, wusste ja schon Forrest Gumps Mama: man weiß nie, was (man be-) kommt…

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