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Permanente Existenzangst: Wie mein Alltag als Unternehmerin wirklich aussieht

Pflichten wie Großunternehmen, Rechte schlechter als Hartz IV-Empfänger – so geht Deutschland mit Einzelunternehmern und Selbstständigen um. Ein Erfahrungsbericht.

Das Ziel ist immer eine Festanstellung 

Am 22. März 2017 veröffentlichte das ZDF Magazin Zoom einen Beitrag mit Sina Trinkwalder zum Thema Leiharbeit und prekäre Arbeitsverhältnisse. Bei einem Satz von Frau Trinkwalder hat es bei mir sinnbildlich „Zoom“ gemacht:

„Wie will man denn ohne Sicherheit sein Leben gestalten? Er {der Leiharbeiter} lebt in dauerhafter Angst, dass er morgen nicht mehr gebraucht würde. Und das macht ihn kaputt.“ (Sina Trinkwalder)

Ich teile Sina Trinkwalders Einstellung hinsichtlich Leiharbeit und Zeitarbeit absolut, auch wenn ich zugeben muss, dass ich schon selbst Gebrauch davon machen musste, weil ich einfach keine Mitarbeiter fand. Allerdings immer mit dem Ziel so einen neuen, festen Mitarbeiter im Betrieb zu gewinnen.

Aber das ist nicht der Grund, weshalb es „Zoom“ gemacht hat. Ich bin Einzelunternehmerin im Baunebengewerbe mit Leidenschaft und versorge neun Mitarbeiter. Ein kleines Unternehmen mit vielen Herausforderungen. Ich bin eine soziale Unternehmerin, bezahle meine Leute gut, bin bemüht für alle ein gutes Betriebsklima zu schaffen und die Möglichkeit Beruf und Leben gut zu vereinbaren. Mein Unternehmen ist kein Multimillionen-Dollar-Konzern, sondern eines von den vielen in Deutschland, die jeden Tag hart für den Erhalt der Arbeitsplätze und des Unternehmens arbeiten müssen. Am Ende des Tages hängt meine eigene Existenz daran und manchmal bin ich wütend angesichts der Ignoranz und Arroganz der Gesellschaft und des Staates gegenüber uns Unternehmern und Selbstständigen. Vor allem Frauen haben immer wieder das Nachsehen.

Unternehmen Unsicherheit 

Nicht nur, dass ich mehr leisten und können muss als meine männlichen Kollegen in einer männerdominierten Branche. Oder dass ich als Alleinerziehende ohne die Unterstützung meiner Eltern gar keine Chance auf die Realisierung meines Unternehmeralltages hätte. Und dass ich in allen Belangen, von der Arbeitssicherheit bis hin zu allen rechtlichen Facetten eines Arbeitsverhältnisses, Bescheid wissen muss. Wenn ich als Einzelunternehmer einen entscheidenden Fehler begehe oder unverschuldet in eine missliche Situation komme, dann hafte ich im Zweifel mit meiner gesamten Existenz. Und das auch noch zu dem Preis, dass es am Ende jeder Hanswurst besser gewusst hat.

In Deutschland gibt es zwei Absicherungskonzepte für kleine bis mittelständische Unternehmen: Du gründest eine GmbH. Dafür muss genügend Kapital vorhanden sein, damit man nicht wieder als Privatperson die Aufnahme von Krediten absichern muss. Alternativ kannst du auch heiraten. Kein Scherz. Dann überschreibst du deinen kompletten Besitz dem Ehepartner und los geht’s. Nicht wenige leben in Wahrheit vom Gehalt des Ehepartners. Einfach weil das Geschäft sich zu manchen Zeiten gerade selbst so trägt. Für die Unternehmerin selbst bleibt da nichts mehr übrig. 

Aber was ist mit denen für die diese beiden Konzepte nicht in Frage kommen? Menschen wie ich, die Vollblutunternehmer sind und bereit für ihre Entscheidungen auch die Konsequenzen zu tragen, Gründer die mit Fleiß und Ideenreichtum punkten und keine Millionenbeiträge im Rücken hatten bei der Gründung und es trotz allem wagen? Oder Frauen, die keinen Partner haben, der sie absichert im Notfall?

Selbstständig in prekären Verhältnissen 

Immer öfter höre ich in letzter Zeit von jungen Frauen, die hochschwanger noch zehn Stunden Tage arbeiten, weil sie es sich schlichtweg nicht leisten können, kürzer zu treten. Selbstständige Fußpflegerinnen, Kosmetikerinnen, Friseurinnen, Logopädinnen und, und, und … Sie haben sich aus Freude an ihrem Beruf selbstständig gemacht und versorgen, zum Beispiel hier auf dem Land viele Menschen. Sie sind oft viel unterwegs und verdienen meist trotzdem weniger als den Mindestlohn. Aber für sie gibt es keinen vollen Lohnausgleich bei Schwangerschaft oder Krankheit.

Wo bei Arbeitnehmern der Staat hilft, klafft für den Selbstständigen und den Unternehmer ein riesiges Loch. Natürlich kann man sich für manches privat versichern, aber oft reicht das Verdiente ja gerade mal zum Leben. Wovon dann also Vorsorge betreiben? Abgesehen davon, dass sich viele Risiken nicht einmal absichern lassen. Von Altersvorsorge ganz zu schweigen.

Warum gibt es zum Beispiel keine Arbeitslosenversicherung für Unternehmer und Selbstständige? Wir arbeiten in der Regel zwischen zehn und 16 Stunden pro Tag, versuchen etwas für uns, unsere Kinder, unsere Mitarbeiter und unsere Kunden zu schaffen. Investieren jede Menge unserer Lebenskraft, unseres Vermögens und unserer Zeit. Aber scheitern wir, sind wir nur die Versager. Keiner ist mehr bereit unsere Arbeit anzuerkennen die wir geleistet haben.

Wo bleibt die Wertschätzung?

Dann sind Jahre, ja sogar Jahrzehnte, in denen man die Gesellschaft mitfinanziert hat, keinen Pfifferling mehr wert. Keiner zahlt uns eine Abfindung in Millionenhöhe wie in Großkonzernen. Manchmal gibt es nicht mal ein freundliches Lächeln. Und oben drauf kommt noch die Häme. Von all denen, die es schon immer besser gewusst haben. Die dem Gescheiterten noch erklären, warum und wieso sein Konzept ja nett gedacht war, aber eh nie funktionieren konnte. Und mitunter der soziale Absturz, wenn keine Familie da ist, die es abfängt. Und nicht zuletzt die psychische Komponente: Vom Entscheider und Macher zum Bittsteller und Gescheiterten.

Bei der Leistungserbringung für die staatlichen Behörden haben wir Unternehmer, egal wie klein der Betrieb ist, die gleichen Pflichten wie Großunternehmen. Ob machbar oder nicht müssen wir alle Felder unserer „Pflichten“, wie Steuern, Versicherungen, Recht, Personal, überblicken und beherrschen und das bei stetig steigender Bürokratisierung und immer undurchsichtiger werdendem Regeldschungel. Manchmal fühle ich mich mit einem Bein im Knast, weil ich merke, dass ich das gar nicht mehr alles überblicken kann. Ich bin Betriebswirt und nicht Rechtsanwalt und Steuerfachwirt.

Wieviel Wochenende verbringen ich damit „in Ruhe“ Rechnungen zu schreiben, weil ich in der Woche nur mit Dingen beschäftigt bin, die effektiv gar nicht zu meinem Unternehmen gehören? Da ein Bogen fürs Arbeitsamt, dort eine statistische Erhebung des Bundesamtes für Tralala, hier eine Abfrage der Berufsgenossenschaft und so weiter und so fort.

Ich bin nicht eure Melkkuh

Steuern und Abgaben sind sofort nach Festlegung zu leisten, gern auch auf Grund abstruser Schätzungen. Bei Verzug wird auch ganz schnell mal das Konto gesperrt. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde der Staat Folgendes entgegnen: „Ein Kunde hat nicht gezahlt? Tja, ihr Problem. Müssen Sie halt vorsorgen. Ach und die Umsatzsteuer, die hätten wir dann auch schon gern im Voraus. Also wenn sie die Rechnung stellen, nicht erst wenn sie das Geld haben. Muss doch drin sein, oder?”

„Sie haben die letzte Ausschreibung verloren, weil sie auf Grund ihrer hohen Lohnkosten nicht konkurrenzfähig sind und sich der Gewinner einen Dreck um den Mindestlohn schert? Ihr Problem! Wir als Staat vertreten die Doppelmoral: Sie zahlen Mindestlohn und unterschreiben das bitteschön auch. Wie sie das dann intern regeln und das wir ein Angebot annehmen, dass bei normaler Kalkulation nicht möglich ist – Was schert‘s uns!”

„Ihr Mitarbeiter hat sie vor Zeugen mehrfach angeschrien, die Arbeit verweigert, kleinere Diebstähle begangen … ihr Problem. Fristlose Kündigungen sind nie angemessen. Sie wollten doch Unternehmer sein, da muss man schon was aushalten können.” Leider ist nur der Ton ironisch, nicht der Inhalt. All das habe ich selbst erlebt.

Zweierlei Maß – wie wir gegeneinander ausgespielt werden

Ich würde den Satz von Sina Trinkwalder im Hinblick auf die prekäre Situation vieler Unternehmer und Selbstständiger wie folgt, auf meine Situation übertragen, umformulieren: „Wie will man denn ohne Sicherheit sein Leben gestalten? Wir leben in dauerhafter Angst einen Fehler zu machen, einen Kunden zu erwischen der nicht zahlt, eine wichtige rechtliche Regelung zu übersehen, Mitarbeitern ausgeliefert zu sein, die dem Unternehmen offensichtlich schaden oder der Behördenwillkür. Wie viele Tage des Jahres wir mit Problemen ins Bett gehen, die uns nicht schlafen lassen. Und wenn wir krank sind, stehen wir trotzdem auf, weil wir gebraucht werden. Existenzangst macht kaputt.“

Ja, ich habe mich entschieden Unternehmerin mit allen Konsequenzen zu sein. Ja, ich habe mir vorher überlegt, was auf mich zukommen könnte. Nein, ich habe nicht gewusst, dass es so hart werden würde. Trotzdem möchte ich nichts anderes mehr machen. Ja, mein Beruf hat viele Vorteile gegenüber dem Arbeitnehmerleben, aber er hat eben auch viele Nachteile. Ich möchte hier keine Aufrechnung Arbeitnehmer gegen Arbeitgeber. Alles was ich mir wünsche ist, dass wir den Unternehmer und den Selbstständigen nicht immer nur als reichen Fettsack sehen, der auf Kosten seiner Mitarbeiter lebt und sich ein schönes Leben macht. Das trifft auf die wenigsten zu. Ich wünsche mir, dass unsere Arbeit, unsere Gesundheit und unsere Lebensqualität genauso wertgeschätzt werden, wie die von Arbeitnehmern.

Nur gemeinsam können wir eine Arbeitswelt schaffen, die für alle lebenswert ist. Und das sollte ein Ansporn sein, denn wir verbringen mehr als ein Drittel unseres Tages damit. Und ein Leben nur für den Feierabend, das Wochenende und den Urlaub ist verschwendete Lebenszeit.

Die Unternehmerin Nancy Nielsen. (Quelle: privat)

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