Foto: www.die-liebeskuemmerer.de

Was gegen Liebeskummer wirklich hilft – Elena weiß es

Keine Lust zu essen oder rauszugehen, null Energie, nur unendlicher Herzschmerz. Doch deswegen unter der Bettdecke verkriechen? Besser nicht. Was man stattdessen gegen Liebeskummer machen kann, weiß Elena Sohn von der Agentur „Die Liebeskümmerer“.

Schokolade zum Frühstück

Bridget Jones sitzt mit verheulten Augen auf dem Sofa, raucht aus Frust eine Zigarette nach der anderen und stopft tonnenweise Schokolade in sich hinein: ein bisschen Schoki für die Seele, Rauchen zum Runterkommen, und dann ist der Liebeskummer auch ganz schnell wieder vorbei…

Von wegen! Dass Liebeskummer weder ein harmloses Wehwehchen noch irgendwie putzig, sondern wirklich ernst zu nehmen ist, weiß Elena-Katharina Sohn aus eigener Erfahrung. Nachdem sich ihr damaliger Freund vor sieben Jahren von ihr trennte, warf sie der Liebeskummer derart aus der Bahn, dass sie die Idee hatte, für alle Menschen mit gebrochenem Herzen ein professionelles Hilfsangebot zu schaffen: „Die Liebeskümmerer“.

„Liebeskummer ist ein ernst zu nehmendes Problem.“  Quelle: www.die-liebeskuemmerer.de

Seit 2011 hilt sie nun gemeinsam mit Psychologen und Therapeuten Verlassenen dabei, vom Herzschmerz ganz schnell wieder in die Normalität zurückzufinden: je nach Bedarf persönlich, telefonisch oder auch nur per Mail. Was sie in den vergangenen fünf Jahren aus rund 3000 Fällen gelernt hat, was Liebeskummer eigentlich ist, und wie sie meint, helfen zu können, erzählt sie uns im Interview.

Der Normalfall wäre gewöhnlich, mit engen Freunden oder Familie über den Liebeskummer zu sprechen. Wie, glaubt ihr, aus der Ferne helfen zu können?

„Wir wollen Familie und Freunden auf keinen Fall Konkurrenz machen, das Gegenteil ist der Fall. Wir animieren dazu, die persönlichen Liebeskümmerer im eigenen Umfeld intensiver in Anspruch zu nehmen. Doch schlimmer Liebeskummer dauert meist sehr lange – länger als viele ihrem Freundeskreis zumuten wollen. In einer solchen Phase tendiert man dazu, sich um die immer gleichen Fragen zu drehen, daher trauen sich viele Betroffene einfach nicht mehr, ihre Sorgen anzusprechen.“

Wenn man selbst gegenüber Freunden Hemmungen hat, offen vom eigenen Herzschmerz zu erzählen – würdest du behaupten, dass Liebeskummer in der Gesellschaft ein Tabu-Thema ist?

„Unter Erwachsenen wird Liebeskummer einfach nicht ernst genommen. Anfangs bin ich davon ausgegangen, dass die meisten direkt bei uns anrufen werden, um einen Beratungstermin zu vereinbaren, doch die Mehrheit sucht den Erstkontakt per Mail. Die Hemmschwelle, mit seinem Liebeskummer öffentlich zu sein, die Anonymität schnell aufzugeben oder mit jemandem direkt darüber zu sprechen, ist leider relativ hoch. Das ist ein echtes Problem.

Bei einer Umfrage, die ich vor drei Jahren durchgeführt habe, stellte sich heraus, dass sich 91 Prozent der von Liebeskummer Betroffenen mit ihrem Schmerz von der Umwelt nicht ernst genommen fühlen.“

Als was würdest du Liebeskummer denn definieren?

„In der Psychologie würde man Liebeskummer als Anpassungsstörung bezeichnen. Das heißt: Ein Mensch hat ein Problem, sich an eine veränderte Lebenssituation anzupassen. Viele sagen, dass sich Liebeskummer anfühlt wie eine Depression – im Prinzip ist die Symptomatik bei Liebeskummer in abgeschwächter Form auch die gleiche, die man in einer depressiven Episode vorfinden würde.“

Würdest du also behaupten, Liebeskummer ist eine richtige Krankheit?

„Im schlimmsten Fall kann das so sein, Liebeskummer kann durchaus eine richtige Krankheit sein. Jeder, der schon mal Liebeskummer hatte, weiß, dass es nicht nur psychisch anstrengend ist, sondern auch im Körper massiven Stress verursachen kann.

Liebeskummer wird in den Medien leider sehr hochstilisiert, aber es gibt tatsächlich eine Art Pseudo-Herzinfarkt, auch ,Broken-Heart-Syndrom‘ genannt. Dieser wird durch Stress ausgelöst und kann speziell bei Frauen jenseits der Menopause auftreten. Zwar passiert das äußerst selten und verläuft auch in seltenen Fällen tödlich, aber ja, es ist definitiv möglich. “

In den Medien wird Liebeskummer nicht nur hochstilisiert, sondern auch oftmals als Teenie-Problem dargestellt.

„Ja, leider! Ich kämpfe immer wieder gegen das Klischee von Liebeskummer-Patienten an, die wie Bridget Jones auf dem Sofa sitzen und tonnenweise Schokoladeneis essen – das ist Blödsinn. Ich habe den ganzen Tag mit Leuten Kontakt, die Liebeskummer haben, und in der Regel nehmen diese eher ab, weil ihnen jeder Appetit vergeht. Ihr größeres Problem ist, dass sie nichts mehr zu sich nehmen können. Und all diese Klischees von Fressattacken sowie jeder Menge Schokolade verharmlosen das Ausmaß von Liebeskummer und machen es eher zu etwas Putzigem.“

Und wie genau wollt ihr dem Klischee entgegenwirken und den Betroffenen helfen?

„Die Leute haben im Liebeskummer leider die Tendenz, zum einem gedanklich in einen negativ-Tunnel zu verfallen und sich zum anderen gedanklich viel mehr mit dem Ex-Partner auseinanderzusetzen als mit sich selbst. Das kennt vermutlich jeder, der schon mal Liebeskummer hatte. Man fragt sich ständig: Was macht er jetzt? Was denkt er jetzt? Wo ist er wohl?

Dabei ist es viel wichtiger, sich auf die eigenen Ressourcen zu konzentrieren. Das bedeutet, sich zu fragen: Was gibt es eigentlich noch in meinem Leben, das mich glücklich macht, das mich stabilisieren kann?“

Sind die Reaktionen der Betroffenen denn immer gleich oder gibt es verschiedene Arten von Liebeskummer?

„Auf der einen Seite gibt es die Menschen, die zwar schnell in einen Schockzustand verfallen, aber auch wieder schnell auf ihren eigenen Füßen stehen. Das sind meist diejenigen, die zumindest vor ihrer Partnerschaft auch viele andere Dinge hatten, die sie glücklich gemacht haben und die können sie eben wieder schnell reaktivieren.

Den meisten Liebeskummer haben aber die Menschen, die versuchen, ihr gesamtes Lebensglück aus Partnerschaften zu ziehen. Denn wenn die Partnerschaft auf einmal nicht mehr existiert, ist ja klar, dass das Herz zerbricht.“

Wie sollte denn das perfekte Lebensglück deiner Meinung aussehen? Welchen Anteil daran sollte eine Beziehung haben?

„Im Optimalfall hat man fünf bis sechs ähnlich große Glücksquellen, die das Herz zusammensetzen: Freunde, Familie, ein Hobby oder auch ein Job, der Spaß macht. Wenn man das geschafft hat, ist man nicht nur selbst zufriedener, sondern hat zusätzlich den schönen Nebeneffekt, dass die Partnerschaft auch besser funktioniert. Wenn man selbst nicht mehr diese Abhängigkeit hat vom Partner, kann man selbst ein viel besserer Partner sein.“

Wenn du jeden Tag so viele emotionale Geschichten von Trennungen und Herzschmerz erfährst, kannst du da noch Abstand bewahren?

„Es ist nicht so, dass mich die konkreten Fälle noch abends beschäftigen, wenn ich im Kino sitze. In dem Moment, wenn ich mit der Person spreche, bin ich voll präsent und fühle mich ein, aber danach lasse ich die Person auch wieder laufen bis zum Moment des Wiedertreffens.

Doch das Hilfsangebot als mein Baby und auch der Wunsch zu helfen, nimmt mich seit fünf Jahren voll in Beschlag. Inzwischen kann ich Elena, die Privatperson, und Elena, die Liebeskümmerin, gar nicht mehr voneinander trennen.“

Gibt es denn eine Geschichte, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

„Es gibt viele, aber diese war besonders einschneidend: eine junge Frau, die abends nach Hause kommt und der Partner ist wie vom Erdboden verschluckt. Er hat seine Wohnung gekündigt, seinen Telefonvertrag aufgelöst, einfach untergetaucht. Das ist vor vier Jahren passiert. Ich habe immer noch mit ihr Kontakt und sie weiß noch immer nicht, wo der Typ abgeblieben ist, auch seine Familie nicht. Sie wähnte sich in einer glücklichen Beziehung und plötzlich war der Typ weg. Natürlich hat dieses Erlebnis nicht nur Liebeskummer, sondern ein richtiges Trauma ausgelöst.“

Gehen Frauen und Männer deiner Erfahrung nach unterschiedlich mit Liebeskummer um?

„Dass allein 95 Prozent unserer Kunden weiblich sind, zeigt: Frauen gehen extrovertierter mit ihrem Liebeskummer um, zumindest was die Kommunikation angeht. Das heißt, Frauen, die Liebeskummer haben, rufen die beste Freundin an oder die Mutter und reden vielleicht auch mit ihrer Arbeitskollegin. Frauen haben einen sehr großen Kommunikationsbedarf in ihrer Situation, doch im Alltagsverhalten ziehen sich Frauen in ihre eigenen vier Wände zurück und bleiben zu Hause.

Männer machen genau das Gegenteil: Sie reden wenig bis gar nicht, aber gehen nach draußen, suchen die Ablenkung, machen Sport, treffen sich mit ihren Freunden, haben auch schnell wieder den ersten One-Night-Stand. Das ist eine sehr unterschiedliche Art der Verarbeitung.“

Warum wird das Bedürfnis nach Liebeskummer-Hilfe speziell in unserer Generation immer stärker?

„Zum einem glaube ich, dass die Professionalisierung von solchen psychologischen Dienstleistungen überhaupt zunimmt, das finde ich erfreulich. Zum anderen nimmt die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, einfach ab.

Liebeskummer haben die Leute natürlich schon immer gehabt, aber dass es gerade die nachwachsenden Generationen stärker treffen wird, liegt einfach daran, dass die Beziehungen kürzer werden. Die Trennungsanfälligkeit von Partnerschaften steigt enorm. Und mehr Trennungen bedeuten automatisch öfter Liebeskummer.“

Und, was ist dein persönlicher SOS-Tipp für Liebeskummer?

„Konzentriere dich auf dich selbst und nicht auf deinen Ex-Partner.“

Mehr bei EDITION F

Hat die Liebe ein Verfallsdatum? Weiterlesen

Liebe: Warum mich diese Suche nach dem „Seelenverwandten“ einfach nur noch nervt. Weiterlesen

Ausnahmezustand: Was mit uns passiert, wenn wir lieben. Weiterlesen

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.