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Kaum hat man als Junge mal ein Kleid an, gilt man schon als geschlechtsverwirrter Freak

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Warum gilt ein Mädchen, das als Ritter zum Kita-Fasching gehen will, als Cool Kid, und ein Junge im Elsa-Kostüm als Freak?

Ein Junge im Rock? Huch!

Um grob auf den Punkt zu bringen, was bestimmt nicht nur mir in letzter Zeit gehäuft auffällt: Mädchen, die sich dem im Mainstream weiterhin stark verankerten Einhorn-Elsa-Glitzerwahn widersetzen, gelten als cool; kommt der Sohn aber auf die Idee, sich eine Puppe zum Geburtstag zu wünschen oder ein Kleid in die Schule anziehen zu wollen, stellen sich bei vielen schon beim Gedanken daran die Zehennägel auf. Da stimmt doch was nicht, oder?

Vor einigen Tagen posteten wir auf Facebook einen älteren Text einer Community-Autorin, in dem die Autorin an die Notwendigkeit von rosa Glitzerklamotten auch für Jungs erinnert. Sie schreibt: „(…) deswegen ist es unbedingt notwendig, dass wir unseren Blick schärfen für all die Momente, in denen wir unseren Söhnen Sachen, die als weiblich konnotiert sind, vorenthalten. Diese vermeintlich weiblichen Dinge sind nämlich genauso wertvoll! Unsere Entscheidungsmacht fängt schon lange an, bevor wir überlegen, ob der Sohn seine Freizeit mit Hockey oder mit Tanzen verbringen soll. Sie beginnt ab dem ersten Tag und spiegelt sich zu Beginn besonders in der Kleidung wider“.

Cool Kid statt geschlechtsloser Freak

In den Kommentaren darunter berichteten Leserinnen über ihre Erfahrungen in der Debatte um Geschlechterklischees bei Kindern, auch hier: Für die Töchter ist es in der Regel immer einfacher, sich Geschlechterklischees zu widersetzen und angebliche „Jungsnischen“ zu besetzen. Für Mädchen wird es (zum Glück) einfacher, jenseits der Mädchen-Schublade ihre Individualität zu entwickeln und zu leben; viele Eltern haben mittlerweile kapiert, dass sie ihren Töchtern helfen, wenn sie ihnen nicht im Weg stehen oder im besten Fall sogar ermutigen, für Naturwissenschaften, technische Berufe, Coding oder was auch immer zumindest ein Anfangsinteresse zu zeigen. Mädchen, die in der Kita in ausgewaschenen Jeans, Pulli und Kurzhaarfrisur rumlaufen, werden (zumindest in aufgeklärten Großstadt-Filterblasen) vor allem von Erwachsenen eher als die Cool Kids empfunden und nicht als geschlechtslose Freaks.

Für Jungs gilt in der Regel leider immer noch: Gehst du mit einem Rock in die Kita, bist du ein etwas seltsames Früchtchen und gut für einen Netz-Hype: 2012 gelangte der freie Journalist Nils Pickert zu einiger Berühmtkeit, als ein Bild von ihm und seinem Sohn viral ging – der Sohn im Kleid, er im Rock. Er hatte ursprünglich in der „Emma“ darüber geschrieben, dass er aus Solidarität zu seinem Kleider liebenden Sohn begonnen hatte, einen Rock zu tragen.

Meine kleineren Kinder gehen in eine Kita, die vor langer Zeit innerhalb eines linken Frauenzentrums in Berlin-Kreuzberg gegründet wurde und bis vor einigen Jahren nur Mädchen aufnahm. Klar, dass das ein herrliches Biotop ist, was Erzieherinnen und Elternschaft betrifft, um zumindest halbwegs geschlechterklischeefrei den Tag rumzukriegen. Aber auch hier, das muss ich ganz klar sagen, ist kein ganz großer Durchbruch zu spüren, auch hier hat die Mehrheit der Mädchen gern rosa Kram an und gestaltet ausdauernd Bügelperlenbilder, während ein Großteil der Jungs den Toberaum auseinandernimmt. Niemand aber (außer natürlich das ein oder andere grausame Kind, das es überall und immer geben wird) käme auf die Idee, einem Jungen blöd zu kommen, weil er ein Kleid trägt oder Nagellack.

Schmerzhafte Löcher in der Filterblase

Mein sechsjähriges Kind – ein Junge – geht seit einem halben Jahr in die Schule. Eine „ganz normale Stadtteil-Schule“, wie das immer so schön heißt, wenn man sich dagegen entschieden hat, das Kind auf der Waldorf- oder einer anderen Privatschule unterzubringen. Meine heile Frauenzentrum-Kita-Filterbubble hat seitdem erhebliche und schmerzhafte Löcher bekommen.

Nach etwa zwei Wochen wünschte sich das Kind, für die Schule die Nägel lackiert zu bekommen. In vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem Gender-Regime an einer „ganz normalen Stadtteil-Schule“ kämpfte ich innerlich mit mir: Ich wollte ihm so gern abraten um ihm das zu ersparen, was unweigerlich kommen würde. Andererseits: Ich bin Redakteurin bei Edition F! Wer, wenn nicht ich, hat dafür zu sorgen, dass sechsjährige Jungen gefahrlos mit „Pink Flamingo“-Nagellack auf den abgekauten Nägeln in der Schule erscheinen können? So fiel dann also die Entscheidung.

Am nächsten Tag kehrte das Kind natürlich niedergeschlagen aus dem Hort zurück und befahl, den Nagellack unverzüglich und restlos zu entfernen. Es ist so unoriginell, aber: Mehrere Jungen hätten ihn geärgert und gesagt, Nagellack würden nur Mädchen tragen.

Das Bittere: Ich kann ihm noch so oft sagen, dass das absoluter Bullshit sei und jeder, der wolle, Nagellack tragen könne: Damit richte ich nichts aus. Mittlerweile sind wir so weit, dass das Kind seine pinken Handschuhe immer schon vor der Schule ausziehen und in der Schultasche verstauen will, und es hat verfügt, ab sofort keine roten Unterhosen mehr anziehen zu wollen an den Tagen, an denen Sportunterricht stattfindet, aus Angst, geärgert zu werden.

Pervertiertes Gender-Marketing

Mich macht das wahnsinnig sauer. Was soll ich meinem Kind sagen? Am liebsten wäre mir: „Mach dir nichts draus, das sind alles beschränkte, intolerante, engstirnige, von Machismo-Gedanken durchsetzte Vollidioten, deren Eltern offensichtlich versäumt haben, ihnen beizubringen, dass es wichtigere Fragen im Leben gibt als die, welche Farbe die Handschuhe des Sitznachbarn haben.“

Ich verlange ja überhaupt nicht viel. Aber wir sind eindeutig auf dem falschen Weg.  Dass spätestens in der Grundschule die Geschlechtertrennung meistens perfekt ist und es auf Geburtstagspartys schon fast zum „Wow“-Moment taugt, wenn ein Kind des anderen Geschlechts zugegen ist – unerfreulich. Dass Gender-Marketing immer perversere Züge annimmt – für den Kampf gegen Geschlechterklischees auch nicht eben förderlich.

Das Wichtigste wäre ja eigentlich so einfach: Jedes Kind müsste in seinem Elternhaus ganz kompromisslos vermittelt bekommen, dass es schlicht egal ist, ob jemand sich als Junge oder Mädchen begreift; dass es egal ist, welche Farben er oder sie gern trägt; dass es egal ist, für welche Filme, Bücher, Seiten im Playmobil-Katalog er oder sie sich interessiert. Mir ist schon klar, dass das nicht wirklich verfängt, angesichts der von Geschlechterklischees zersetzten Welt, in der Kinder heute aufwachsen.

Warum aber, um zurück zur Ausgangsfrage zu kommen, ist es für Mädchen scheinbar einfacher, sich jenseits des Geschlechter-Mainstreams zu positionieren? Nun, Frauen kämpfen seit Jahrzehnten gegen stereotype Zuweisungen und die Freiheit, jede Entscheidung unabhängig von einer Geschlechtszugehörigkeit treffen zu können und ebenso bewertet zu werden. Natürlich profitieren davon auch Mädchen.

Jungen in einer geschlechtsspezifische Enge

Auf der anderen Seite aber fehlt natürlich eine ähnliche Bewegung; und das führt in der Konsequenz dazu, dass viel zu wenig im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert ist, wie extrem schon kleine Jungen in eine geschlechtsspezifische Enge gedrängt werden.

Und das im Übrigen über Milieugrenzen hinweg, wage ich zu behaupten: Ich selbst treibe mich in einem eher aufgeklärten und fortschrittlichen, großstädtischen Eltern-Milieu herum (wobei auch hier Väter für ihre zwei Monate Urlaub, äh Elternzeit, Schulterklopfen erwarten, aber anderes Thema). Aber wie viele von diesen Vätern würden denn tatsächlich ganz abgeklärt das Playmobil-Feenschloss ins Zimmer stellen, sollte der Sohn danach verlangen? Wie vielen wäre nicht ganz wohl dabei, wenn der Sohn mit Kleidchen in die Kita oder gar in die Schule gehen will? Da haben wir das Problem. Insgeheim, da bin ich überzeugt, sind selbst in diesem Milieu die meisten Eltern, und dabei eher die Männer, froh, wenn der eigene Sohn einigermaßen in der stereotypen Spur bleibt. Und das wiederum liegt natürlich daran, dass auch den relativ jungen Männern zwischen Mitte 20 und Mitte 40 ein Diskurs fehlt, wie ihn Frauen dank der feministischen Bewegung seit Jahrzehnten führen.

Veränderung auf Kosten meines Kindes?

Was also Jungs betrifft, stehen wir noch viel mehr am Anfang als bei Mädchen; und das kann im Einzelfall hart sein; an der Herangehensweise jedes einzelnen von uns an dieses Problem entscheidet sich, wie schnell oder langsam sich unsere Gesellschaft zum Besseren verändert.

Deshalb müssen erstmal noch einige Eltern über ihren eigenen Schatten springen, fürchte ich. Im Zweifelsfall die Flasche „Pink Flamingo quick dry“ rausholen, außer man hat tatsächlich Anlass, um die körperliche Unversehrtheit des eigenen Kindes zu fürchten, sollte es in einem bestimmten Aufzug irgendwo aufkreuzen.

Und nein: Ich halte es nicht für das Scheitern feministischer Erziehung, wenn die eigene Tochter den ganzen Elsa-Glitzer-Horror mitmacht und nur noch auf Einhörnern reiten will, oder der Sohn nur noch von Star Wars, Ninjago oder der Bundesliga-Tabelle faselt. Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass nicht jede Schule und jede Kita so funktioniert wie der genderneutrale Kindergarten, über den ich neulich geschrieben habe.

Ich will doch wirklich nicht mehr als ein paar grundsätzliche Basics empathischen Verhaltens. Jedes Kind soll selbst entscheiden, was es in welcher Phase seiner Entwicklung gut findet. Es geht einzig und allein darum, verschiedene Möglichkeiten aufzuzeigen; es geht darum, dem eigenen Kind zu signalisieren, dass es machen kann, was es will, aber die Vorlieben anderer auch immer völlig in Ordnung sind.

Mir ist schon klar, dass es immer eine Mehrheit des Mainstream geben wird. Damit kann ich klarkommen. Aber rote Unterhosen für alle sollten doch mindestens der kleinste gemeinsame Nenner sein können, verdammt!

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