Foto: Twitter - Michelle4trump

Mit Body-Shaming werben? In London ist jetzt Schluss damit

Der neue Londoner Bürgermeister verbietet Werbung, die ein unrealistisches oder ungesundes Körperbild glorifiziert. Braucht es ein solches Verbot?

 

Schluss mit Body-Shaming!

Der neue Londoner Bürgermeister Sadiq Khan hat vergange Woche mit seiner ersten offiziellen Amtshandlung für Aufsehen gesorgt: Er kündigte an, dass es im Verkehrsnetz der britischen Hauptstadt keine Werbung mehr geben wird, die ein unrealistisches oder ungesundes Körperverständnis propagiert. Damit löst er eines seiner Wahlversprechen ein.

Auslöser dafür war eine Plakatwerbung des Nahrungsergänzungsmittelherstellers „Protein World“, auf der eine sehr schlanke Frau im Bikini und die Frage: „Are you beach body ready?“ zu sehen war. Gegen diese Kampagne organisierten sich vergangenes Jahr starke Proteste. Eine Petition auf der Website change.org gegen die Kampagne erhielt über 70.000 Unterschriften. Daraufhin hat die englische Werbeaufsichtsbehörde die Plakate zuerst temporär abhängen lassen, um sie schlussendlich komplett zu verbieten – und der damalige Bürgermeisterkandidat machte ein vollständiges Verbot solcher Werbung zu einem seiner Wahlversprechen.

As the father of two teenage girls, I am extremely concerned about this kind of advertising which can demean people, particularly women, and make them ashamed of their bodies. It is high time it came to an end.



Das Verbot hat allerdings auch viele Kritiker, die zum Beispiel Anstoß daran nehmen, dass Khan gläubiger Moslem ist. In diesem Zusammenhang äußerten sie den Verdacht, dass es dem Bürgermeister weniger um das Problem des Body Shaming als viel mehr um die Durchsetzung seiner muslimischen Werte ginge. Und das englische Boulevardblatt „The Sun“ ließ es sich nicht nehmen, einen reißerischen Artikel zu dem Verbot zu schreiben, in dem die Autorin argumentierte, dass Khan sich wie ein Vater für ganz London aufspiele, der sie dann wohl demnächst auch zwingen würde, um zehn Uhr abends zuhause zu sein. 

Die Situation in Deutschland ist kaum anders 

Ähnliche Kritik musste sich auch Heiko Maas anhören, als er im April dieses Jahr ankündigte, sexistische Werbung in Deutschland zu verbieten. In dem Gesetztesentwurf, bei dem sich der Justizminister von dem Netzwerk „Pinkstinks“ beraten ließ, geht es darum, künftig Werbung verbieten zu können, die Frauen oder Männer auf Sexualobjekte reduziert. Damit will er ein modernes Geschlechterbild in der deutschen Gesellschaft etablieren. Der FDP-Chef Christian Lindner findet, dieser Entwurf sei an Spießigkeit ja wohl kaum zu überbieten.

Und Dagmar Rosenfeld sieht in ihrem Artikel in der „Zeit“ sogar die Gefahr der Diskursmanipulation durch den Gesetzesentwurf, in dem durch eine gesamtgesellschaftliche Debatte von den ausländischen Tätern der Silvesternacht in Köln abgelenkt werden soll. Das ist einfach nur absurd.

Was bringt das Verbot?

Sicherlich kann man darüber streiten, ob ein generelles Verbot die richtige Lösung ist. Unstrittig muss aber sein, dass sich an dem Geschlechterbild in unserer Gesellschaft etwas ändern muss. Das zeigen einmal mehr die vielen Fälle von sexualisierter Gewalt, die in den letzten Wochen thematisiert wurden. Und Werbung hat nun einmal einen großen, oft unbewussten Einfluss auf Gesellschaftsbilder und Stereotype.

Im Falle des Londoner Verbots, lohnt es sich den Artikel, der englischen Journalistin Jessica Brown für „The Independent“ zu lesen. Dort beschreibt sie die Gefahr, die für junge Menschen von Werbung ausgeht, die ein unrealistisches Körperbild vermitteln. Und sie weiß, wovon sie spricht, litt sie doch als Jugendliche selbst an einer Essstörung. Sicherlich ist diese Art von Werbung nicht zwingend ein Auslöser für eine Essstörung, aber sie kann dennoch einen großen Teil dazu beitragen, dass sich vor allem junge Menschen unwohl in ihrer Haut fühlen. Vor allem in einer U-Bahn oder einem Bus, in dem man der Werbung nicht ausweichen kann.

Ja, viele erwachsene Frauen werden immer selbstbewusster und können sich immer besser gegen solche unrealistischen Körperbilder zu Wehr setzen, aber wir sollten nicht vergessen, wie schwer es für viele ist, dieses Selbstbewusstsein zu entwickeln und über die propagierten vermeintlich idealen Körperbilder hinwegzukommen.

Wenn das Verbot also auch nur dazu führt, dass Werbung und die Bilder, die diese transportiert, mehr reflektiert und hinterfragt werden, ist schon ein wichtiger Schritt getan. Wenn das Verbot dann noch dazu führt, dass auch nur ein junger Mensch sich wohler in seiner oder ihrer Haut fühlt, gibt es eigentlich keinen Grund mehr darüber zu diskutieren.

Und eins steht sowieso fest: „Beach body ready“ sind wir alle  jederzeit!


Quelle: Instagram – Jewelzjourney


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