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„Slay in your Lane” – eine Karrierebibel für schwarze Frauen

Wenn es um Karriereratschläge für Frauen geht, richten sich diese meist vorrangig an weiße Frauen und deren Erfahrungshorizont. Die Britinnen Elizabeth Uviebinené und Yomi Adegoke haben mit „Slay in Your Lane“ einen Ratgeber explizit für schwarze Frauen geschrieben. Lesen sollten ihn alle.

Feminismus heißt oft eigentlich: weißer Feminismus

Wenn man fragt, wie die Karrierebibel für Frauen im 21. Jahrhundert heißt, hört man seit ein paar Jahren oft: „Lean in” von Sheryl Sandberg. Und auch wenn es an diesem Buch genug zu kritisieren gibt – zu elitär, nicht an alle Frauen gerichtet, zu wenig systemkritisch  – ist „Lean in” tatsächlich ein wichtiges Werk für den modernen Feminismus – zumindest für eine privilegierte weiße Frau, der theoretisch alle Türen offen stehen. Was man als privilegierte weiße Frau, die einen inklusiven Feminismus für sich beansprucht, bisher aber gerne ignoriert hat: „Lean in”, genauso wie fast alle anderen Ratgeber, Artikel und Konferenzen aus dieser Richtung, sind eben doch nicht für alle Frauen. Denn wenn Frauen nicht nur wegen ihres Geschlechts marginalisiert werden, sondern auch noch aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft, sind die Herausforderungen im beruflichen Kontext noch einmal andere. Und genau deshalb  haben die beiden Britinnen Elizabeth Uviebinené und Yomi Adegoke ihren Ratgeber „Slay In Your Lane – The Black Girl Bible” geschrieben.

Das Buch ist aber viel mehr als ein Karriereratgeber für schwarze Frauen in Großbritannien. In sechs Kapiteln geht es um das Bildungssystem, die Arbeitswelt, Repräsentation, Dating und Gesundheit. Die beiden Autorinnen berichten von ihren eigenen Erfahrungen, haben zusätzlich aber auch 39 sehr erfolgreiche britische „Women of Colour” interviewt und ihre Aussagen immer wieder mit einer beeindruckenden Anzahl an Studien untermauert. Und auch wenn es hauptsächlich um schwarze Frauen in Großbritannien geht, sind viele der Erkenntnisse auch auf Deutschland übertragbar.

Diese Studien machen deutlich, wie wichtig „Slay in Your Lane” ist, denn sie zeigen: Wenn man als weiße Frau doppelt so hart arbeiten muss wie als weißer Mann, dann muss eine schwarze Frau noch einmal doppelt so hart arbeiten, um den Platz am Tisch, der ihr zusteht, zu bekommen. Wenn für weiße Frauen die Decke aus Glas ist, ist sie für nicht-weiße Frauen aus Beton. Weiße Frauen verdienen schlechter als weiße Männer, nicht-weiße Frauen verdienen aber noch einmal schlechter als weiße Frauen. Weiße Frauen werden aufgrund ihres Geschlechts am Arbeitsplatz diskriminiert, nicht-weiße Frauen werden aufgrund ihres Geschlechts und ihres Aussehens diskriminiert. Und das nicht erst in den Führungsebenen großer Unternehmen, sondern schon im britischen Schulsystem:

„Ich erinnere mich auch daran, dass ich oft dachte, dass es einen Doppelstandard für schwarze und weiße Mädchen in der Schule gab. Wir wurden bestraft, während sie zweite Chancen bekamen.”

Dass das nicht nur ein Gefühl war, belegen viele Studien, die die beiden Autorinnen anführen. Schon ab dem Alter von fünf Jahren werden schwarze Mädchen von Erwachsenen laut einer Studie des „Georgetown Law Center on Poverty and Inequality“ aus dem Jahr 2017 als erwachsener und weniger unschuldig angesehen. Und an Universitäten geht dieses Muster weiter. „Universitäten sind nicht nur mitschuldig am Rassismus, sie produzieren diesen auch selbst”, zitiert „Slay in your Lane” den britischen Soziologieprofessor Kehinde Andrews.

Die Diskriminierung beginnt im Bildungssystem

Mehr als 92 Prozent der britischen Professor*innen sind weiß. Und unter den gerade einmal 0,49 Prozent schwarzen Professor*innen sind nur 17 Frauen. Schwarze Frauen sind im Universitätswesen in Großbritannien generell unterrepräsentiert. Diese Unterrepräsentanz ist laut Andrews das größte Thema und Problem für schwarze Frauen. In dem Kapitel zum Bildungssystem beschreiben Adegoke und Uviebinené darüber hinaus auch das rassistische Klima auf vielen Universitäts-Campussen und die damit verbundenen Hürden für schwarze Frauen (und Männer) während ihres Studiums. Einer ihrer wichtigsten Ratschläge in diesem Kapitel für die Wahl der Uni lautet deshalb auch:

„Es ist ausschlaggebend, dass ihr {Anm.d.R.: also schwarze Studentinnen) recherchiert – nicht nur in Bezug darauf, was eure potenzielle Uni für ein Kurs- und Ausstattungsangebot hat, sondern auch so, dass ihr wisst, welche Kultur und Atmosphäre dort herrscht.”

Universitäten, auch das wird in diesem Kapitel klar, müssen, genau wie Schulen, „aktiv anti-rassistische Institutionen” werden, damit sie ihrem Ruf als „Bastion der progressiven Gedanken und talentierter Geister” auch wirklich gerecht werden.

„Das Einzige, das ,Women of Colour’ von irgendjemand anderen unterscheidet, sind Chancen” – Viola Davis

Die Arbeitswelt von nicht-weißen Frauen ist eine andere

Die Diskriminierungserfahrungen, die schwarze Frauen während ihrer Ausbildung machen, lassen sich auch aufs Arbeitsleben übertragen. Als schwarze Frauen müssen sie zwei gläserne Decken durchbrechen. Und das mit dem permanenten Gefühl, mit dem sie auch schon in der Schule und an der Universität konfrontiert sind: zweimal so hart arbeiten müssen, um halb so weit zu kommen. Wenn es darum geht, wie viel größer das Selbstbewusstsein von Männern am Arbeitsplatz ist, wird immer wieder ein bestimmtes Bild herangezogen: Männer bewerben sich auf Jobs, wenn sie das Gefühl haben, zu 60 Prozent die Anforderungen zu erfüllen, Frauen erst, wenn sie denken, 100 Prozent zu erfüllen. Die Autorinnen ergänzen das Bild für ethnische Minderheiten: „Selbst wenn du 100 Prozent der Anforderungen erfüllst, machst du dir noch Sorgen, nicht gut genug zu sein und trotz deiner Leistung diskriminiert zu werden.“

Auch in diesem Kapitel geht es noch einmal um die Beton-Decke, die schwarze Frauen auf dem Weg nach oben auf der Karriereleiter durchbrechen müssen. Dass das so ist, liegt laut den Autorinnen und ihren Interviewpartnerinnen auch daran, dass sie weiterhin viel zu oft von Netzwerken und Mentor*innen-Programmen ausgeschlossen werden. Die Hürden für schwarze Frauen sind noch einmal andere und oft höhere. Und deshalb, das ist eine wichtige Erkenntnis des Buches für alle weißen Frauen, sei es ineffektiv, so zu tun, als würden alle Frauen die gleichen Herausforderungen am Arbeitsplatz haben, wenn es um Diversitätsstrategien geht.

„Slay in your Lane” hat aber ganz klar vor allem das Empowerment schwarzer Frauen im Blick, das Buch enthält viele konkrete Ratschläge für schwarze Frauen, um in ihrer Karriere, aber auch persönlich weiterzukommen. Diese reichen von Networking- und Mentoringtipps über Möglichkeiten, sich gegen die Strukturen zu wehren und die eigenen Stärken zu erkennen und zu nutzen. Nicht zuletzt zeigen die Geschichten der Autorinnen und der 39 Interviewpartnerinnen, dass die Erfolgsgeschichten von schwarzen Frauen bereits auf vielfältige Art und Weise existieren. An Vorbildern mangelt es eigentlich nicht, „Slay in your Lane” macht sie sichtbar. Und feiert ihre Erfolge, zeigt aber gleichzeitig, welche besonderen Steine ihnen und schwarzen Frauen allgemein in den Weg gelegt werden.

Mikro-Aggressionen sind Alltag

Schwarze Frauen haben am Arbeitsplatz noch deutlich häufiger als weiße Frauen mit sogenannten „Mikro-Aggressionen”, also indirekten, subtilen oder unbewussten Diskriminierungen zu kämpfen. Das arbeitet „Slay in your Lane” sehr intensiv heraus, um danach konkrete und praktikable Karrieretipps für schwarze Frauen zu geben.

Die Lektüre der „Black Girl Bible” macht deutlich, wie wichtig dieses Buch ist. Es ist höchste Zeit, dass Feminismus am Arbeitsplatz nicht nur für weiße Frauen gedacht wird. Und deshalb sollten es auch alle lesen.  Warum? Die Antwort hat die Mit-Autorin Adegoke in einem Interview mit der britischen Vogue auf den Punkt gebracht:

„Ich denke, nicht-schwarze Menschen sollten das Buch lesen, um zu verstehen, was es bedeutet, eine schwarze Frau zu sein. Ich selbst habe mein Leben lang Bücher gelesen, die nicht für mich geschrieben waren.”

„Slay in your Lane” ist ein Buch geworden, das die Wichtigkeit von Repräsentation und Vorbildern für schwarze Frauen herausstellt. Und es liefert 41 dieser Vorbilder direkt mit, 39 Interviewpartnerinnen und die beiden Autorinnen. Gleich am Anfang des Buches benennen die beiden Autorinnen, was sie mit dem Buch erreichen wollen: „Eine Sache, die wir mit ,Slay in your Lane’ erreichen wollen, ist es, jungen schwarzen Mädchen zu zeigen, dass sie jede Rolle für sich schaffen können, die sie sich wünschen.” Das ist ihnen gelungen. Darüber hinaus werfen sie ein Schlaglicht auf den strukturellen Rassismus der britischen Gesellschaft. Eine Analyse, die so dringend auch für die deutsche Gesellschaft gebraucht wird.

Yomi Adegoke und Elizabeth Uviebinené: „Slay In Your Lane: The Black Girl Bible”, HarperCollins Publisher, 370 Seiten, 17,18 Euro. Bisher ist das Buch nur auf englisch erhältlich.

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Nach Stationen als Praktikantin, Volontärin und feste Redakteurin bei EDITION F bin ich seit Mai 2019 freie Journalistin und schreibe hier alle zwei Wochen eine politische Kolumne. Vorher habe ich in Hamburg Politikwissenschaften studiert. Gute Bücher, intersektionaler Feminismus und gutes Essen lassen mein Herz höher schlagen.

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