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Wie ticken Bewerber? Ein offener Brief an Personaler

Silke Wöhrmann ist Personalentwicklerin und sagt: das deutsche Personalauswahl- und Bewerbungssystem ist massiv renovierungsbedürftig. In einem offenen Brief fasst sie zusammen, was sich ändern muss.

 

Es herrschen zu viele Missverständnisse zwischen Bewerber und Personaler

Nachdem Silke Wöhrmann bereits einen offenen Brief an Bewerber geschrieben hat, richtet sie sich nun an die Personaler und appelliert daran, dass Personalentscheider und Bewerber eine neue Form der Kommunikation finden müssen. Denn: Wir haben ein massiv renovierungsbedürftiges Personalauswahl- und Bewerbungssystem, das nicht die Menschen zusammenbringt, die miteinander arbeiten wollen, sondern sie voneinander entfernt.

Liebe Personalentscheider,

„Erzählen Sie mir doch einmal etwas über Ihre Stärken und Schwächen“.
Warum stellen Sie immer so merkwürdige Fragen?
Natürlich weiß ich, dass Sie herausfinden möchten, was ich kann oder nicht kann. Aber ich werde doch nicht gleich alles offen auf den Tisch legen.
Ich bin in einer Situation, aus der ich heraus möchte. Ich bin arbeitslos und möchte mich wieder spüren und eine sinnvolle Aufgabe haben. Oder ich bin unglücklich in meinem Job und möchte wieder Positives erleben. Oder ich möchte einfach mehr Geld verdienen, weil jetzt das 3. Kind kommt. Oder…

Mit anderen Worten: ich möchte bei Ihnen arbeiten. Eigentlich ist es mir auch egal, was Sie produzieren oder anbieten oder welches Leitbild Sie haben – ich möchte meinen Job machen, in dem ich ausgebildet bin.

Bewerbungsgespräche sind unangenehm

Ich bin bereit, dafür Einiges in Kauf zu nehmen. Denn Bewerbungsgespräche führen, ganz ehrlich, ist kein großer Spaß. Ich fühle mich durchleuchtet, hinterfragt, manchmal provoziert. Ich fühle mich häufig wie ein „Mensch 2. Klasse“, als Bittsteller. Dabei habe ich bereits viel im Leben gemeistert, gut, war vielleicht nicht immer toll, aber wer hat schon einen astreinen Lebenslauf? Ich habe Kinder großgezogen und meine Mutter parallel gepflegt, ich habe bis in die Nacht hinein gearbeitet, um alles unter einen Hut zu bringen. Ich habe gelernt, einen Abschluss erreicht oder nebenbei im Supermarkt geackert, damit ich mein Studium finanzieren kann.

Ich bekomme trotzdem Absagen, immer mit dem gleichen langweiligen Text – „Dies ist keine Wertung Ihrer Person“ – ja, bitte, was soll es denn sonst sein? Ich bekomme häufig auch gar keine Rückmeldungen zu meiner Bewerbung, die verschwindet im „OFF“, oder, wenn Sie ein schönes System haben, eine automatisierte Nachricht.

Wenn uns Menschen bewerten, die uns gar nicht kennen

Wenn ich dann eine Einladung erhalte, bin ich voller Hoffnungen. Vielleicht ist das jetzt die Gelegenheit, in meinem Leben einen neuen, positiven Schritt zu gehen. Ich weiß nichts über die Menschen, die vor mir sitzen. Ich bin aufgeregt, weil mich diese Menschen beurteilen werden – Hopp oder Top? Es ist ein komisches Gefühl, von Menschen angenommen oder abgelehnt zu werden, die man vorher in seinem Leben noch nie gesehen hat.
Ich habe mich vorbereitet, vielleicht sogar ein Bewerbungstraining absolviert. Der eine sagt: „Schreib auf keinen Fall „arbeitslos“ sondern „arbeitssuchend“, das hört sich aktiver, besser an. Der nächste sagt: „Sag´ bloß nicht, dass Du arbeitslos warst, sag´ lieber, dass Du einen Auslandsaufenthalt hattest.“
Ich bin durcheinander. Was soll ich denn wirklich sagen? Soll ich sagen, dass ich mehrere Jahre einfach nicht mehr arbeiten konnte, weil ich ausgebrannt war? Dann brauche ich doch gar nicht zum Termin erscheinen.

Jetzt möchten Sie etwas über mich erfahren, das verstehe ich. Ich möchte eigentlich auch etwas über Sie erfahren, aber meistens komme ich erst beim Abschluss des Gesprächs dazu: „Haben Sie noch Fragen?“. Sie haben sich ein Bild von mir gemacht, aber nur von dem, was ich Ihnen erzählt habe und ich fürchte, Sie interpretieren da Einiges hinein. Weil ich aufgeregt war, habe ich etwas gestockt im Erzählen. Bin ich dann unsicher, nicht kommunikativ? Ich habe bei der Darstellung meines Lebenslaufes eine Station vergessen – bin ich dann nicht genau genug, oberflächlich? Ich habe mit dem Bleistift in der Hand gespielt – bin ich dann nervös und nicht belastbar?

Wenn ihr mich nur in Aktion sehen könntet – ich bin wirklich gut!

Wenn ich meine Arbeit mache, mache ich sie gut. Wenn Sie mich im Vertrieb sehen könnten, wie ich mit Kunden umgehe, bin ich in meinem Element. Da ist gar nichts von Unsicherheit zu spüren. Aber hier, in dieser Situation, geht es mir nicht gut. Ich sehe Ihre Gesichter und kann nichts lesen. Ein kleines Nicken, ein kurzes Lächeln würde mich sehr ermutigen. Stattdessen fragen Sie, warum ich dieses und jenes nicht zum Abschluss gebracht habe. Stimmt, Volltreffer, meine Schwachstelle. Warum hacken Sie darauf so herum? Ich weiß nicht, wie es Ihnen ginge, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass bei Ihnen immer alles glatt lief. Was soll ich da jetzt sagen? Das ich die Anforderungen unterschätzt habe oder mich lieber mit Freunden traf? Das wäre die Wahrheit, aber wer will das wissen?

Jetzt warte ich auf die Rückmeldung. Sie haben gesagt, dass Sie sich heute melden. Ich sitze am Telefon, am Computer. Es kommt keine Rückmeldung. Vielleicht nächste Woche? Ich werde warten… Vielleicht ist genau das meine Schwäche.

Silke Wöhrmann

Hinweis: Diese offenen Briefe sollen zum Nachdenken, zum Diskutieren anregen und ermöglichen, sich jeweils in die Sichtweise des „Anderen“ hinein zu versetzen, um daraus letztendlich für beide Seiten eine effektivere Form des Kennenlernens zu ermöglichen. Die gewählte „Ich-Form“ der Briefe sind ein journalistisches Stilmittel und zeigen nicht meine persönlichen Fragetechniken, privaten Lebenssituationen o.ä.

Für alle, die ihre Erfahrungen mit ihren Bewerbungsgesprächen teilen wollen, hat Silke Wöhrmann eine anonyme Umfrage erstellt, die Aufschlüsse über die Probleme zwischen Bewerbern und Personalern geben soll.

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