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Gender-Pay-Gap bei der BBC: die Journalistinnen sind „wütend, aber nicht überrascht“

Ein Gehaltsreport der BBC zeigt: Top-Mitarbeiterinnen werden schlechter bezahlt als ihre Kollegen. Die Frauen sind wütend und fordern eine sofortige Angleichung der Gehälter.

 

Der Feminismus ist harmlos? Seit wann denn das?

Kürzlich durfte der Autor Jan Fleischhauer im Spiegel mal wieder seinen Senf zum Feminismus abgeben (Wobei ich  mich regelmäßig frage: Warum eigentlich? Experte ist er für dieses Thema in etwa so wie ich Expertin für halbleitende Nanodrähte bin. Niemand wird klüger, wenn einer von uns etwas zum jeweiligen Thema schreibt.) und kritisierte in seinem Stück, der moderne Feminismus sei in seinen Forderungen zu seicht bzw. „harmlos wie ein Yogakurs“. 

Als Beispiel zog er die Body-Positivity-Bewegung heran, deren Ziel ist, dass Menschen sich in ihren Körper wohlfühlen können, so wie sie sind – dick, rund, dürr, klein, schlaksig – und dafür auch nicht diskriminiert werden. So weit, so unterkomplex die Kritik von Fleischhauer. Denn mal abgesehen davon, dass die seit Jahrzehnten steigenden Zahlen von Essstörungen (Magersucht als tödlichsten psychische Krankheit bei jungen Menschen, sieben bis zehn Prozent der Erkrankten sterben) die Wichtigkeit von gesellschaftlichen Lösungen für Körperhass mit Fakten unterfüttern und die Erkrankungen nicht nur persönliche Lebenswege stark beeinträchtigen, Familien belasten und hohe Gesundheitskosten verursachen, ist ebenso wissenschaftlich mehrfach nachgewiesen worden, dass zum Beispiel dicke Menschen im Berufsleben diskriminiert werden und ihnen somit ein wirtschaftlicher Schaden entsteht – zusätzlich zum verletzten Selbstwert. Männer sind davon übrigens auch betroffen, was mal wieder zeigt, wie wichtig feministische Bewegungen doch für alle Menschen sind, auch wenn diese Erkenntnis die Kolumnisten großer deutscher Medien wohl nie erreichen wird.  Wie auch der weitere wichtige Hinweis, dass die meisten feministischen Forderungen nicht auf einem Bauchgefühl, sondern auf Daten beruhen und Aktivistinnen, Politikerinnen und andere ganz normale Frauen sich oftmals jahrelang erfolglos für Änderungen einsetzen, weil ihre Forderungen mitnichten zu weich oder belanglos wären, sondern unbequeme, harte Forderungen sind, bei denen es sehr oft um eines geht: Geld. Und da wird dann blockiert, denn Macht und Geld teilen ist nicht so „harmlos, wie ein Yogakurs“.

Kuscheln für mehr Lohngleichheit

Leserinnen dieses Magazins kennen das Bullshit-Bingo zum Gender-Pay-Gap im Schlaf: Bereinigt sei er ja gar nicht so schlimm. Frauen machten nun mal Babypause. Würden nicht hart verhandeln. Ihnen sei Geld nicht wichtig und reich heiraten noch immer die beste Option. Quatsch-Argumente eben, denn Lohndiskriminierung ist in vielen Branchen äußerst eklatant (Hallo, Journalismus!), trifft auch Frauen ohne Kinder und Kinderwunsch und weibliche Angestellte kommen mit der gleichen Verhandlungstaktik wie Männer nicht ans gleiche Ziel. Dass Frauen Geld sehr wohl wichtig ist und sie nicht länger hinnehmen wollen, dass sie für die gleiche Arbeit weniger Lohn bekommen als männliche Kollegen, zeigt aktuell das Beispiel der Journalistinnen bei der BBC. 

Lohndiskriminierung bei der BBC

Der Sender musste Daten zu den Löhnen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter veröffentlichen, da es ab dem kommenden Jahr in Großbritannien für alle großen Unternehmen Transparenzverpflichtungen geben wird – freiwillig wertete die BBC also nicht aus, wie es um die Lohngleichheit des Spitzenpersonals steht – auch wenn diese Herangehensweise für Unternehmen eine sehr gute Strategie sein sollte, um Top-Talente zu halten und Klagen vorzubeugen. Was bei der Gehaltsanalyse herauskam, hat nun Journalistinnen und Frauen in Großbritannien erzürnt: Denn von den 96 Top-Verdienern (der Sender veröffentlichte die Daten nur für Gehälter ab 150.000 Pfund), fanden sich lediglich ein Drittel Frauen und das obere Segment war komplett von Männern dominiert. Die am besten verdienende Frau, Claudia Winkleman, bekommt zudem nur ein Fünftel des Gehaltes, was der männliche Topverdiener einstreicht. 

Nachdem der BBC-Chef Tony Hall ankündigte, die Gehälter bis 2020 anzugleichen, reagierten die Moderatorinnen mit einem offenen Brief, in dem sie sich direkt an ihren Chef wenden und fordern, dass die Löhne unverzüglich angeglichen werden sollten. Im Brief erklären die Frauen, sie fühlten sich in ihrem Verdacht bestätigt, dass ein Gender-Pay-Gap schon seit vielen Jahren existiere.

„The pay details released in the Annual report showed what many of us have suspected for many years…that women at the BBC are being paid less than men for the same work.“

Eine langjährige Mitarbeiterin der BBC sagte gegenüber dem Guardian, dass für sie klar sei, dass der Sender Frauen und People of Colour jahrelang belogen hätte und im Sender keineswegs nur nach Talent befördert und bezahlt würde: „Nun wird endlich enthüllt, wie es wirklich ist. Eine Menge weißer, privilegierter Männer geben sich gegenseitig privilegierte Gehälter. Sogar denjenigen ohne Erfahrung.“ Überrascht seien die Mitarbeiterinnen also nicht, aber durchaus wütend.

„There’s this great myth management promote about treating talent on its separate merits, but it’s all about divide and rule. Now it’s finally been exposed for what it is. A lot of privileged white men giving each other privileged pay. Even without experience.“

Die Top-Moderatorinnen plädierten in ihrem Brief auch dafür, die Lohnungleichheit in allen Bereichen zu beseitigen, also auch bei den Frauen, die sehr viel weniger verdienen als die Stars der Senders. Sie sehen die Aufdeckung der Lohndiskriminierung als „Chance für diejenigen, mit starken und lauten stimmen, diese für alle im Unternehmen zu nutzen und beschreiben die BBC als „eine Organisation, die gezwungen werden musste, transparent zu sein und das Richtige zu tun“. Warum die BBC ihre Mitarbeiterinnen nun vertrösten möchte, noch bis 2020 auf gerechte Löhne zu warten, wissen wohl nur die Männer in den Entscheidungspositionen, die nun zu Recht in einer Welle von öffentlicher Kritik stehen. (Gleiche Löhne sind nun einmal kostspieliger, als Mitarbeiterinnen einen harmlosen Yogakurs zu bezahlen, so ein Mist!)

Lohntransparenz in Deutschland

Dass es auch bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland im Bereich der Gehälter nicht immer gerecht zugeht, lässt die Klage der ZDF-Journalistin Birte Meier vermuten, deren Fall aktuell in der Berufung ist. Dabei wäre wohl kaum eine Organisation wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der von den Gebühren aller Bürgerinnen und Bürger finanziert wird, so geeignet, zu Lohntransparenz verpflichtet zu werden. Ob die Ergebnisse besser ausfallen würden als bei der BBC?

Das in diesem Jahr in Deutschland beschlossene Gesetz zur Lohntransparenz gilt aktuell jedoch nur für private Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigen und das auch nur auf Anfrage hin von Angestellten, die Auskunft über das Gehaltes eines direkten Kollegen haben möchten. Öffentlich berichten müssen die Unternehmen nicht. Auch beispielsweise Bundesministerien, die mit gutem Beispiel vorangehen könnten, müssen bislang ihre Löhne nicht transparent machen. Dabei mangelt es sicherlich dort nicht an Frauen, die große Lust hätten, die Gehälter auszuwerten. Doch noch gelten die Forderungen nach umfassender Lohntransparenz als zu hart. Der Bundestag musste eine weichere Version des Gesetzes verabschieden. Auf zu weiche feministische Forderungen geht dieses Ergebnis allerdings nicht zurück. 

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