Foto: Simone van der Koelen | Unsplash

Warum wir uns von der Pille befreien sollten

Die Antibabypille ist immer noch das meistbenutzte Verhütungsmittel bei jungen Frauen. Verschrieben wird sie von vielen Ärzten fast schon inflationär. Auch schon an Mädchen im Teenageralter. Ein Zustand, den Sabine Kray in ihrem Buch anprangert.

 

Die Pille, das Allheilmittel 

Wie ein Wundermittel soll sie wirken die Antibabypille: schlanker machen, den Busen wachsen lassen, die nervigen Pickel vermindern und natürlich die wichtigste Funktion: vor ungewollten Schwangerschaften schützen. Jahrelang hieß es die Pille wäre für Frauen nicht nur die praktischste, sondern auch die sicherste Verhütungsmethode. Wenig bis gar keine Nebenwirkungen wurden ihr attestiert. Das perfekte Medikament also. Obwohl sie unbestreitbar zum  Selbstbestimmungsrecht der Frau beigetragen hat, offenbart sich immer mehr was für Schäden die Langzeiteinnahme des Hormonpräparats verursachen kann.  

Damit beschäftigt sich die Autorin Sabine Kray in ihrem neuen Buch. Im April 2017 veröffentlichte sie bei Zeit ONLINE einen Artikel mit dem Titel „ die Antibabypille ist unzumutbar“. Nachdem dieser sich als Riesenerfolg entpuppte, entschied sie sich ein Buch zu dem Thema zu schreiben. „Freiheit von der Pille – eine Unabhängigkeitserklärung“ ist das Ergebnis. Sachlich, informativ und mit veranschaulichen Anekdoten führt sie durch die Entstehungsgeschichte der Antibabypille . Sie setzt sich nicht nur mit den soziokulturellen Auswirkungen ihrer Einführung auf unsere Gesellschaft auseinander, sondern deckt auch die Machenschaften der Pharmaindustrie auf. In jeder Zeile lässt sich erkennen, dass Sabine Kray aufklären möchte. Einen Auszug aus ihrem Werk stellen wir euch hier vor.

Willkommen im Kapitalismus

Die Einführung der Antibabypille in Deutschland war alles andere als spektakulär. Schering, der Hersteller von Anovlar, setzte in der Kommunikation auf seine Wirksamkeit gegen Menstruationsbeschwerden. Auf die ovulationshemmende und damit empfängnisverhütende Wirkung wurde zwar im Beipackzettel hingewiesen, allerdings als »nur« als »Nebenwirkung«. Warum? Nun, die deutsche Gesellschaft war weit davon entfernt, Frauen Rechte oder auch nur Wissen einräumen
zu wollen, wenn es um ihre Sexualität ging. Sie war tatsächlich wesentlich weniger bereit für die Antibabypille, als man es in Amerika war, wo sie quasi sofort ein Hit wurde und bereits innerhalb von vier Jahren 2,3 Millionen Anwenderinnen fand. Eine ganze Reihe von deutschen Ärzten sprachen sich noch bis in die siebziger Jahre aus »moralischen Gründen« gegen die Pille aus. Der Pharmaindustrie lag es am Herzen, der prüden Gesellschaft die chemische Empfängnisverhütung ganz langsam schmackhaft zu machen, so wie man den Frosch ins kalte Wasser legt, um ihn zu kochen, und erst dann die Herdplatte einschaltet. So war es den Verantwortlichen dann auch gar nicht recht, dass der Stern bereits drei Wochen nach Markteinführung der Pille über die schwangerschaftsverhütende Wirkung berichtete, man fürchtete, konservative Ärzte und Politiker zu verprellen. Ihr Siegeszug sollte sich entsprechend noch einige Jahre hinziehen. Zu Beginn wurde sie vor allen Dingen verheirateten Frauen verschrieben, man sorgte sich, sie könne die Sexualmoral junger Frauen unterminieren. 

Erste Kritik wird laut 

Dennoch, im Laufe der Jahre kam die Pille in der breiten Masse an und mit ihr die Nebenwirkungen des Wundermittels. Bereits in den frühen sechziger Jahren verbreitete sich die Sorge, die Pille könne für Thrombosen und Embolien verantwortlich sein, denn solche Vorfälle begannen sich unter den Anwenderinnen zu häufen. Die Pharmaindustrie bestritt jeglichen Zusammenhang zwischen den Vorfällen und der Einnahme ihrer Präparate, dennoch reagierte man beispielsweise in Norwegen mit einem temporären Verbot der Pille. Entsprechende Studien konnten die Befürchtungen damals noch nicht belegen. Heute ist der Zusammenhang mit den in der Pille enthaltenen Sexualhormonen klar nachgewiesen. Dennoch reagierten die Hersteller schon damals und reduzierten die Dosis des in der Pille enthaltenen Östrogens, was einen Rückgang der zum Teil tödlichen Vorkommnisse zur Folge hatte.  Was andere Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Gewichtszunahme anging, waren sich Pharmaindustrie und Ärzte in der Regel einig, dass diese Effekte der Imagination des schwachen Geschlechts entsprangen. Schon Gregory Pincus verwarf die Beschwerden von 17 Prozent der Studienteilnehmerinnen in Puerto Rico, die über Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen klagten. Diese Beschwerden, so Pincus, seien ganz sicher nicht auf das Präparat zurückzuführen, sondern psychosomatisch, reine Suggestion. 
Obwohl heute eine Vielzahl von Nebenwirkungen im Zusammenhang mit der Pille bekannt sind, kommt es noch immer vor, dass Frauenärzte die Beschwerden ihrer Patientinnen als Einbildung abtun oder kleinreden. So haben die Erkenntnisse über diese Nebenwirkungen bislang weder zu einem echten Rückgang der Verordnungen noch zu einer signifikanten Verbesserung der Produkte geführt.

Die fließenden Übergange zwischen Information und Marketing

Wie kommt es dann aber zur anhaltend positiven Haltung deutscher Frauen und Ärzte gegenüber der Pille? Beginnen wir mit den Ärzten. Korruption, wie man sie aus dem Kino oder aus der Sensationspresse kennt, ist in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren immer seltener geworden. Der sprichwörtliche Koffer voller Geld oder die »Lustreise« spielen bei der Beeinflussung von Ärzten eine immer geringere Rolle. Vielmehr sind die Pharmafirmen, so bestätigt es mir auch die Gesundheitswissenschaftlerin Frau Prof. Ingrid Mühlhauser, zum vollkommen selbstverständlichen Teil unseres Gesundheitssystems geworden.
Tatsächlich wird ein Großteil der gesetzlich vorgeschriebenen Fortbildungen für Ärzte von Pharmafirmen organisiert. Auch die medizinischen Behandlungsleitlinien, die zum Standardinventar in den Praxen von Ärzten aller Fachrichtungen gehören und sowohl Krankheitsbilder beschreiben als auch Präparate empfehlen, werden nicht etwa ausschließlich von unabhängigen Autoren geschrieben. Die meisten Leitlinienschreiber haben Verbindungen
 zur Phar­ma­industrie, einige sind sogar direkt dort angestellt. Nichts von alledem geschieht explizit heimlich, und trotzdem haben die meisten Menschen in Deutschland keine Ahnung von den Verstrickungen.
Als junge Frau gehe ich also zum Frauenarzt und erwarte von meinem Arzt  einer Ärztin eine objektive Abwägung von Risiken und Nebenwirkungen, im besten Fall ein defensives Verhalten, wenn es darum geht, Arzneimittel in Fällen zu verschreiben, wo es auch ohne geht. Man würde sich wünschen, dass Produkte, die das körperliche Wohl der Konsumentinnen und Konsumenten betreffen, frei von finanziellen Interessen und Risiken wären. Das ist ganz
offensichtlich nicht der Fall. Oder wie Frau Prof. Ingrid Mühlhauser von der Uni Hamburg es formuliert: »Unser Medizinsystem ist vorrangig ein Wirtschaftssystem, es geht nicht immer vorrangig um den Patienten, das muss man einfach so sehen.« 

Korrumpierte Informationsquellen 

Gut, mag man sich jetzt denken, dann informiere ich mich halt anderweitig. Die Medien sind voller Berichte über das Für und Wider von Pille und anderen medizinischen Präparaten, über neue wissenschaftliche Entwicklungen, ihre Risiken und Mehrwerte. Sobald man einen Blick hinter die Kulissen der Berichterstattung wirft, wird die Unabhängigkeit der vierten Gewalt jedoch ebenfalls in Zweifel gezogen. Berichte in Illustrierten, in Frauenzeitschriften, ja selbst in den Wissensressorts großer deutscher Zeitungen sind mitunter mit Vorsicht zu genießen, da die Pharmafirmen die Medien schon längst als Kanal für die Platzierung ihrer einseitigen Botschaften entdeckt haben. So engagieren sie Presseagenturen, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, vermeintliche Krankheitsbilder und die dazugehörigen Präparate in den Medien zu platzieren. Heikel wird es da, wo die entsprechenden Agenturen Kontakte zu Redaktionen knüpfen und einseitige, teilweise bereits vom entsprechenden Anbieter verfasste Artikel an die Leser bringen. Zwischen 8000 und 30 000 Euro lassen sich die Firmen solche Artikel kosten. Die Medien sind das Herzstück jeder Kampagne der Pharmafirmen, die so versuchen, das sogenannte Heilmittelwerbegesetz zu umgehen und manipulative Werbung direkt am Patienten zu platzieren. Anders als in den USA darf in Deutschland nach diesem Gesetz für verschreibungspflichtige Medikamente keine an die Patientin gerichtete Werbung geschaltet werden. Bestrebungen der Pharmaindustrie, dieses Werbeverbot aufzuweichen, laufen bereits seit Jahren. 

Marketing „mit Herz“

Um ihre Präparate dennoch ins Bewusstsein der Patientinnen zu bringen und diese dazu zu bewegen, ihren Arzt mit expliziten Arzneimittelwünschen zu konfrontieren, lassen sich die Unternehmen einiges mehr einfallen. Die öffentlichkeitswirksame Kampagne für die Einführung der sogenannten »Pille mit Herz« im Jahr 2006, im Zuge derer der Hersteller sogar eine Anzeige auf der Titelseite der Bild-Zeitung schaltete, ist ein gutes Beispiel für diese Art von
Marketing. Die »Pille mit Herz« hat natürlich einen anderen Handelsnamen, alles andere wäre ja verboten. Es handelt sich um die Aida, deren Gestagen-Komponente Drospirenon in der Zwischenzeit als ganz besonders risikoreich im Zusammenhang mit Thrombosen und Embolien eingestuft wird. 
Auf der Internetseite, die für dieses Präparat erstellt wurde, hieß es unter anderem, es handele sich um »eine sanfte, sichere Pille für junge Mädchen und Frauen« mit »positiven Auswirkungen auf Haut, Haare und Figur«. Alle entsprechenden Broschüren, die auch den Ärzten ausgehändigt wurden, waren mit dem Untertitel »Pille mit Herz« versehen, sodass diese sofort wussten, nach welcher Pille die Konsumentin da fragte. So werden Begehrlichkeiten bei der Patientin geschürt, die dann auch unmittelbar mit eben diesem Produkt verknüpft sind. Das Arznei-Telegramm, eine pharmakritische Institution, spricht im Zusammenhang mit dieser Kampagne von einem bewussten Verstoß der Industrie gegen das Heilmittelwerbegesetz. 
Wer sich nun sagt, fein, dann eigne ich mir das notwendige Wissen eben online an, dem sei gesagt, dass auch im Internet nur diejenige zuverlässige Informationsquellen findet, die sich bis ins Impressum der entsprechenden Webseiten durchklickt, denn nicht wenige der Google-Ergebnisse rund um Fragen zur Pille sind von Herstellern in Auftrag gegeben, die ihre
Verkaufsabsichten geschickt verschleiern, indem sie einen Anschein von Objektivität vermitteln. Dabei geht es oftmals nicht einmal zwingend um bestimmte Präparate, sondern auch darum, die allgemeine Akzeptanz hormoneller Verhütungsmittel weiterhin zu stärken. Wer es bis zum
 Impressum geschafft hat, ist aber unter Umständen noch immer nicht beim eigentlichen Auftraggeber der Seiten angekommen, oftmals findet sich dort erst einmal der Kontakt zur entsprechenden Marketingagentur.

Aus: Sabine Kray: „Freiheit von der Pille – eine Unabhängigkeitserklärung: Essay“, Tempo Verlag, 144 Seite, 10,00 Euro.

Bild: Hoffmann und Campe Verlag

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