Foto: Deutsche Telekom

Claudia Nemat: „Ich mag keine Karrieristen“

Im Vorstand der Deutschen Telekom verantwortet Claudia Nemat ein Milliarden-Geschäft. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht die Managerin über ihr Verhältnis zur Macht, Schwiegermütter und darüber, was Frauen von Männern lernen können.

Erste Frau im Telekom-Vorstand

Claudia Nemat ist eine der Gewinnerinnen des Wettbewerbs „25 Frauen, die wir bis 2025 als Dax-30-CEO sehen wollen“, den EDITION F mit dem Handelsblatt als Partner ausgerichtet hat. Vor vier Jahren zog sie als erste Frau in den Telekom-Vorstand ein. Dort bringt die Naturwissenschaftlerin nicht nur das Europageschäft und die Technologie-Entwicklung in Schwung – sie setzt sich auch dafür ein, dass mehr Frauen in die Chefetagen einziehen. Carina Kontio vom Handelsblatt hat mit Claudia Nemat gesprochen.

Wir treffen die energiegeladene Top-Managerin, die in ihrem Bonner Büro ein Teleskop zum Sterne beobachten stehen hat, am frühen Vormittag zum Gespräch. Nemat beginnt pünktlich auf die Minute. Angesetzt für den Termin sind eigentlich 60 Minuten, doch schon nach knapp 40 Minuten hat die gebürtige Bensbergerin alle unsere Fragen in einem rasanten Tempo beantwortet. Ihre Pressesprecherin kommt beim Mitschreiben kaum hinterher. „Puh“, sagt Claudia Nemat, nachdem sie unsere letzte Frage beantwortet hat, schenkt uns ein großes, strahlendes Lächeln und atmet zufrieden tief durch.

Frau Nemat, ich weiß, dass es Sie nervt, immer wieder als erste Frau im Vorstand der Telekom angesprochen zu werden. Reden wir also kurz über Schwiegermütter. Die genießen ja oft einen zweifelhaften Ruf – Sie sind sich aber ganz grün mit Ihrer, oder?

„Oh ja, ich verstehe mich mit meiner Schwiegermutter ausgezeichnet. Sie und auch meine Mutter helfen uns, übrigens genauso wie Onkel, Tante und Kinderfrau, wahnsinnig dabei, die ganze Organisation mit den Kindern, die fünf und sieben Jahre alt sind, auch hin zu bekommen.“

Mutter, Frau, Managerin und Ihr Mann steht als Chefarzt ebenfalls mitten im Berufsleben: Würden Sie das alles auch ohne Omas und Kinderfrau unter einen Hut kriegen?

„Sie brauchen schon einen großen Rückhalt und ich würde sagen auch die Kombination aus Omas, Onkel, Tante und Kinderfrau. Vor allem aber braucht es ein gemeinsames Verständnis zwischen meinem Mann und mir. Dass wenn es hart auf hart kommt, die Familie immer Priorität hat. Das ist die Voraussetzung für mich, einen Job machen zu können.“

Wenn es brennt, lassen Sie also alles stehen und liegen?

„Wenn mit den Kindern irgendwas ist, könnte ich nicht unterwegs sein. Dann kümmere ich mich um sie.“

Wie wichtig ist es Ihnen, abends beim Schlafengehen dabei zu sein?

„Wenn ich nicht im Ausland unterwegs oder auf einer externen Veranstaltung bin, versuche ich gegen 19 Uhr zu Hause zu sein, um die Kinder selber ins Bett bringen zu können.“

Gelingt Ihnen das denn oft?

„Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Wochen, da klappt es öfter und es gibt Wochen, da klappt es selten.“

Schlagen Sie danach dann noch mal den Laptop auf und loggen sich ins Firmennetzwerk ein?

„Auch das hängt ganz von der Situation ab. Bei Problemen bin ich erreichbar, das ist selbstverständlich. Feierabend kann dann zwischen 19 und 24 Uhr sein. Und als beispielsweise in Griechenland das Referendum angekündigt wurde, bin ich nach Athen geflogen und habe mit unseren griechischen Kolleginnen und Kollegen die Lage vor Ort besprochen. Dabei hatten gerade unsere Ferien angefangen.“

Frau Nemat, Sie verantworten ein Milliarden-Geschäft, das größer ist als der Dax-Konzern Henkel – wie fühlt sich das an?

„Nach großer Verantwortung!“

Und wie fühlt die sich an?

„Im Grunde ist es ja so: Verantwortung und damit verbundene Macht sind dann sinnvoll, wenn man damit etwas Sinnvolles tut. Heißt in meinem Fall, dass ich ein führendes Telekommunikationsunternehmen bauen möchte mit paneuropäischen Netzen und einer starken europäischen Marke. Weil ich das für wichtig halte. Für Deutschland und für den Kontinent Europa, damit wir hier nicht so eine Art digitale Kolonie für Unternehmen in anderen Regionen der Welt werden.“

Sie werden oft als eine der mächtigsten Frauen in der deutschen Wirtschaft beschrieben. Wie ist Ihr Verhältnis zur Macht?

„Macht ist für mich positiv besetzt, wenn ein Mensch sie dazu verwendet, etwas Gutes zu tun. Macht um der Macht willen hat für mich keine Bedeutung.“

Ihre Kollegen beschreiben Sie als grundsätzlich positiven Menschen – hauen Sie denn nie mit der Faust auf den Tisch?

„Oh, aber selbstverständlich und zwar wenn etwas richtig schief geht. Ich würde sagen, dass ich hart aber herzlich bin. Ich fordere viel, aber ich bemühe mich, ein fairer Mensch zu sein.“

Was können Sie im Business überhaupt nicht ausstehen?

„Ich mag keine Karrieristen, also Menschen, die nach Positionen und Macht streben, um der Positionen willen und letzten Endes keinen inhaltlichen Grund haben, warum sie etwas tun. Und ich mag keine Opportunisten, also Menschen ohne eigene Werte, die immer nur erzählen, was andere gerne hören wollen. Das kann ich absolut nicht ausstehen.“

Und wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

„Nun, hart aber herzlich. Ich bin ein Mensch, der sehr klar und geradlinig ist. Man weiß bei mir, wo man dran ist und man sagt mir nach, dass ich mit den Menschen mit großer Wertschätzung und Fairness umgehe. Man muss andere Menschen nicht schlecht dastehen lassen oder gar demütigen, um sich zu behaupten. Ich versuche, jeden Menschen so zu behandeln, wie ich selber gerne behandelt werden will. Was aber nicht heißt, dass ich in der Sache, gerade in meiner Rolle als Vorstand, nicht hart, konsequent und streitbar bin.“

Kollegen bezeichnen Sie als energiegeladenes Kraftpferd, das durch hohes Tempo, Temperament und überdurchschnittliche Intelligenz auffällt. Wo entspannen und tanken Sie neue Kraft?

„Zunächst: Das ist mein Wesen. Ich verliere die Energie nicht. Aber ich bin natürlich außerhalb meiner beruflichen Tätigkeiten sehr gerne mit meiner Familie und Freunden zusammen und wenn ich mich mal richtig entspannen will, mache ich Power-Yoga.“

Power-Yoga und Entspannen, das ist aber auch ein Widerspruch in sich, oder?

„Ach nein, man kann ja auch etwas Kraftvolles machen, um darin damit Kraft zu tanken.“

Als kleines Mädchen wollten Sie wissen, was die Welt zusammen hält und haben Physik studiert. Gibt es inzwischen eine Antwort auf Ihre Frage?

„Wissen Sie, je älter man wird, umso größer wird das Gefühl für die Grenzen menschlicher Erkenntnis. Sie bekommen unterschiedliche Perspektiven auf die Dinge, wenn Sie wissen, was man auf dieser Welt verstehen kann und was nicht. Aber sich die Sehnsucht zu bewahren, den Dingen immer wieder auf den Grund zu gehen, das halte ich für sehr wichtig.“

Ihr Vater war Atomphysiker bei Siemens, Sie sind zunächst in seine Fußstapfen getreten. Welche Rolle spielen Eltern, wenn es darum geht, Kinder und insbesondere Mädchen für technische Berufe zu begeistern?

„Eine große. Jedes Kind ist ja intrinsisch neugierig und Eltern, aber auch Erzieher und Lehrer müssen aufpassen, dass diese natürliche Neugierde nicht abgewürgt wird, indem sie gelangweilt oder desinteressiert reagieren. Kinder haben ja alle möglichen Arten von Fragen. Diese Neugierde muss man fördern. Mein Vater hat mir damals jede noch so blöde Frage mit großer Freude beantwortet, mit mir die Sterne angeschaut oder am Baukasten rumhantiert. Das Gras wächst nicht schneller, nur weil man daran zieht, aber es wächst gar nicht, wenn man drauf rumtrampelt.“

Was war die wichtigste Lektion, die Ihnen Ihr Vater beigebracht hat?

„Dass man sich niemals mit dem zufrieden gibt, was einem als vorherrschende Meinung der Masse vorgesetzt wird. Mein Vater hat immer gesagt: Du musst letzten Endes selbst den Dingen nachforschen, möglichst vielen Menschen zuhören, der Sache auf den Grund gehen und dazu eine eigene Haltung entwickeln. Und er hat auch mal gesagt: Wenn man eine Trillionen Mal gegen die Wand läuft, kommt man irgendwann durch.“

Was genau wollte er Ihnen denn damit sagen?

„Das war keine Einladung dazu, sich eine blutige Nase zu holen und die unsinnigsten Dinge zu versuchen, sondern als Aufforderung zu verstehen, darüber nachzudenken, was sich hinter den Dingen verbirgt und wie man am intelligentesten durch die Wand kommt. Letzten Endes war das eine Aussage aus der Quantenphysik, wo ganz kleine Teilchen durch Energiebarrieren oder Wände durchkommen können, was in der klassischen Physik so nicht geht. Diese Dinge zu hinterfragen und einer Sache wirklich auf den Grund gehen zu wollen, hat mich sehr stark geprägt und ich würde sogar sagen, sie prägt mich immer noch. Manchmal fragen meine Mitarbeiter: Warum erklärst du alles? Dann sage ich: Ich möchte eine Erklärung haben und ich will, dass ihr auch eine habt.“

Stimmt es, dass Sie nach dem Studium nur zufällig bei McKinsey gelandet sind?

„Absolut. Ich hatte damals den Plan, weiter in der Physik bleiben, weil das ein spannendes Fach ist. Aber damals gab es am Institut für theoretische Physik einen Workshop von McKinsey und ich habe einfach mal aus Neugierde dran teilgenommen. Und so ergab dann eins das andere.“

In deutschen Unternehmen fehlt es oft an weiblichen Rollenvorbildern für weibliche Top-Talente! Wer hat Ihnen den Rücken in der Männerfirma Telekom gestärkt?

„Zum einen alleine schon meine Ausbildung. Im Studium war ich am Institut für theoretische Physik damals die einzige Frau. Dann war ich 17 Jahre lang bei McKinsey, wurde eine der jüngsten Partner, habe international den Technologie-Sektor geleitet und während meiner beruflichen Laufbahn in sehr vielen verschiedenen Ländern wie USA und Brasilien gearbeitet. Ich glaube, Menschen mit so einer Vergangenheit, egal ob Männer oder Frauen, haben wahrscheinlich ein ganz gutes Rüstzeug, um später in einem Vorstand arbeiten zu können. Dazu kam, dass die Deutsche Telekom ja damals auch mein Klient war, insofern wusste ich, auf welche Menschen ich zählen kann – das hat natürlich auch geholfen.“

In der Tech-Szene gibt es immer noch zu wenige Frauen. Die Abbrecherquote in MINT-Fächern ist hoch, die gläserne Decke in den Firmen hartnäckig. Brauchen Frauen denn besondere Eigenschaften, um sich auch dort durchsetzen zu können?

„Keine anderen als Männer, sondern sie müssen es sich schlicht und ergreifend einfach nur genauso viel zutrauen wie die Männer. In den MINT-Fächern braucht man die Haltung: Ich will es jetzt wissen und der Sache auf den Grund gehen. Wenn man so ein Mensch ist, dann ist ein MINT-Studium eine gute Wahl. Dass es so wenige Frauen wagen, hat meines Erachtens hierzulande noch mit der Prägung in der Schule zu tun. Da wird leider oft der Eindruck vermittelt, dass das doch nix für Mädchen sein. Das sind leider sehr tief sitzende Rollenvorurteile. Es hat sich zwar schon viel geändert, aber ich befürchte, das Problem ist immer noch nicht ganz aus der Welt.“

Sie haben einmal gesagt, dass Frauen von manchen kämpferischen Ritualen von Männern lernen können – müssen wir uns jetzt archaisches Verhalten antrainieren und weibliche Machos sein?

„Um Gottes Willen nein, wir brauchen keine Pavian-Felsen. Aber bei vielen Männern ist es doch so, dass sie sich vortrefflich und hart in der Sache streiten können und danach ganz fröhlich zusammen ein Bier trinken gehen. Weil sie Auseinandersetzungen so spielerisch nehmen wie einen Wettkampf. Wenn junge Frauen sich davon etwas abschauen könnten, wäre das durchaus gut. Wenn sich aber jetzt alle Frauen verhielten wie Männer oder alle Männer wie Frauen, dann hätten wir ja eine Monokultur – das kann kein erstrebenswertes Ziel sein.“


Frau Nemat, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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