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Das Crop Top als Waffe

Weiblicher Sexismus als Überbleibsel einer vergangenen Zeit – warum es so wichtig ist, Frauen zu empowern

Kürzlich saß ich mit meiner Schwester und einer sehr guten Freundin im Auto und darbte vor mich hin. Es war heiß, sehr heiß in diesem frühen April und unter der gleißenden Windschutzscheibe breitete sich trotz heruntergelassener Fenster allmählich ein Saunagefühl aus, das mir jegliche Konzentration beim Fahren raubte.

Kurzerhand und an einer roten Ampel im dampfenden Verkehr wartend, entledigte ich mich meines Tshirts. Darunter trug ich eine Art Crop Top, in dem ich mehr Haut zeigte, als mir angenehm war und das ich nur in der Gesellschaft der beiden Frauen zu tragen wagte. Ich fühlte mich sehr unwohl in diesem Stofffetzen und trug ihn nur, weil ich vergessen hatte, meine übrige Kleidung zu waschen. Etwas verzweifelt versuchte ich den Umstand zu ignorieren, dass dieses Stoffteil meine Brust eher entblößte als sie bedeckte.

Dieses Crop Top also, die beiden Damen und ich spielen nun eine entscheidende Rolle in dem Stück „Weiblicher Sexismus als Überlebensgarantie“.

Meine Freundin und ich sind grade 30 geworden und mit einer Mentalität aufgewachsen, die weibliches Selbstbewusstsein kaum förderte. Mit tiefsitzenden Miss-Sixty-Hosen, die beinahe die Scham freilegten und bauchfreien Bomberjacken froren wir uns durch die Winter, um im Sommer die Hüftjeans gegen sehr kurze Röcke, bauchfreie Tops und hohe Hacken einzutauschen. Meine damaligen Freundinnen veranstalteten an sommerlichen Stränden Wettkämpfe: wer bekommt mehr Blicke von Männern? Wer wird mehr angestarrt?

Je älter wir wurden, desto weniger hinterfragten wir diese Praktiken. Der Mann war alles, die Frau war nichts. Die Konkurrenz zwischen uns Mädchen war damals fast größer als heute. Sex orientierte sich an den Wünschen den Mannes und wer nicht verstand, was das bedeuten sollte, schaute sich Pornos an.

Meine Schwester hingegen, im Auto auf der Rückbank sitzend, ist kein Vierteljahrhundert alt, aber scheinbar in einer anderen Welt aufgewachsen. In ihrer Welt haben Männer sich zu benehmen. In ihrer Welt verbergen Männer Sexismus hinter erlernter Höflichkeit. In ihrer Welt sind weibliche Bein- und Barthaare kein Ding der Unmöglichkeit, denn wenn der Mann davor zurückschreckt, kann das kaum ihr Problem sein.

Nun saßen wir drei also in der fahrenden Sauna und fanden kein Gesprächsthema. Wir hielten an einem Hofladen, kurz hinter Berlin liegend und für Brandenburg vorbereitend. (Wer jemals Reinhald Grebe gehört hat, weiß, wovon ich spreche).Eine ganze Reihe Dorfbewohner war vor dem Laden versammelt, durch die Bank weg männlich und bierbauchig: die Paschas von Brandenburg.

Ich stoppte das Auto, schnallte mich ab und stülpte mir mein zuvor ausgezogenes Tshirt wieder über meinen Körper. Meine Freundin fragte: „Aber Katrina, warum ziehst du denn das Tshirt wieder an? Schau mal, die freuen sich schon auf dich.“

Während ich meine entsetzte Schwester erboste Widerworte sagen hörte, ergab ein Blick auf die Männer, dass sie unverhohlen in unser Auto starrten.

„Genau deswegen“, entgegnete ich und stieg wütend aus dem Auto. Ich hasse es, angestarrt zu werden. Ich hasse es, dass mein Körper ein Objekt unter den Augen verschiedener Männer wird. Noch mehr aber hasse ich es, wenn Frauen dieses Spiel mitmachen.

Frauen werden begutachtet und Frauen lassen sich begutachten. Um das Spiel der Anerkennung mitzuspielen, vergessen Frauen sich selbst, ihren Stolz und ihre Würde. Weil jede Frau weiß, wie schrecklich es ist, keinen Mann abzubekommen, versteckt sie sich selbst in einem Haufen Make-Up, einem zwickenden und einengenden BH, viel zu engen Hosen, hochhackigen Schuhe, die nur Trippelschritte erlauben und gibt viel Geld in der Drogerie für Damen-Rasierer aus, weil weibliche Haare anscheinend anders rasiert werden müssen als männliche Haare. Weil es absolut undenkbar ist, kein Objekt der Begierde für einen Mann darzustellen, unterdrückt die Frau ihre eigenen Bedürfnisse und orientiert sich an den Wünschen des Mannes, um sicherzustellen, dass sie geliebt wird.

Es ist ein altes Tauschgeschäft: Sex gegen Liebe, Sex gegen Anerkennung. Während in den vergangenen Jahrhunderten die Frau heiraten musste, um auszusorgen und auch noch in den 50er und 60er Jahren „auf dem Standesamt promoviert“ wurde, muss sich die Frau heute neu erfinden.

Frauen stehen heute mehr Möglichkeiten als je zuvor offen und ein Mann an der Seite einer Frau ist kein zwingendes Muss mehr. Keine Frau braucht mehr einen Mann, um finanziell versorgt zu sein, keine Frau muss sich mehr mit ihrem eigenen Ehemann prostituieren, damit sie ein Dach über dem Kopf hat. Salopp gesagt: Keine Frau hat es nötig, im BH aus dem Auto zu steigen.

Gesundes Selbstbewusstsein und ein nötiges Selbstwertgefühl sind die Zutaten, die es braucht, um hier ein Umdenken zu gestalten. Will die Frau kurz geschürzt vor die Tür treten und es liegt in ihrer Verantwortung, liegt hier ein riesiger Unterschied zu der Frau vor, die denkt, sie müsse sich sexy anziehen, um „jemanden abzubekommen“. Die anerzogene Unterwerfung der Frau ihrer Umwelt gegenüber darf nicht darin gipfeln, dass Frauen sich für Status, Liebe und Sicherheit prostituieren.

Besagtes Crop Top habe ich danach übrigens in den Müll gepfeffert. Mit meiner Freundschaft hätte ich am liebsten dasselbe getan, aber ein Gedanke ließ mich stutzen: Empowerment wirkt nur, wenn wir uns gegenseitig stark machen. Mache ich also meine Freundin stark. Auch, wenn es ein langer Weg wird.

Dieser Text erschien zuerst auf www.katrinagriesche.net

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