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„Du siehst aber fertig aus” – die Hymne der Ungeschminkten

Immer noch trauen sich viel zu viele Frauen, die eigentlich Lust haben, nicht ungeschminkt auf die Straße zu gehen. Warum wir uns auch ungeschminkt lieben sollten.

Die ungeschminkte Wahrheit ist großartig!

So oder so ähnlich ist es sicher schon mal jeder Frau ergangen, die sich ungeschminkt aus dem Haus „getraut” hat:

„Bist du krank?”

„Du siehst aber müde aus!”

„Ich habe dich gar nicht erkannt.”

„Geht’s dir nicht gut? Du siehst so blass aus.”

Nein, das ist mein ungeschminktes Gesicht. Muss ich mich wirklich dafür rechtfertigen, sogar schämen? Sobald Frau es wagt, mit dem Gesicht, mit dem sie auf die Welt gekommen ist, vor die Tür zu treten, scheint die Welt da draußen einen Freifahrtschein zu ungefragten Kommentaren zu besitzen.

Wie kann es sein, dass unser geschminktes Gesicht gesellschaftlich akzeptierter ist als die ungeschminkte, unverfälschte und deshalb nahbarste Version?

Ohne Make-up schämen sich viele Frauen

Manchmal, wenn ich morgens in Eile bin, und vergessen habe, mich zu schminken, erwische ich mich dabei, zurück in meine Wohnung zu gehen und mir zumindest etwas Make-up und Wimperntusche aufzulegen, um schockierten Blicken und wenig schmeichelhaften Kommentaren zu entgehen. Wie konnte es soweit kommen, dass ich mich gegen meine natürlichen Instinkte und für vermeintlichen Perfektionismus entscheide, der mein Ich zu einem Bild hin modelliert? Möchte ich als Frau wirklich in so einem Maße formbar sein?

In einer Gesellschaft, die von deinen Selbstzweifeln finanziell profitiert, ist Selbstliebe ein nahezu revolutionärer Akt: und damit meine ich nicht den Trend der #nomakeup-Modelgesichter bei Instagram, sondern mich selbst. Mich, die ich mich den ganzen Tag darauf freue, abends meinen BH auszuziehen und mein Gesicht von der Schminke zu befreien. Durchzuatmen, Luft zu holen, mich im Spiegel wiederzuerkennen– mich, nicht das Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Du bist schön, denn dein Gesicht schreibt und erzählt Geschichten – jeden Tag

Manche Frauen haben Angst, sich vor ihrem Freund abzuschminken. Aber wie sollen wir einander jemals wirklich begegnen, innerlich und äußerlich, bevor wir uns nicht all unserer Masken entledigt haben und uns so zeigen, wie wir sind, Narben, Flecken, Sommersprossen, Augenringe eingeschlossen? Erst dann können wir sagen: Du bist schön, denn dein Gesicht schreibt und erzählt Geschichten – jeden Tag.

In unserer schönen, neuen Welt, in der alles und jeder künstlich bzw. technisch machbar ist, scheint Uniformität das große Ding zu sein. Vielleicht sorgt deshalb eine ungeschminkte Christina Aguliera auf dem Cover des Paper Magazine für Aufruhr auf allen Social-Media-Kanälen.

Wer sind wir, wenn die Hüllen fallen? Was steckt hinter der Oberfläche? Und warum haben wir Angst, es herauszufinden? Denn heißt sein ungeschminktes Gesicht zu verleugnen, nicht in letzter Konsequenz, sein ungeschminktes Ich zu verleugnen? Wie schrieb Alicia Keys so schön: ”Time to uncover.” Für so viel Selbstbestimmtheit in einer Gesellschaft der Fremdbestimmtheit hagelte es Kritik: „Du siehst aber fertig aus” – die Hymne der Ungeschminkten.

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