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Das schwarze Mädchen.

Gestern verbrachten meine Tochter und ich unseren Nachmittag in einem Park. Eine große grüne Wiese animierte meine Tochter dazu, herum zu springen und sich einfach nur im Gras zu entspannen. Während meine Tochter richtig im Flow ihres Spiels und Freiheit-Genießens war, entwickelte sich ein Gespräch mit einem Vater eines Sohnes im selben Alter meiner Tochter, der ein wenig abseits von uns saß.
Nach einer Weile fragte mich der Mann, wie es mir mit der Situation in Europa und insbesondere München geht, wo doch meine Familie dort lebt. Ob ich Angst habe. Ich grübelte noch bezüglich meiner Antwort, da entgegnete mir der Mann bereits mit der Aussage, dass er Angst habe. Er hatte Angst, weil er meinte, dass die Gefahr überall lauerte. Beispielsweise auch direkt vor uns in Form eines Mannes, der vor uns in seinem Truck gerade seine Mittagspause genoß. Ich war etwas verwundert über diese Aussage, konnte den Grund für diese Angst doch nicht begreifen.
Da saß ein junger Mann in seiner Mittagspause im Truck und ein anderer hatte Angst vor diesem Mann.

Mit welchem Grund?

 

Auch wenn ich mir selber Vorurteile nicht zulasse und ich die verschiedenen Merkmale unter uns Menschen nicht beurteilen möchte, vermute ich zu wissen, was dieser Mann gesehen hat. Einen braungebräunten jungen Mann mit langen schwarzen Haaren zu einem Zopf gebunden und einem voluminösen dunkelhaarigen Bart. Denselben Mann, den ich auch sah. Doch er sah ihn mit anderen Augen. 

Ich habe diese Aussage im Raum (oder besser im Park) stehen lassen und habe mich im Anschluss über mich geärgert, keine Stellung dazu genommen zu haben.

Denn wer erlaubt es uns, über einen fremden Menschen ein Bild oder eine Vorstellung über dessen Werte und dessen Meinungen zu kreieren?

Bald sind die Wahlen zum neuen US-Präsidenten. Die ganze Welt darf derzeit unterhalten werden von der Euphorie für einen Mann, über den wir bis vor kurzem noch schmunzelten. Doch seit diese Euphorie neue Dimensionen annimmt, nehmen die Sorgen zu. Auch die Sorgen in unseren vier Wänden. Wir müssen zusehen und hoffen, dass das Land, in dem wir gerade leben, nicht unter die Regierung eines Mannes fällt, die von rassistischen Gedanken geprägt wird.

Wir wünschen uns weiterhin, dass wir während einer Uber-Taxifahrt einen kurzen Einblick bekommen können, wie das Leben für einen Mann sein muss, der alles in seiner Heimat Iran hinter sich gelassen hat, weil er Angst hatte. Wir fühlen uns dankbar für ihn, dass er uns nun seine Geschichte hier erzählen kann.

Wir wünschen uns weiterhin, dass die freundlichen, fröhlichen, herzlichen und vor allem gastfreundschaftlichen großen Familien aus Mexiko in unserer Gesellschaft einen Platz haben. Mein Mann wurde bei seinem alten Job wie ein Familienmitglied behandelt. Wenn wir am Strand neben einer mexikanischen Familie saßen, wurde unsere Tochter jedes Mal mit Snacks und Getränken versorgt.

Ich erinnere mich noch allzu gut an meine Kindertage, als ich manches Mal in einer türkischen Familie mit der selben südländischen Gastfreundschaft mit unglaublich leckerem Essen verwöhnt wurde und aufgenommen wurde.

Wir wünschen uns weiterhin, dass unsere Tochter niemals lernt, Unterschiede zu machen. Und auch wenn wir wissen, dass wir das zum großen Maße formen, wird auch der Zeitpunkt kommen, in der die Gesellschaft ein Denkmuster prägen kann.

Wir wünschen uns, dass sie die Menschen mit offenem Herzen kennenlernt. 

Bei einer anderen Spielplatz-Situation kam nach einiger Zeit ein ca. fünfjähriges Mädchen auf meine Tochter zu. Sie bekam mit, dass wir Deutsch untereinander sprachen und hat daraus für sich geschlossen, mehr Taten als Worte zu verwenden. So bot sie meiner Tochter eine Süßigkeit an, lieh ihr ein kleines Auto zum Spielen aus und nahm sie nach einiger Spielzeit in den Arm. Einfach so.

Dieses liebevolle Mädchen hatte Eindruck hinterlassen und als wir uns im Anschluss auf den Heimweg machten, erzählte meine Tochter immer noch von dem „schwarzen Mädchen“. Sie nannte dieses Mädchen so, da das Mädchen schwarze Haare hatte. Eine logische Schlussfolgerung. Sie darf sich die Merkmale aussuchen, nach denen sie jemanden beschreiben möchte. Diese werden wir ihr nicht in den Mund legen.

Wir Menschen unterscheiden uns. Ich beispielsweise habe lange dunkle lockige Haare, dunkle Augen und bin groß. Manche Frauen und Männer tragen Tattoos auf ihrer Haut, manche haben rote, blaue oder violette Haare. Manche sind groß, manche klein. Jeder Mensch wird von verschiedenen Merkmalen geprägt. Doch keines dieser Merkmale erlaubt mir ein Urteil über den Menschen.

Und keines dieser Merkmale nimmt mir die Fähigkeit, mit dem Herzen zu sehen.

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