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Deine innere Kritikerin: Wie du aufhörst, dich selbst zu sabotieren

Wieviel Wertschätzung bringen wir uns selbst entgegen? Oft sehr viel weniger als anderen Menschen und auch weniger als uns selbst manchmal bewusst ist. Wie sich das ändern kann, darum geht es unter anderem im Buch von Melina Royer.

„War ja klar, dass du das wieder falsch machst!“

Sprache hat enorme Auswirkungen auf unsere Gefühlswelt: Wir wir mit uns selbst reden, so fühlen wir uns. Und genau deshalb ist es wichtig, nicht nur anderen gegenüber eine respektvolle Kommunikation zu wahren, sondern auch eine wertschätzende Kommunikation mit sich selbst zu üben – und vor allem: Quälsätze, die uns sofort schlechter fühlen lassen, über Bord zu werfen.

Wie man das trainieren kann, das behandelt Melina Royer, in ihrem Buch „Verstecken gilt nicht: Wie man als Schüchterner die Welt erobert“ – ein Buch mit dem Melina, die auch den Blog Vanilla Mind führt, schüchternen Menschen, zu denen sie sich selbst zählt, einen Mutmacher an die Hand geben will, um die eigenen Ängste zu kontrollieren und mutig zu sich selbst zu stehen. Auch wir haben schon mit ihr zum Thema gesprochen, das Interview findet ihr hier.

Wir stellen euch einen Auszug aus dem Buch vor:

Kennst du solche Sätze von deiner inneren Kritikerin?

  • „Was stimmt eigentlich nicht mit dir, du dumme Nuss?“
  • „Wie schwer kann’s denn sein? Du hattest nichts weiter zu tun, als einfach nur anwesend zu sein.“
  • „Du bist wirklich zu nichts zu gebrauchen. Was soll aus dir nur werden?“

Früher hat nur die geringste Kleinigkeit dafür gesorgt, dass in meinem Kopf der Selbstzerstörungsmodus aktiviert wurde. Ich war schon immer eine Grüblerin, aber mein fataler Fehler bestand darin, dass ich meine gesamte mentale Energie gegen mich selbst richtete.

Vielleicht denkt der eine oder andere jetzt: „Ist doch egal, wie ich mit mir selbst rede. Das geht ja nun wirklich niemanden etwas an.“ So egal ist es aber nicht. Wir können nicht wachsen, wenn wir uns gedanklich selbst herunterputzen, egal in welcher Situation. Selbst, wenn es einen triftigen Grund dafür gibt, sich über das eigene Verhalten zu ärgern, sollte das niemals in einem inneren Dialog enden, der wieder und wieder Speerspitzen mitten in unser Selbstvertrauen abfeuert.

Selbstsabotage hat einen hohen Preis: Sie fängt bei schleichenden Selbstzweifeln an und endet irgendwann mit Selbsthass, dem Verlust von gesunden Beziehungen zu anderen oder beruflichem Erfolg.

Unsere Gedanken bestimmen unsere Realität

Sprache kann ein Geschenk sein. Man kann sie nutzen, um jemanden aufzubauen, zu ermutigen, ihm neue Willenskraft oder Zuversicht zu schenken. Man kann sie aber auch einsetzen wie eine Waffe und alles um sich herum – sich selbst eingeschlossen – damit in Einzelteile zerlegen.

Unsere Realität resultiert aus dem, was wir glauben. Das heißt, wenn wir uns den ganzen Tag selbst erzählen, wie unnütz und unbeholfen wir sind, dann ist das unsere Realität.

Und wenn wir mit uns selbst nicht im Reinen sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir unsere Gefühle auch auf unsere Mitmenschen projizieren.

Ein paar Beispiele:

Ich betrete einen Raum und sehe, wie in der Ecke des Raumes ein paar Frauen miteinander tuscheln. Der Grund? Die lästern auf jeden Fall über mich! Wahrscheinlich sieht meine Frisur aus wie ein Vogelnest, mein Lippenstift ist verschmiert und die haben bestimmt auch sofort gemerkt, wie unvorteilhaft ich in meiner Jeans aussehe. Klare Sache!

Einen Tag später stehe ich im Supermarkt an der Kasse. Die Kassiererin hat einen echt langen, anstrengenden Tag hinter sich. Hat sie vielleicht deshalb etwas ruppig reagiert, als ich meine EC-Karten PIN einmal neu eintippen musste? Niemals! Ich bin mir sicher: In Wahrheit hasst sie mich! Sie kennt mich zwar nicht, aber bestimmt hat sie was gegen mich. Wieso konnte ich nicht einfach die PIN richtig eingeben?

Oh, und mein neuer Auftraggeber möchte gern, dass ich eine Präsentation halte. Ist der irre? Der muss doch merken, dass ich nicht gerne vor anderen rede, warum macht er das mit mir?

Ja, da kann man nur sagen: Herzlichen Glückwunsch zu so viel Selbstsabotage!

Lernen, sich mit den Augen anderer sehen

Ich kann mich an viele Situationen erinnern, in denen es völlig egal war, wer wie oft man mich lobte – meine eigene Meinung stand fest und konnte durch nichts erschüttert werden. „Es kann nur eine Wahrheit geben – und das ist meine!“ Ich sah alles vollkommen anders und rechtfertigte meine Reaktion folgendermaßen: „Ich kenne mich selbst am besten. Die anderen wissen gar nicht wie es in mir aussieht!“ Ein externes „das hast du gut gemacht“, drang also gar nicht bis zu mir durch.

Wenn man dieses Verhalten auf die Spitze treibt, kommt dabei übrigens nicht heraus, dass andere sich noch mehr Mühe geben, uns von unseren Fähigkeiten zu überzeugen. Oh nein! Niemand hat dauerhaft Lust, gegen so einen Hurrikan aus geballter Zerstörungskraft zu kämpfen. Irgendwann sagen die Leute einfach gar nichts mehr und lassen einen machen. Sie fühlen sich dann nämlich selbst nicht mehr geschätzt und halten ihre Meinung für überflüssig.

Was kann man dagegen tun? Es muss unbedingt ein Abgleich der eigenen Wirklichkeit erfolgen. In einem Gespräch mit der besten Freundin oder dem Partner kann man sich folgende Fragen beantworten: „Für wen ist meine Leistung zu schlecht? Wer hat überhaupt den Maßstab für das festgelegt, was als gut gilt? Würde ich dieselben Dinge, die ich zu mir sage, auch meiner Freundin an den Kopf werfen?“

Zusammen kann man das wesentlich leichter ergründen. Das kann aber nur funktionieren, wenn man sich öffnet und auch bereit ist anzuerkennen, dass andere uns anders wahrnehmen als wir uns selbst. Wiederholte Gespräche mit vertrauten Menschen haben mir geholfen, meine eigene (negative) Beobachtung nicht ständig über die der anderen zu stellen. Je mehr ich mit anderen über meine Empfindungen, Beobachtungen und Gefühle sprach, desto mehr ging mir ein Licht auf: „Oh! Andere halten mich für freundlich und kompetent – das exakte Gegenteil von meiner eigenen Wahrnehmung.“

Wir müssen täglich üben, uns mit den Augen anderer zu sehen. Wenn es andere gut finden, was wir machen, dann kann es nicht schlecht gewesen seiin!

Unsere innere Wahrnehmung ist nur ein Teil der Gleichung. Für eine ausgeglichene Bewertung unserer Realität brauchen wir Feedback von außen, um uns ein umfassendes Bild machen zu können!

Tipp: einen „Jar of Awesome“ anlegen

Insbesondere, wenn andere einen loben, müssen wir lernen, ihre Meinung wertzuschätzen. Dabei hilft mir dieses Gedankenbild: Wenn ich positives Feedback erhalte, dann betrachte ich es wie einen Pokal. Jedes Lob ist ein Pokal, den ich sammle und mental in meine Vitrine mit positiven Erlebnissen einsortiere. Um das zu visualisieren, habe ich angefangen, schöne Momente in einem Glas zu sammeln, das man im englischen Sprachraum „Jar of Awesome“ nennt. Darin werden die kleinen und großen Erlebnisse des Alltags notiert, zum Beispiel ein Lob von anderen. Häufig konzentrieren wir uns nur auf unsere Schwächen und die Misserfolge des Tages. Dabei gerät alles Schöne in den Hintergrund und man gibt dem negativen Gedankenkarussell jede Gelegenheit, wieder über einen herzufallen.

Wer glaubt, er wüsste Monate später noch, was er Schönes erlebt hat, irrt! Denn Überraschung: Man weiß meistens nicht einmal mehr, was man morgens zum Frühstück hatte. Ich habe mir mein Glas prominent auf meinen Küchentisch gestellt und immer, wenn etwas Positives passiert, lautet mein Erfolgsrezept: aufschreiben, ins Glas stecken und für später konservieren.

Melina Royer: „Verstecken gilt nicht: Wie man als Schüchterner die Welt erobert“, Kailash Verlag, 12 Euro.

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