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Ein Diätprogramm als Wellness verkaufen? Netter Versuch, aber lasst das mal

Abnehmen ist jetzt nicht mehr anstrengend, sondern eine „Wellness-Reise“. Das zumindest hat das Unternehmen „Weight Watchers“ entschieden und sich einen neuen Namen verpasst. Ändert sich im Diät-Business tatsächlich etwas?

Wellness that sucks!

Machst du noch eine Diät, oder schon ein Wellness-Programm? Wenn es nach „Weight Watchers“ geht, dann beides, denn das Unternehmen hat sich umbenannt. Ab sofort will es nur noch „WW“ genannt werden, was für „Wellness that Works“ stehen soll. Denn, so Oprah Winfrey, die seit 2015 Großaktionärin des Unternehmens ist, die Rolle von WW gehe im Leben der Menschen über die Anzeige auf der Waage hinaus. Aha.

Nun könnte man sagen: Warum denn nicht? Denn Gewichtsverlust kann natürlich mit einem gesteigerten Wohlbefinden einhergehen und wenn Weight Watchers sein Selbstverständnis breiter als nur als Diätprogramm anlegen will, dann darf man dem Baby auch einen neuen Namen geben. Alles richtig. Und dennoch lohnt es sich, darüber nachzudenken, warum ein Unternehmen, das nun einmal mit Diätprogrammen erfolgreich wurde, nun auf die Wellness-Schiene geht. Denn wahrscheinlich steckt dahinter kein neues Selbstverständnis, mit dem man morgens aufgewacht ist, um die Welt zu beglücken. Sondern wohl eher der Versuch, einem Zeitgeist hinterherzukommen, der Diäten kritisch begegnet und Body-Positivity der Begriff der Stunden ist. Denn immer mehr Frauen wollen nicht mehr für ein vermeintliches Wunschgewicht hungern, dass ihnen von anderen aufgedrückt wird.

Wellness dagegen, hört sich erst einmal verdammt gut an. Bei dem Begriff wird einem warm ums Herz, die Gedanken an Massagen, lauwarme Schwimmbecken und die feuchte Saunaluft schweben im Raum. Und nehmen wir mal das Beispiel diverser Wellness-Tees, die nicht mehr die Funktion haben, den Durst zu stillen,  sondern freie Radikale zu bremsen, uns zu „detoxen“ und uns fit zu machen. Wellness ist ein Versprechen, dass sich zwischen Self-Care und der Nähe zum Medizinischen einpendelt, ohne je konkret werden zu müssen. Und ohne Medizin zu sein. Denn Schlacken kann man ebenso wenig rausspülen, wie freie Radikale auf warme Kräutergetränke pfeifen. Es geht hier um nicht viel mehr als die Kraft der Suggestion – wir verbinden damit Gutes und das ist für die Branche extrem nützlich. Denn mit diesem Wunsch nach Wohlgefühl rollt der Rubel.

Es geht nicht um Wohlbefinden, es geht um Geld

Ja, Diäten können gesundheitlich notwendig sein – und dann tut das gut. Oder jemand entschließt bewusst, etwas an sich zu verändern und sein Leben in Sachen Ernährung und Bewegung ein wenig umzustellen,  auch das kann gut tun. Aber erholsam sind Diäten für die meisten wohl eher nicht. Es ist schließlich kein Spaziergang, seine Gewohnheiten umzustellen oder Verzicht zu üben – und es kann sogar richtig ungesund für Körper und Seele werden, wenn eine Diät dazu verleitet, ungesund wenig zu essen oder übermäßig Sport zu treiben. Denn für viele Menschen ist eine Diät nichts, das einige Wochen dauert, sondern auf einmal ein Dauerzustand.

Aber um den individuellen Sinn oder Unsinn einer Diät soll es hier auch gar nicht gehen, sondern darum, dass solche Re-Brandings ja vor allem dazu dienen, die sehr lukrative Abnehm-Industrie auch in den Zeiten am Laufen zu halten, in denen Frauen auf den Trichter kommen, dass das gängige Verständnis von Schönheitsidealen, für das entweder verdammt gute Gene oder eben eine Diät notwendig sind, nicht das Maß aller Dinge ist. Es verhält sich hier ähnlich wie mit der Kosmetik- und Pflege-Industrie.

Wenn insbesondere wir Frauen beschließen würden, dass wir einfach so gut, schön und liebenswert sind, wie wir aussehen, ohne uns irgendwohin optimieren zu wollen, dann würden wir damit eine Revolution auslösen – und allen Menschen, die Geld mit der Unsicherheit verdienen, die Frauen bezüglich ihres Körpers ständig vermittelt wird, graue Haare bescheren. Was eigentlich eine ziemlich gute Sache wäre – denn der Wunsch nach einer Diät entsteht ja häufig nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern aus dem Wunsch und dem gesellschaftlichen Heilsversprechen, vermeintlich besser auszusehen und mehr wert zu sein, wenn man ein paar Kilos weniger wiegen würde.

Es geht also um Geld, das aus fragwürdigen Normen geschöpft wird und nicht um das Wohlbefinden der Menschen. Wie so oft. Und wenn Weight Watchers-Chefin Mindy Grossman beteuert, dass es nicht mehr nur um eine Abnahme, sondern auch um Bewegung und eine grundsätzlich positive Einstellung gehen soll, dann möchte man eigentlich erwidern, dass sich für viele Frauen schon so einiges positiv wandeln würde, wenn sie nicht das Gefühl hätten, eine Diät machen zu müssen. Aber letztlich muss das jede*r für sich entscheiden. Nur: Diäten als Wellness zu verkaufen ist in etwa so, als würde man eine Familienfeier als Fest der Freude bezeichnen. Lasst das einfach. Es ist Quatsch.

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Silvia hat von 2014 bis zum Herbst 2019 für EDITION F gearbeitet, zunächst als freie Journalistin, dann als Redakteurin und seit dem Jahr 2017 als Redaktionsleiterin. Seit Oktober ist sie freie Autorin und Kolumnistin und schreibt auf EDITION F weiterhin ihre Kolumne „Thirtysomething“. Im März 2019 erschien im Goldmann-Verlag ihr erstes Buch: „A Single Woman: Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“. Foto: Jennifer Fey

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