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Plötzlich Mama? Wenn der Freund ein Kind mit in die Beziehung bringt

Eben noch glücklicher Single und plötzlich auf dem Kinderspielplatz? Welche Herausforderungen es zu meistern gilt, wenn zum neuen Mann auch ein Kind gehört. Juli Solen erzählt davon, wie das Leben mit einem „Bonuskind“ aussieht.

 

Wenn der neue Freund ein Kind hat

Seit einigen Jahren gehört zu meinem Leben nicht nur ein besonderer Mann, sondern auch ein Kind. Das war keine Absicht; weder der Mann, noch das Kind, aber manches passiert halt so. Eben noch habe ich mir die Nächte in Berlin beim Feiern um die Ohren geschlagen und schon wenige Wochen nach der ersten gemeinsamen Nacht, gibt es den Familienausflug zu dritt.

Ich hatte mir da keine Gedanken drum gemacht und vielleicht war das auch besser so. Denn die Probleme, die auftauchen oder auftauchen können, tun das wohl ohnehin.

Hier einige Herausforderungen und meine Erlebnisse damit:

1. Wie heißt das Kind? Was bin ich für diesen kleinen Menschen?

Die deutsche Sprache ist reich, aber das passende Wort für unser Verhältnis fehlt. Als erstes fällt den meisten Stiefkind-Stiefmutter ein, aber erstens klingt das sehr nach bösem Märchen und zudem legt es zu nahe, dass ich die Mutterrolle übernehme. Aber das tue ich nur sehr bedingt, denn die Hälfte der Zeit lebt, ich nenne sie der Einfachheit mal Lotta, bei ihrer Mutter, die andere Hälfte beim Vater und nur einen Teil seiner Zeit bin ich anwesend.

Aus dem skandinavischen kommt zunehmend der Begriff „Bonuskind-Bonusmutter“. Das sind mir die liebsten Worte, wenn ich unser Verhältnis beschreibe. Es steckt so viel Schönes in diesem Wort Bonus: Das Unverdiente, das Extra und etwas zusätzlich Positives im eigenen Leben. Eben eine Bonus-Person und für sich selbst eine Bonus-Rolle. Zwar muss ich in 80 Prozent der Fälle erklären, was ich mit Bonuskind meine, aber wer redet nicht gern über „sein“ Kind. Bleibt leider ein großes Problem: Lotta kann mit dem Begriff gar nichts anfangen. 

Dabei sind ihr passende Worte zur Reflexion, persönlichen Einordnung und Beschreibung in der Öffentlichkeit sehr wichtig. Gerade im öffentlichen Raum, gerade wenn sie mit mir scherzt oder kuschelt ist es hier immens wichtig, laut für die anderen zu sagen, dass ich aber nicht ihre Mutter bin. Diese Abgrenzung und Einordnung ist wichtig für sie.

Seit sie eine kleine Halb-Schwester hat, hat also sie ein eigenes Wort erfunden: Halb-Mama. Für sie passt das gut, für mich aber leider nicht, denn ich kann bisher schlecht von meinem halben Kind reden.

2. Eifersucht

Sie war drei, als wir uns kennenlernen und hatte nach der Trennung nun fast ein Jahr lang ihren Papa für sich alleine gehabt. Und dann tauche ich da auf.

Die ersten Monate waren schwierig. Sie schwankte zwischen Interesse und Freude, dass da noch ein Mensch Aufmerksamkeit schenkt (Kinder sind solche Aufmerksamkeits-Junkies!) und Eifersucht, dass da noch eine andere Frau im Leben ihres Papas eine Rolle spielte. Das konnte auch mal mit Schlägen oder Anschreien deutlich gemacht werden. Und am schlimmsten für mich: Es konnte von einer Sekunde auf die andere ohne Vorzeichen hochkochen.

Es wurde besser, als sie selbst ihre Gefühle als Eifersucht (oder in ihrem Sprachschatz zunächst Neid) einordnete. Auf einmal war es möglich zu differenzieren: Dass wir ihr ihre Eifersucht nicht absprechen, dass sie dieses Gefühl haben darf, dass wir, besonders ihr Papa sie auch mit Eifersucht lieb hat. Aber zugleich konnten wir deutlicher machen, dass wir sie nicht alle ihre Verhaltensweisen damit rechtfertigen lassen und auch nicht jeglichen Körperkontakt wie Händchenhalten oder Küsse abstellen.

Über die Jahre hat die Eifersucht sich gelegt. Nicht von heute auf morgen, aber die Attacken wurden immer seltener und weniger heftig. Heute muss ich nachdenken, wenn ich versuche, die letzte zu erinnern.

3. Nähe und Distanz

Ich glaube, ich habe immer Lotta entscheiden lassen, wie viel Nähe sie möchte. Ich weiß nicht, ob das gut war. Manchmal frage ich mich, ob wir ein engeres Verhältnis hätten, wenn ich mehr in Liebesvorschuss gegangen wäre. Aber meistens denke ich, dass sie bereits ausreichend Bezugspersonen hatte und es mir wichtig ist, sie als Mensch zu respektieren, der selber über Nähe und Distanz entscheiden kann und darf.

Einfach war es dennoch nicht. Denn ähnlich wie bei der Eifersucht wechseln ihre Gefühle schnell und mehr als einmal hat es mich verletzt, wenn sie den halben Tag Nähe, Spiel oder Kuscheln bei mir suchte und mich dann die restliche Tageshälfte oder auch mal einen halben Urlaub deutlich weg schob und schon die Bitte von mir, sie möge zum Abendessen kommen, einen Schreianfall auslöste. Wenn auf einmal permanent nur ihr Papa als Bezugsperson verlangt wird und alle Nähe zu mir verschwunden ist.

Mittlerweile haben wir viele Wochenenden und Urlaube hinter uns und seit einigen Monaten wohne ich in der gleichen Stadt. Jetzt habe ich ein neues Problem: Ich bin beruflich sehr viel unterwegs und so sehen wir uns manchmal zehn Tage nicht. Dann beschwert sie sich, dass sie mich vermisse und fragt, wann ich wiederkommen würde. Inzwischen per SMS auch direkt, was mir natürlich das Herz schmelzen lässt. (Habt ihr mal selbst geschriebene Sehnsuchts-SMS eine Erstklässlerin gelesen?) Halte ich das aus oder versuche ich meine Job-Termine so zu legen, dass ich mindestens einen Abend, den sie bei ihrem Papa ist, auch da bin?

Im Sommer ziehen die beiden sogar in die Wohnung über mir, wer weiß was das dann mit sich bringen wird…

4. Die Patchworkfamilie

Die Familie, die man gewinnt, ist noch größer. Da ist die Ex-Frau und Mutter, ihr neuer Partner, die kleine Halbschwester. Zu denen gehören jeweils Eltern, was bei Lottas Einschulung dann gleich mal zur Anwesenheit von vier Omas führt.

Und so eine Ex und Mutter mischt sich freiwillig oder unfreiwillig ins eigene Leben ein. Ihre Wohnsitzwahl, also die Entscheidung einer für mich völlig fremden Frau, entscheidet meine mit – zumindest wenn ich keine Fernbeziehung führen will oder von meinem Freund eine zu seiner Tochter fordern will. Also bin ich in ihre und seine Stadt gezogen, um diese Fernbeziehung nach Jahren zu beenden. Nicht die Stadt, die ich mir wünschte, aber eine, die lebenswert ist.

Aber es sind auch die Kleinigkeiten. Vorwürfe, dass sich Lotta bei uns nicht wohl fühlen würde, weil wir zu viel streiten würden (was ein Missverständnis ist, da mein Freund und ich fast nie streiten) oder die Meinung und das Un-Wissen, die Lotta zu Glauben und Religion mitbringt. Die empfinde ich oft als fundamentalisch-atheistisch angreifend, kann aber kaum gegen sie argumentieren. Denn wie erkläre ich Lotta, dass ihre Mutter da wohl Blödsinn erzählt.

Ich will kein schiefes Bild zeichnen: Mein Freund und seine Ex haben meist ein entspanntes Verhältnis. Lottas Mutter und ihr Partner haben mir beim Einzug in die neue Wohnung geholfen. Auch die meisten Wert- und Erziehungsvorstellungen liegen wohl nah beieinander. Aber anstrengend ist es dennoch immer mal wieder.

5. Was wäre wenn…

Was wäre, wenn mein Freund und ich uns trennen würden, dürfte ich Lotta dann noch sehen? (Mein Bruder hat dieses Spiel nun seit vielen Jahren, ob und wie er seine Bonuskinder sehen darf, obwohl er für die jüngere echter Ersatzvater ist.)

Was wäre, wenn Lottas Mutter sich doch wieder umentscheidet und in eine Stadt ziehen will, die für mich nicht in Frage kommt? (War jahrelang eine ernste Diskussion für uns.)

ABER: Was wäre, wenn mich all diese Herausforderungen von der Beziehung zu meinem Freund und seiner Tochter abgehalten hätten? 

Dann würden jetzt zwei warmherzige, wunderbare und eigensinnige Menschen in meinem Leben fehlen. Und beim sonntäglichen Ausschlafen würde ich verpassen, dass ein quirliges Mädchen ins Bett gekuschelt kommt, mich küsst und mir sagt, dass sie mich liebt.

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