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Digital Detox – wenn ein Schrebergarten zum Seelenort wird

Wenn Du jahrelang im Sport und Yoga nach Ausgleich und Balance suchst und dann auf einmal feststellst, dass Dein Weg der Selbstfindung Dich in einen spießigen Schrebergarten führt.

 

Es gibt Orte, die riechen nach Kindheit. Nach Zuhause. Nach Langsamkeit. Nach Ankommen. Für mich ist dieser Ort mein Schrebergarten. 

Mein Schrebergarten war schon immer da. Er gehörte meiner Oma, davor meiner Uroma. Zuletzt meinem Vater. Und seit zwei Jahren gehört er nun mir. Und seit zwei Jahren ist dieser Ort der Beste, den ich habe. Mein Ort zum Entschleunigen. Zum einfach Dasein. Ein Ort ohne Wlan, ohne Instagram, ohne Facebook, ohne Fashion, ohne To-Do-Listen. Im „Schrebi“ – wie ich ihn liebevoll
spießig nenne – ist eine andere Zeitrechnung. Dort ist man nur im „Jetzt“. Dort ist mein Seelenort.  

Der Schrebergarten ist Teil meiner Kindheit. Ich habe dort alle Sommerwochenenden verbracht und jegliche Erinnerungen, Codierungen und Verknüpfungen mit diesem Ort sind einfach nur positiv. Der Geruch der alten schwarzen Laube, die aufgrund ihrer Form einem 70er Jahre Kiosk ähnelte. Die orangefarbenen Sitzpolster, die passend zur braun-gelb gestreiften Markise und
den dunkelbraunen Holzgartenstühlen eine wohlig warme Farbwelt kreierten. Die beige Blumenmuster-Tapete. Das alte Porta Potti Campingklo, das auf drei wackeligen Klötzen stand, damit es eine angenehmere Sitzhöhe hatte. Die zusammenklappbaren Campingliegen, mit denen ich gemeinsam mit meiner Schwester und einer Vielzahl von Decken immer eine Höhle baute. Das Füttern der Enten und Schwäne im Alsterlauf, der direkt vor der Laube verläuft. Der Alsterdampfer, der auf genau diesem im Stundentakt die durch die Kanäle schipperte und denen wir als Kinder
immer wieder aufs Neue zuwinkten. Das Kricketspielen, das Grillen, das „durch die Laubenkolonie laufen“.  

Viele Jahre war dieser Ort nicht präsent in meinem Leben. Er passte einfach nicht in meinen Lifestyle. Unter der Woche war ich seit Jahren als Brand Managerin und in der Trendberatung in der Food-Branche unterwegs. Und am Wochenende suchte ich die Auszeit und Balance lieber unter Leuten, in Cafes, neuen Restaurants, auf Kunstaustellungen und Flohmärkten. Und zu Singlezeiten war der Garten nun wirklich kein „place to be“, um neue Menschen kennen zu lernen. Und so war dieser Ort viele Jahre einfach nur da….

 

Bin ich ein
Schrebergärtner? 

Und dann, vor ca. drei Jahren, kam die Frage auf, wie dieser Garten in Zukunft verwaltet werden sollte. Tja, da stand ich nun vor der Entscheidung. Einen Schrebergarten? Würde ich diesen je nutzen? Einmal in der Woche Rasen mähen? Ich hatte die letzten Jahre immer mal wieder durchaus mit der Frage gespielt, ihn abzugeben….aber dies änderte sich schlagartig, als ich ihn eines Tages nach sehr langer Zeit mal wieder aufsuchte.  

Ich erinnere mich bis heute: Mir kam der Geruch dieses Ortes schon mehrere Meter entgegen, bevor ich den Garten überhaupt sehen konnte. Ich konnte diesen Ort der Kindheit riechen! Es war wie eine Zeitreise. Und sobald ich durch die kleine eiserne Pforte ging, war ich mittendrin in Erinnerungen und tauchte ein in eine andere Welt. Und da stand für mich fest, dass ich diesen kostbaren Ort niemals abgeben werde!  

 

Wenn ein Garten zur Großbaustelle
wird 

Sobald ich meinen Schrebergarten betrete, entschleunige ich. Es ist wie Meditation. Ich schlüpfe in andere Klamotten, wusel in den Blumen rum, pflanze hier und da etwas um, grabe Bäume aus, lege neue Beete an. Und komme dann sonntag abends kaputt und glücklich zurück in die Wohnung. Und während andere Paare in meinem Freundeskreis gerade Häuser bauen, sich größere Autos kaufen oder über Eigentumswohnungen nachdenken, habe ich in diesem Jahr mit
meinem Freund das Projekt „Schrebi“ angenommen. Wir haben uns entschieden, den Garten wieder mit Leben zu füllen, zu „Unserem“ zu machen. Und so entschieden wir uns nach kurzer Kostengegenüberstellung, die alte Laube meiner Oma nicht zu sanieren, sondern uns von ihr zu trennen und eine Neue zu bauen. Wir durften allerdings schnell die Erfahrung machen, dass man sich ähnlich wie beim Hausbau unglaublich verkalkulieren kann und alles anders kommt als geplant. So stellten wir nach dem Abriss der alten Laube fest, dass meine Oma damals in den 60ern die grandiose Idee hatte, die Vorgänger-Laube Ziegel für Ziegel zu vergraben und als Fundament für die damals Neue zu nutzen. Trümmerfrauen eben. Und so grub ich mit meinem Freund tagelang jeden einzelnen Ziegel, alte Bierflaschen und ganze Türen und Fensterrahmen aus dem Boden aus, um Platz für unsere neue Hütte zu schaffen. Es war nun definitiv eine kleine Großbaustelle. Die uns aber durch das „Schaffen mit den eigenen Händen“ eine ganz neue Art von Glück, Zufriedenheit und auchErdung schenkte. Nach drei Monaten „Baustelle“, einer ausgereiften Bauarbeiterbräune und einer bisher nicht gekannten körperlichen Erschöpfung war es dann aber soweit: unsere neue Hütte im Scandi-Look wurde angeliefert und aufgebaut. Wir sind nun stolze Laubenbesitzer.   

Seitdem sind viele viele Stunden Herzblut und Liebe in diese Hütte geflossen. Und sie ist wie unser Baby. Etwas, auf dass wir aufpassen. Zu dem wir hinfahren, um zu gucken, ob alles in Ordnung ist. Man findet immer noch hier und da einen der alten ausgegrabenen Ziegelsteine. Die ausgegrabenen Bierflaschen, die mein Opa dort vor über 35 Jahren vergraben hat, dienen als Blumenvase. Ich denke oft, dass meine Oma wohl häufig lachte – von da oben – wenn sie uns gesehen hat. Aus Freude darüber, dass wir ihrem Garten ein neues Leben einhauchen, ihn weiterführen. Und manchmal aus Komik darüber, was wir da so machen und was wir da so ausbuddeln.  

Ooommhh – eine kleine Welt im Offline

Dieser Schrebergarten ist nun unser Projekt. Er ist Ruhepol, mitten in der Stadt. Und er ist ein Ort mit ganz neuen Bekanntschaften geworden. Menschen, die wir so nicht im Leben getroffen hätten. Menschen, die uns sehr liebevoll und unterstützend in der „Kolonie“ aufgenommen haben und sich darüber freuen, dass „die Jungen“ den Garten weiterführen. Es gibt noch viel zu tun, denn wir haben so viele Ideen, wie wir diesen Garten zu einem verwunschenen Idyll gestalten. Und so ist das neue Samstagsritual mit Tiefkühltasche und Thermoskanne in den Garten zu fahren, um dort zu werkeln. Und es gibt nichts Schöneres und Erdenderes, als morgens bei Sonnenschein auf dem Rasen zu sitzen, mit einer Tasse Kaffee in der Hand, und einfach auf die Blumen und das Wasser zu schauen. Es gibt weiterhin kein Wlan. Und wir überlegen ihn zur handyfreien Zone zu machen. Der Geruch ist nun ein etwas Anderer, ein Neuer. Und das ist auch gut so. Es riecht aber weiterhin nach Ankommen und nach Langsamkeit. Nach Seelenort.   

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