Foto: Daniel Purvis

Ellie Kammer: „Wir alle kennen Schmerz und wir alle haben Angst vor ihm”

Mehr als 30.000 Frauen erkranken jährlich an Endometriose. Trotzdem findet die Krankheit kaum Platz im öffentlichen Diskurs. Die australische Künstlerin Ellie Kammer ändert das mit ihrem Werk.

Endometriose: eine kaum bekannte Krankheit

Endometriose ist die zweithäufigste gynäkologische Erkrankung. Zwischen sieben und 15 Prozent der Frauen im geschlechtsreifen Alter leiden an der Krankheit. Und trotzdem wird über Endometriose und ihre Auswirkungen wenig gesprochen. Viele Mädchen und Frauen haben noch nie von der Krankheit gehört. Auch Ärzt*innen scheinen die Krankheit oft lange zu ignorieren: Sechs Jahre dauert es im Schnitt, bis betroffene Menschen eine Diagnose erhalten.

In den letzten Jahren wurde die Krankheit jedoch immer sichtbarer. Es gibt den „Tag der Endometriose”, Fachbücher und persönliche Krankheitsberichte von Betroffenen und Projekte von Künstler*innen.

Ellie Kammer macht aus ihrem Schmerz Kunst 

Eine dieser Künstler*innen ist die Australierin Ellie Kammer, die sich in ihren Ölgemälden mit Endometriose auseinandersetzt. Bei ihr selbst wurde die Krankheit im Dezember 2015 diagnostiziert. Kurz darauf wurde sie zum ersten Mal operiert. Den Beginn ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit ihren Erfahrung beschreibt sie im E-Mail-Austausch mit EDITION F: „Ich fing an, Gemälde über meine Krankheit zu erstellen, sobald ich mich von der Operation erholt hatte.“ Und dabei beschönigte sie von Anfang an nichts. Für ehre erste Bilderserien malte sie einige ihrer Freundinnen, die ebenfalls Endometriose haben und einige Selbstporträts. Von Anfang an stand für Ellie Kammer dabei aber nicht der individuelle Schmerz im Mittelpunkt: „Die Gemälde, so hoffe ich, dienen als eine Art Kanal für alle Frauen, die still gelitten haben und bereit waren, ihre Geschichten zu erzählen.”

„Der Schmerz ist in meinen Werken immer präsent, weil ich aufrichtig malen möchte.”

Betrachtet man Ellie Kammers Werk, stechen einem genau diese Schmerzen ins Auge. Sie selbst sagt dazu: „Der Schmerz ist in meinen Werken immer präsent, weil ich aufrichtig malen möchte. Auch in Momenten der Atempause vergessen wir den Schmerz nicht, den wir gespürt haben und der wiederkommen wird. Der Schmerz in meinen Bildern ist wichtig, weil er das ist, was uns zusammenbringt – wir alle kennen Schmerz und wir alle haben Angst vor ihm.”

Ellie Kammer nutzt aber nicht nur ihre künstlerische Arbeit, um der Krankheit Ausdruck zu verleihen. Sie arbeitet viel für die Endometriose-Community, die es in Australien gibt und informiert auf ihrem Instagram-Kanal über die Diagnose. In Zukunft würde sie gerne zum Beispiel an Schulen Seminare geben, um Mädchen und junge Frauen auf die Krankheit aufmerksam zu machen und somit die durchschnittliche Diagnosezeit, die in Australien derzeit bei acht bis zehn Jahren liegt, zu verkürzen.

Warum ist die Krankheit immer noch so ein Tabu?  „Uns wurde von jungen Jahren an beigebracht, dass alles, was mit dem weiblichen Zyklus zu tun hat, eklig und keinen Gedanken wert ist”, beschreibt die Australierin das Problem. Allerdings ist sie sich auch sicher, dass die allgemeine Entwicklung zu mehr Offenheit für weibliche Körperthemen auch für Endometriose ein Gewinn ist. Dass es trotzdem noch keine Heilung für Endometriose gibt, liegt, laut Ellie Kammer, auch an den patriarchalen Strukturen: „Ich glaube, wenn Männer an Endometriose erkranken könnten, hätten wir längst eine Heilmethode.” 

Auch wenn es tatsächlich keine Heilung gibt, gibt es zumindest Therapie- und Linderungsmöglichkeiten. Aber der Schmerz geht nie ganz weg. Mit ihrer Kunst gibt Ellie Kammer einen beeindruckend ehrlichen Einblick, in das Leben mit Endometriose. Und hilft damit dabei, das Tabu rund um die Krankheit Stück für Stück weiter aufzubrechen.

Mehr Arbeiten von Ellie Kammer findet ihr auf ihrer Website oder ihrem Instagram-Account.

Alle Olgemälde: Ellie Kammer 

Bild der Ausstellung: Daniel Purvis

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