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Feministischer Kampftag: Kämpft ihr eigentlich mit uns?

Diese Frage richtet unser*e Autor*in Lee Jansen an alle nicht-sexarbeitenden cis Feminist*innen – und fordert, dass trans*- und sexarbeitsfeindliche Postitionen verschiedener Organisationen endlich Konsequenzen haben. Ein Kommentar.

Yay, 8. März, Frauentag! Oder doch lieber Frauen*kampftag? Oder feministischer Kampftag? Ist mir gerade ziemlich egal. Im vergangenen Jahr hätte ich geschrieben: „Warum das Sternchen ausschließend gegenüber trans* Männern und nicht-binären Personen ist und ,Frauen‘ sowieso“. In diesem Jahr ist es mir wichtiger zu schreiben: „Wenn sich am Inhalt nichts ändert, könnt ihr die schöne Verpackung in die Tonne kloppen.“

Begriffsdefinition cis:
Die Vorsilbe ‚cis‘ wird benutzt, um auszudrücken, dass eine Person sich mit dem Geschlecht identifiziert, dem sie bei der Geburt aufgrund der Genitalien zugewiesen wurde. (Quelle: Queer-Lexikon)

Habt ihr das vergangene Jahr schon vergessen?

Liebe nicht-sexarbeitende cis Feminist*innen,

erinnert ihr euch noch an den vergangenen 8. März? Ich schon. Das war kurz bevor ich realisiert habe, dass Corona wirklich ernst ist. Der Tag, an dem eine Freundin, die trans* ist, zu mir gesagt hat: „Ich komm nicht mit zur Demo, ich fühl mich da nicht sicher.“ Der Tag, an dem ich in Berlin gemeinsam mit anderen Menschen von NotAnObject e.V. zur Demo gegangen bin, dort eine Rede gehalten habe und später noch zur WET, einer Party im ://about blank wollte.

Zur Party bin ich nicht mehr gegangen, denn auf der Demo ist etwas passiert: Im Block des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung, auf dessen Lautsprecherwagen ich eine Rede gehalten habe, wurden trans* Personen und Sexarbeiter*innen verbal und körperlich angegriffen. Aus einer Gruppe Menschen heraus, die sich aus der „Terre des Femmes e.V.“ Städtegruppe Berlin, dem „Sisters e.V.“ und der Gruppe „RadFem Berlin“ zusammensetzte, die gemeinsam an der Demonstration teilnahmen. „Terre des Femmes e.V.“ ist Teil des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung.

Liebe nicht-sexarbeitende cis Feminst*innen, habt ihr dem Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung geschrieben, als wir dazu aufgerufen haben? Habt ihr protestiert und gefordert, dass „Terre des Femmes e.V.“, eine Organisation, bei der anti-muslimische, rassistische, trans*- und sexarbeitsfeindliche Positionen an der Tagesordnung sind, aus dem Bündnis ausgeschlossen wird?

Keine Sympathie mit trans*- und sexarbeitsfeindlichen Postitionen? Pustekuchen!

Die davon betroffenen Personen schon. Das Bündnis versicherte uns, dass so etwas nie wieder passieren wird und es gab ein Statement, in dem es sich von trans*feindlichen Aussagen distanzierte. Zu Sexarbeiter*innen könne das Bündnis allerdings nichts sagen, denn dahingehend seien sie sich nicht einig, hieß es.

Das hat nur leider nicht gereicht, denn dieses Jahr, liebe nicht-sexarbeitende cis Feminist*innen, hat sich nicht viel geändert. Am feministischen Kampftag gibt es in Berlin keine große Demo, dafür nimmt das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung an dezentralen Aktionen teil. Mit dabei: „Terre des Femmes e.V.“. Das Bündnis hat sich dagegen entschieden, die Organisation auszuschließen. Im vergangenen Jahr mussten wir noch viel recherchieren, um zu belegen, dass „Terre des Femmes e.V.“ trans*- und sexarbeitsfeindlich ist. Wie es scheint, hat sich in einer Sache doch ein bisschen was geändert: „Terre des Femmes e.V.“ hat nämlich nachgearbeitet. 

„Terre des Femmes e.V.“ bezieht klar Position: vor allem gegen trans* Frauen

In einem Positionspapier von vergangenen September steht: „Für die patriarchale Geschlechterordnung ist das biologische Geschlecht (Sex) der Anlass für die Unterdrückung von Mädchen und Frauen“, und: „kein Junge dieser Welt, der sich per Willenserklärung vom ,Junge-Sein‘ verabschiedet, kann den patriarchalen Erwartungen entrinnen, die ihn als zum ‚stärkeren Geschlecht‘ gehörig definieren“. Diese Aussagen sind trans*feindlich, denn „Terre des Femmes e.V.“ spricht trans* Frauen ab, Misogynie zu erfahren und rechtfertigt damit den Ausschluss von trans* Frauen aus Frauenräumen.

Wusstet ihr von diesem Positionspapier, liebe nicht-sexarbeitende cis Feminist*innen? Seid ihr nach den Vorfällen im vergangenen Jahr drangeblieben? 

Nordisches Modell? Macht Sexarbeit unsicher.

Wusstet ihr, dass „Terre des Femmes e.V.“ Sexarbeiter*innen ihre durch den Lockdown schon jetzt eingeschränkten Rechte dauerhaft nehmen möchte? „Terre des Femmes e.V.“ spricht sich, wie so viele „Frauenrechtsorganisationen“, für das sogenannte Nordische Modell aus. Das ist ein Gesetz, das den Kauf von Sex verbieten soll. Offiziell sollen Sexarbeiter*innen nicht strafrechtlich dafür verfolgt werden, wenn sie beim Arbeiten entdeckt werden. In der Praxis sieht das aber meist anders aus, das zeigt sich in Ländern, die das Nordische Modell bereits eingeführt haben

„Sexarbeit ist stigmatisierte Arbeit und gesellschaftlich geächtet. Sexarbeiter*innen werden anders behandelt als Arbeiter*innen in anderen Berufen. Der Abbau dieses Stigmas ist eine wichtige politische Arbeit und Forderung. Solange Sexarbeit einen besonderen Status hat, kriminalisiert und nicht vollständig legalisiert ist, besteht keine Basis dafür, dieses Stigma komplett abzubauen.“

Trans*sexworks

Sexarbeiter*innen-Organisationen und andere Fachstellen warnen seit Jahren vor den negativen Auswirkungen des Nordischen Modells: Aus Angst vor Strafverfolgung springen Sexarbeiter*innen gute und langjährige Kund*innen ab. Und weil auch der Besitz von Kondomen und Gleitgel als Beweis für eine eine Straftat herangezogen werden kann, sehen sich einige Sexarbeiter*innen dazu gezwungen, Kund*innen anzunehmen, mit denen sie zuvor nie gearbeitet hätten, und ungeschützten Sex mit ihnen zu haben. Ein Sexkaufverbot erschwert außerdem den Zugang zu Unterstützungs- und Präventionsangeboten. Zusätzlich sehen sich Sexarbeiter*innen, die illegalisiert werden, größeren Risiken ausgesetzt, abgeschoben zu werden. Ein solches Gesetz verhindert Sexarbeit nicht, es macht sie unsicher.

Über die Auswirkungen dieser Gesetze wissen Organisationen wie „Terre des Femmes e.V.“ sehr gut Bescheid. Ihr auch, liebe nicht-sexarbeitende cis Feminist*innen? Machen Sexarbeiter*innen allerdings öffentlich darauf aufmerksam, werden sie von diesen Organisationen beschimpft, diffamiert und in eine Opferrolle gedrängt. Vor diesem Hintergrund sind Vorfälle verbaler und körperlicher Gewalt, wie bei der Demo im vergangenen Jahr, nicht weiter verwunderlich.

Wo seid ihr, nicht-sexarbeitende cis Feminist*innen?

Liebe nicht-sexarbeitende cis Feminist*innen, wo wart ihr? Wo seid ihr, wenn trans* Menschen und Sexarbeiter*innen Gewalt erfahren?

Wo ist der Aufschrei? Wo ist die Demo? Wo die Proteste? Es kann doch nicht sein, dass ein großes Bündnis wie das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung nach so einem Vorfall einfach weitermacht, ohne dass sich reihenweise Bündnispartner*innen verabschieden, ohne andauernde Proteste, ohne eine Konsequenz!

Es kann nicht sein, dass ihr weiterhin gewillt seid, mit solchen Organisationen zusammenzuarbeiten, euch gleichzeitig super progressiv gebt und trans* Personen für eure Werbekampagnen sucht! Es kann nicht sein, dass ihr die Belange von trans* Personen und Sexarbeiter*innen nicht mit in eure Forderungskataloge einbezieht und nur eure Sprache ein bisschen aufpoliert.

Problematische Verstrickungen

Und dieser Vorwurf richtet sich nicht nur an das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, liebe nicht-sexarbeitende cis Feminist*innen. Das Bündnis ist nur ein unglückliches Beispiel, das gut zum heutigen Tag passt. Denn dass mit problematischen und vermeintlich feministischen Organisationen wie „Terre des Femmes e.V.“, der sexarbeitsfeindlichen Organisation „Sisters“ oder dem trans*feindlichen „LAZ reloaded“ zusammengearbeitet wird, ist kein Einzelfall. Dieser Text richtet sich unter anderem an Joko und Klaas, an Sophie Passmann, an das „Berliner Bündnis gegen Homophobie“, an die „Hirschfeld-Eddy-Stiftung“, an das „Queere Kulturhaus“, alle Parteien, die im Bundestag sitzen und viele weitere Vereine und Organisationen, die es okay finden, Sexarbeiter*innen und trans* Personen hin und wieder mal unter die Räder kommen zu lassen.

Wenn ihr uns einschließen wollt, dann geht auf unsere Forderungen ein. Seid solidarisch. Steht hinter uns. Distanziert euch. Zeigt klare Kante. Macht euch Gedanken darüber, wen ihr ausschließt, wenn ihr mit TERFs (also trans*feindlichen „Feminist*innen“) und SWERFs (also sexarbeitsfeindlichen „Feminist*innen“) zusammenarbeitet. Feministisch kämpfen bedeutet vor allem an der Seite aller zu kämpfen, die auch innerhalb von marginalisierten Gruppen ausgegrenzt werden.

Für wen kämpft ihr? Nur für cis Frauen in bürgerlichen Jobs? Dann könnt ihr diesen Tag in die Tonne kloppen, auch wenn ihr ihn hübsch und mit Regenbogen-Glitzer verpackt.

Anmerkungen der Redaktion:

Am 12.03.2021 um 18 Uhr wurde der Kommentar aktualisiert und die an der Demonstration teilnehmenden Organisationen um den „Sisters e.V.“ und die Gruppe „RadFem Berlin“ ergänzt.

Die im Kommentar erwähnten Organisationen, Terre des Femmes e.V. und Sisters, widersprechen der Darstellung unserer*s Autors*in.

Eine Stellungnahme von Terre des Femmes e.V. vom 22.03.2021 könnt ihr hier lesen.

Unseren Antwort-Brief an Terre des Femmes e.V. haben wir euch als PDF zum Download angehängt.

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Lee (Lee/they) ist Politik- und Kommunikationswissenschaftler*in und arbeitet wissenschaftlich wie journalistisch zu politischer Bildung, queerer Sexualaufklärung, sexualisierter Gewalt, sozialen Medien und Queerfeminismus. Ehrenamtlich ist Lee Vorsitzende*r des NotAnObject e.V., der eine Plattform für Betroffene sexualisierter und queerfeindlicher Gewalt bietet.

  1. Schade, dass Ihr nur gegen Frauenrechtlerinnen austeilt, aber keine Vision für eigene Arbeit, eigenes Engagement, liefert; keine Ansätze für die Bekämpfung der gerade während Corona enorm gestiegenen häuslichen Gewalt, der Femizide.
    Stattdessen werden diejenigen, die wirklich was dagegen tun, angegangen, weil sie nicht 100% die eigenen Partikularinteressen vertreten. Ich hatte eigentlich Besseres erwartet statt Antifeminismus am Weltfrauentag. Schade. Gerade heute.

  2. Ich habe den Kampf gegen Prostitution (wohlgemerkt nicht gegen Prostituierte oder Sexarbeiter*innen) immer für ein feministisches Kernthema gehalten und komme hier einfach nicht mehr mit. Es macht mich unglaublich traurig, dass es nicht einmal möglich zu sein scheint, unterschiedliche Positionen innerhalb der feministischen Bewegung auszuhalten. Hier wird zu einer Spaltung aufgerufen, die denen am wenigsten hilft, die von einem patriarchalen Ausbeutungssystem am stärksten betroffen sind.

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