Foto: unsplash | Mahir Uysal

Herdentrieb: Warum mutieren Menschen am Flughafen zu Schafen?

Wer kennt dieses Phänomen am Flughafen nicht? Unsere Kolumnistin Nathalie Weidenfeld über Menschen, die versuchen sich gleichzeitig ins Flugzeug zu quetschen.

Einsteigen bitte!

Heinrich und ich wollen über die Sommerferien nach Rom. Da uns das zu weit mit dem Auto ist, haben wir einen Flug gebucht. Nachdem wir, wie alle anderen Passagiere auch, unser Gepäck abgegeben, in der Sicherheitskontrolle gescannt, durchleuchtet und abgetastet wurden, gehen wir zum Gate und setzen uns mit den anderen auf die grauen Lederbänke, in der Hoffnung, bald ins Flugzeug gelassen zu werden.

Ohne aufzumucken, starren alle entweder auf Handys, mitgebrachte Zeitungen oder einfach nur geradeaus und warten. Bloß nicht auffallen oder gar den Ablauf stören.

„Lass uns noch einen Kaffee trinken gehen“, sage ich zu Heinrich, „wir haben doch noch ein bisschen Zeit.“ Aber Heinrich schüttelt den Kopf. Er mag es nicht, den Aufruf am Gate zu verpassen. Genauso wie die anderen Fluggäste. Was ist das eigentlich, das Menschen an Flughäfen in Flughafenschafe verwandeln lässt? Die Tatsache, dass so viele Menschen auf engem Raum zusammensitzen an einem Ort? Die unbewusste Angst vor dem Reisen? Mangelnde Frischluft?

Dann kommt der erlösende Aufruf. Erst unverständlich auf Deutsch, dann noch unverständlicher auf Englisch genuschelt. Doch die Flughafenschafe haben auch so verstanden, dass sie nun aufstehen müssen. Wie auf Kommando stehen alle auf. Auch Heinrich.

„Määä“, machen sie und bilden eine Schlange.

„Komm“, sagt Heinrich.

In diesem Moment geschieht es. Etwas in mir regt sich. Ein wilder, rebellischer Wunsch, aus der Reihe zu treten, ein Individuum zu sein, kein Mitläufer, der nur das tut, was alle anderen auch tun.

„Nein“, sage ich also.

„Nein“? wiederholt Heinrich. „Was meinst du damit?“

„Damit meine ich, dass wir genauso gut noch ein bisschen sitzenbleiben und uns nachher in die Schlange stellen können.“

Heinrich schüttelt empört den Kopf.

„Das geht aber nicht!“

„Und warum nicht bitte schön?“

„Weil es unfair wäre den anderen gegenüber“, sagt er.

„Unfair? Wieso unfair?“, frage ich.

Da sehe ich plötzlich, dass aus Heinrichs Hals weiße Wolle zu sprießen beginnt.

„Weil sich an einem Gate alle gleichermaßen am Prozess des Einsteigens beteiligen müssen“, sagt Heinrich.

„Aber es macht doch überhaupt keinen Unterschied, ob ich mich jetzt da hinten anstelle oder später!“

„Und wenn das jeder sagt?“, antwortet Heinrich. „Außerdem gab es einen Aufruf“, fügt er noch trocken hinzu

Ich sehe Heinrich fassungslos an.

„Es gab einen Aufruf? Seit wann müssen wir auf Aufrufe hören? Leben wir im Faschismus? Wenn das so ist, steige ich überhaupt nicht mehr ein!“

Heinrich sieht mich an. Ich kann sehen, wie die Wolle auch schon seine Anzugshose ausbeult. Außerdem habe ich zwei kleine Hörner auf seiner Stirn entdeckt.

Erschrocken blicke ich auf die anderen Passagiere, die nunmehr nicht mehr aufrecht, sondern auf vier Beinen stehen. Ich sehe, wie sich jetzt auf der linken Stirnseite von Heinrich ein schön geschwungenes Horn befindet.

„Heinrich“, sage ich flehentlich, „bitte, bleib bei mir!“

Aber Heinrich dreht sich um und geht in Richtung eines großen dicken Ziegenbocks, der als letzter in der Schlange steht. Sein rechter Fuß hat sich in einen Huf verwandelt.

„Denk wenigstens unsere Kinder!“, rufe ich ihm hinterher.

Aber Heinrich hört nicht auf mich. Wütend schaue ich ihm hinterher.

„Es lebe die Selbstbestimmung!“, rufe ich trotzig und kehre zurück zu meinem Sitz und sehe zu, wie sich die Herde zusammen mit Heinrich nun langsam Richtung Flugzeug in Bewegung setzt.

„Mäh … Mähhh“, blöken sie.

Ich starre nach vorne ins Leere.

Jetzt kommt der letzte Aufruf für den Flug LH 1233. Erst unverständlich auf Deutsch, dann unverständlich auf Englisch genuschelt.

Aber was ist mit unseren Ferien, denke ich plötzlich. Den coolen Cappuccino im Trastevere, dem schönen Campo dei Fiori? Der lauen Abendluft nach einem heißen Sommertag?

Zum Teufel mit der Selbstbestimmung! denke ich.

Ich stehe auf und renne Heinrich hinterher.

Der Platz neben ihm ist noch frei. Es riecht ein bisschen nach Schafskäse, aber was soll’s. Dafür stehen ihm die Mufflonhörner ganz ausgezeichnet.

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