Foto: Kris Atomic – unsplash

Wo die Unterhaltung aufhört: GNTM zerstört das Selbstwertgefühl junger Mädchen

Für erwachsene Frauen ist es ein spaßiger Fernsehabend, für Mädchen, die in der Pubertät durch kleinere und größere Krisen gehen, können die Botschaften von Germany’s Next Top Model jedoch gefährlich sein. Die Zusammenhänge hat eine Studie untersucht.

 

Medien sind ein Teil der Antwort

Essstörungen sind sehr komplexe Erkrankungen, die
ganz unterschiedliche Menschen betreffen können, in jedem Alter. Manchmal wird
die erkrankte Person schnell wieder gesund, vielleicht sogar von allein, bei
anderen kommt die Essstörung immer wieder, wechselt ihre Form, begleitet die
Person mehrere Jahre oder Jahrzehnte. Sieben bis zehn Prozent der Magersüchtigen sterben an den Folgen der Krankheit. Sie ist die tödlichste psychische Erkrankung.

Doch es gibt nicht den Auslöser für die
Krankheit, genauso wenig wie es die Therapie gibt, die bei jedem anschlägt und
ein Leben ohne Essstörung ermöglicht. Doch eine Sache steht fest: die
Omnipräsenz eines bestimmten Schlankheitsideals in Medien hat mit dazu
beigetragen, dass Essstörungen sich insbesondere unter Mädchen und jungen
Frauen wie eine Epidemie ausbreiten. Dass andere gar nicht merken, dass jemand
hungert und sich hasst. Dass Untergewicht mit Aufmerksamkeit belohnt wird. Und
über diesen Zusammenhang von Medien und den lebensgefährlichen Essstörungen müssen
wir reden – so lange, bis Medien endlich verantwortungsvoller damit umgehen,
wie ihre Formate zu Unsicherheiten, Minderwertigkeitsgefühlen und sogar
Krankheiten beitragen können.

„Mädchen heute
sind stark, fordern sich selbst und stolpern dann doch in ihrer Identitätsentwicklung
über die Klischees der Superfrau mit einem Körper, der für die meisten völlig
unerreichbar ist.“

Kaum ein TV-Format steht so beispielhaft für die
Glorifizierung von extrem dünnen Körpern wie „Germany’s Next Top Model“. In
Deutschland läuft die Show seit 2006 nun in der 11. Staffel – seit Beginn
moderiert vom Supermodel Heidi Klum. Zwar sind die Zuschauerzahlen über die
Jahre gesunken, die Sendung erreicht dennoch weiterhin ein Millionenpublikum.
2015 sahen im Schnitt 2,4 Millionen Menschen den „Mädchen“ dabei zu, wie ihr
Wert daran bemessen wurde, wie gut sie ihren eigenen Körper präsentieren und
kontrollieren können. 

Dass GNTM Mädchen einem höheren Risiko aussetzt, an einer
Essstörung zu erkranken, weisen Heidi Klum und viele Vertreter der Modebranche
gern von sich. Ja, die Show ist Unterhaltung und wird von vielen
selbstbewussten Frauen und Mädchen konsumiert, um am Abend zu entspannen, zu
lachen und zu lästern. Aber die Mädchen, die hier nach Vorbildern suchen, sich
anpassen wollen und unzufrieden mit dem eigenen Aussehen werden, die gibt es
auch. Körperunzufriedenheit – so haben es immer wieder wissenschaftliche
Studien gezeigt – ist einer der durchgängigsten Risikofaktoren 
für Essstörungen.

Wenn dünne Kinder sich zu dick finden

Eine Jugendstudie der Zeitschrift Bravo stellte
2009 mit Blick auf die Ergebnisse der Erhebung 2006 bei Mädchen eine deutlich
größere Unzufriedenheit mit dem eigenen Gewicht fest: Während 2006 noch 69
Prozent der 16- bis 17-Jährigen mit ihrem Gewicht zufrieden waren, ging diese
Zahl in 2009 auf 48 Prozent zurück. Die Körperzufriedenheit bei Jungen blieb unverändert.

Anteil der Mädchen und Jungen, die ab und an denken, sie seien zu dick

Grafik: Warum seh‘ ich nicht so aus? Fernsehen im Kontext von Essstörungen. IZI und ANAD e.V. 

Kann eine Sendung krank machen? 

„Kann es sein, dass eine Sendung hinter dem Phänomen der
Zunahme der Körperunzufriedenheit steht?“, fragen die Autorinnen der Studie „Warum
seh‘ ich nicht so aus? – Fernsehen im Kontext von Essstörungen“
, die gerade vom
Internationalem Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) und
ANAD e.V., herausgegeben wurde. Um dem Verdacht
eines Zusammenhangs wissenschaftlich nachzugehen, führte das IZI in Kooperation
mit dem Bundesfachverband für Essstörungen eine repräsentative Untersuchung bei
6- bis 19-Jährigen durch. Die Kinder und Jugendlichen wurden danach befragt, ob
sie sich zu dick fühlten und ob und wie oft sie die Germany’s Next Topmodel
ansähen und zusätzlich Gewichtsdaten erhoben. Orientiert am BMI waren 78
Prozent der Mädchen und Jungen „normalgewichtig“. Doch jede Zweite (46 Prozent)
hatte zumindest manchmal den Gedanken, zu dick zu sein sein.

„Statistisch lässt sich errechnen, ob es einen
bedeutsamen, d.h. nicht zufälligen 
Zusammenhang zwischen dem Gedanken, zu dick zu
sein, und dem Sehen von Germany’s Next Topmodel gibt“, heißt es in der Studie.
Was auffällig und für das Thema Medien und Essstörungen besonders
relevant ist: Bei untergewichtigen Mädchen, die GNTM sehen, ist der Gedanke, zu
dick zu sein, fast 5 Mal häufiger als bei untergewichtigen Mädchen, die die
Sendung nie sehen. Und der Konsum von GNTM beginnt erschreckend früh: Schon
über 25 Prozent der siebenjährige Mädchen schauen die Sendung manchmal, bei den
16-jährigen liegt dieser Wert dann sogar bei 92 Prozent.

Wie würden Sie selbst den Einfluss der folgenden Mediendarstellungen
auf Ihre Essstörung einschätzen?


Grafik: Warum seh‘ ich nicht so aus? Fernsehen im Kontext von Essstörungen. IZI und ANAD e.V.

„Wir wissen noch immer nicht, warum manche Frauen und Mädchen durch eine Diät in eine Essstörung rutschen, andere nicht“, sagt Professor Stephan Herpertz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen, bei der Vorstellung der Studie in München. „Es gibt Mädchen, die sind nach einem Jahr so tief drin, dass wir nicht mehr an sie ran kommen, bis zu 15 Prozent sterben an der Krankheit.“ Er kritisierte dort auch, dass zu wenig Forschungsgelder zur Verfügung stünden, da die Pharmaindustrie an der Heilung von Magersucht nicht verdienen könne.

Menschen mit Essstörungen erzählen

Das Buch zur Studie, das jetzt frei im
Netz
gelesen werden kann, ist ein vielschichtiger Blick in die Zusammenhänge
von Medien, Selbstwertgefühlen und psychosomatischen Erkrankungen. Neben
Studien und Fakten rund um die Krankheiten kommen Expertinnen in Interviews zu
Wort, und Mädchen und Frauen, die an verschiedenen Formen von Essstörungen
erkrankt sind, berichten in ihren eigenen Worten über ihren Alltag und ob und
wie TV-Sendungen oder andere Medien Einfluss auf die Entwicklung ihrer
Krankheit hatten. Auf den 184 Seiten verdichtet sich das Bild, dass
verantwortungsvolle Medien eine Rolle dabei spielen könnten, dass die Zahl der
Neuerkrankungen sich perspektivisch verringern könnte.

Die Sozialpädagogin und Therapeutin Nicola Hümpfner von ANAD e.V. sagt: „Die Ursachen einer Essstörung sind komplex.
Dennoch würde ich sagen, dass das medial verbreitete Schönheitsideal zum Teil
zur Entstehung von Essstörungen beiträgt. Selbst wenn die Ursachen 
in einem anderem Bereich liegen, zum Beispiel im
mangelnden Selbstwert oder in der Neigung zum Perfektionismus, kann die
ständige Konfrontation mit 
dem Schönheitsideal, der Auslöser für eine
Essstörung sein. Zusätzlich 
kann die Verbreitung des Schlankheitsideals dazu
beitragen, dass Essstö
rungen aufrechterhalten bleiben. Denn wer auf der
einen Seite zunehmen 
und regelmäßig essen soll, auf der anderen Seite
aber immer wieder 
an seinen vermeintlich unperfekten Körper erinnert
wird, steht in einem 
inneren Spannungsfeld.“

Heidi Klum als Vorbild

Während die erwachsenen Zuschauerinnen, die während
der Sendung auf Twitter über Heidi Klum lästern, die Unternehmerin wohl kaum
als Vorbild sehen und sie häufig dafür verachten, wie abwertend sie die Kandidatinnen
behandelt, hat sie für jüngere Mädchen aber de facto eine Vorbildwirkung;
sie bewundern sie sogar. Heidi Klum ist laut der Studie „Trend Tracking Kids
2015“  bei Kindern und Jugendlichen im
Alter von sechs bis 17 Jahren die beliebteste Medienfigur. 

Wie hoch die
Identifikation von Mädchen mit ihr ist, zeigen die Ergebnisse der Studie, die
Heidi Klum als Vorbild auf mehreren Ebenen bestätigen – sowohl bei den jungen
Zuschauerinnen, die GNTM viel als auch wenig sehen. 57 Prozent der Mädchen, die
GNTM oft sehen, wünschen sich Klum sogar als ihre Mutter!



Grafik: Warum seh‘ ich nicht so aus? Fernsehen im Kontext von Essstörungen. IZI und ANAD e.V. 

Warum GNTM
Mädchen begeistert

Dass GNTM bei den jungen Zuschauerinnen so beliebt
ist, erklären die Studienautorinnen unter anderem damit, dass das übrige Fernsehprogramm
nur selten junge Frauen in den Mittelpunkt stelle. „Die Inszenierung der sozialen Situation und
des Lern- und Entwicklungsprozesses der Kandidatinnen bietet 
diverse Räume, um sich wiederzufinden, sich selbst
zu positionieren und 
mit Peers im Gespräch über die Sendung Werte und
soziale Positionen 
innerhalb der Sendung abzuklären“, so die
Autorinnen der Studie. 

Es geht also um gesehen werden in doppelter Hinsicht:
Als TV-Angebot für junge Frauen erfahren eben diese so gesellschaftliche und
mediale Aufmerksamkeit, die Sendung besetzt mit der inhaltlichen Ausrichtung eine
Nische. Das wiederum ermöglicht Mädchen im Freundeskreis, über Träume und
Ambitionen zu sprechen. Dass GNTM so erfolgreich ist, verweist auch auf das Fehlen alternativer Sendungen. Diese Erkenntnis muss für Medienschaffende egal welcher
Branche unterstreichen, dass Angebote für die junge weibliche Zielgruppe
wichtig sind, auch wenn sie mit Self-Made-Medien wie YouTube-Channeln und
Blogazines mittlerweile ihre Medienbedürfnisse zumindest in Teilen selbst
befriedigen können. Ihr wundert euch, dass intelligente, selbstbewusste junge
Frauen GNTM schauen? Dann bietet ihnen doch endlich etwas an.


Das Modeangebot ist unerschöpflich. Aber Medien? (Bild: Kris Atomic)

GNTM kann für Jugendliche gefährlich sein

Nein, das Betrachten dünner Models allein ruft
keine Essstörung hervor und sowohl Modemagazine als auch Sendungen wie „Extrem
schön“ oder eben „Germany’s Next Top Model“ können spurenlos an Zuschauerinnen
vorbeigehen. Dass die Sendung für Mädchen und Frauen mit einer Prädisposition
für Essstörungen seelisch etwas bewegt, hängt damit zusammen, dass der Beginn
einer Essstörung oft mit einer psychologischen Krise einhergeht. Auch bei
Magersucht steht selten das Dünnsein im Mittelpunkt der Krankheit. Das
eigentliche Problem  sind Unsicherheiten,
Erlebnisse oder Lebenssituationen, von denen die Betroffenen glauben, sie könnten
sie nicht bewältigen. Diese Machtlosigkeit wird überwunden, indem sie Kontrolle
über etwas zurückerlangen: den eigenen Körper und das Essen. Den
Studienautorinnen zufolge sind Mädchen und junge Frauen in solchen Krisen nicht
gefestigt genug, um die in GNTM transportierten Werte und Normen kritisch zu
hinterfragen, stattdessen akzeptieren sie diese und versuchen sich anzupassen:
„Denn in GNTM sind Erfolg und Anerkennung mit bedingungsloser Anpassung
verbunden. 
Jede Anforderung, jedes Umstylen, jedes Casting,
jede Challenge, jedes ,
Sich-von-Fremden-körperlich-gestalten-Lassen‘ ist
voller Begeisterung anzunehmen und es muss alles ,für den Kunden‘ bzw. Heidi
Klum gegeben 
werden. Eigene Empfindungen wie Müdigkeit und Kälte
oder Gefühle wie 
Scham, Ekel, Wut oder Angst müssen unterdrückt und
vom Handeln entkoppelt 
werden. Anerkennung gibt es nur für die Verdrängung.”

Wie nah die Logik der Sendung und einer Essstörung
beieinander liegen, ist also wirklich erschreckend. Ihr Ziel: die eigenen Gefühle
und Bedürfnisse zurückzustellen, um sich perfekt an die Erwartungen
 anderer anzupassen, um diese nicht zu
stören oder zu enttäuschen.
 In einer Identitätskrise kann solch ein
Verhalten zu einer psychosomatischen Krankheit führen.


Zum Weiterlesen

Das Buch könnt ihr hier digital lesen. Neben der Auseinandersetzung mit dem Einfluss von
GNTM auf Essstörungen findet ihr darin viele allgemeine Informationen,
persönliche Berichte von Frauen und Mädchen, Leitlinien für Medienschaffende
und eine Anleitung zum medienkompetenten Umgang mit der Sendung und auch erste
Hilfestellungen, wenn ihr selbst an einer Essstörung erkrankt seid oder euch um
Menschen in eurem Umfeld sorgt.

Erste Anlaufstellen, die auch Onlineberatung anbieten, sind Anad oder auch die BZgAWenn ihr in einer tiefen Krise seid oder ihr sogar Suizidgedanken habt, wendet euch sofort an eine professionelle Anlaufstelle. Hier findet ihr eine Übersicht der Krisendienste in Deutschland. Die Telefonseelsorge ist außerdem rund um die Uhr für euch erreichbar.


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