Foto: Stocksnap

Direkt aus der Beauty-Hölle: Ein Highlighter für die Vulva

Eigentlich kommt so viel Tolles aus Skandinavien – aber jetzt haben auch die Streber unter den Europäern mal ins Klo gegriffen: Mit einem speziellen Highlighter für die Vulva. Wie kommt man auf so einen Quatsch?

 

Endlich leuchtet es in der Unterhose

Mittlerweile ist Contouring, also die optische Modellierung des Gesichtes zur Optimierung des Gottgegebenen anhand eines Haufen von Cremes und Pudern in allen Farbtönen, ein alter Hut. Denn das macht man nun nicht mehr nur, wenn man Youtube-Beauty-Influencer ist, sondern auch, wenn man ins Büro geht – zumindest wenn man auf viel Make-up steht. Ein fester Bestandteil dieser hingemalten Zauberei ist der Highlighter, den man sich etwa auf Wangen oder unter die Augenbrauen verteilt, um diese Partien damit hervorzuheben. Und genau das, gibt es nun auch für unsere Vulven. Ja endlich! Denn die Schamlippe und die Klitoris glänzen zu lassen, ohne feucht zu sein, welche Frau hatte diesen Traum noch nicht?

Wie lange haben wir auf den Moment gewartet, in dem wir uns sicher sein können: In der Unterhose leuchtet und funkelt es gerade vor sich hin wie in der königlichen Schatzkammer! All die Momente, in denen wir hoffnungsvoll auf der Toilette den Schlüpfer runtergezogen haben und wieder schoss uns kein gleißendes Licht entgegen, das den Raum gülden erstrahlte. Aber nun ist alles anders, nun haben wir ein Produkt aus Skandinavien, das dieses Leid beendet und Glanz in den südlichen Teil unserer Hütte bringt.

Puh. Und ich dachte, nach dem Typen, der einen Schamlippen-Kleber erfunden hat, damit wir Frauen uns während der Periode eben diese einfach zukleben zu können, statt Tampons oder Binden zu benutzen, hätte man schon alles gehört. Aber gut, jeder soll machen, was er will – die Frage ist nur: Was zur Hölle?

Schamlippen jünger cremen und auch sonst haben wir viele Probleme

Kurz zu den Fakten. Hersteller ist das schwedische Unternehmen „The Perfect V“ und der Highlighter, mit dem schönen Namen „Shades of V the very V Luminizer“ wurde erfunden, um Schamlippen und Co. hervorzuheben (hä?), leuchten zu lassen und weicher zu machen. Und dann hat das tolle Serum auch noch eine schillernde Farbe, die unseren schnöden Hautton endlich aufhübscht. Mmh, wem kommt der Gedanke an schillernde Schamlippen noch leicht gruselig vor? Naja, immerhin sind sie dann schön weich … aber, sind sie das nicht sowieso? Gut, dann aber der Benefit von praller Haut und einem intensiveren Hautton. Moment, auch das sind Schamlippen von alleine, wenn wir etwa erregt sind. Wo war jetzt nochmal der Mehrwert dieser Wundercreme?

Ich persönlich würde mir bei einem Blick nach unten und schillernder Haut wohl eher Gedanken machen, ob mit meinem PH-Wert alles in Ordnung ist als mich darüber zu freuen, das da jetzt was leuchtet. Obwohl so eine Erleuchtung untenrum ja auch was sehr Feines sein kann. Doch darum geht’s ja nicht, denn natürlich hat dieses neue Elixier etwas damit zu tun, dass auch unsere Schamlippen altern – oh weh, welch Faux-pas unseres Körpers. Auf der Website darf man also nachlesen, dass man mit der Creme die Schamlippen jünger aussehen lassen und auch hautbedingte Unebenheiten ausgleichen kann. Wäre ja auch furchtbar, wenn wir mit einer normalen Haut und einer normalen Hautalterung auskommen müssten, das hat die Menschheit doch echt nicht verdient. Kam eigentlich schon mal jemand darauf, einen Penis mit Glanzcreme einzuschmieren, damit er jünger aussieht? Wohl nicht. Aber das klassische Opfer der Kosmetik-Industrie ist und bleibt eben die Frau.

Die Schamlippen durchoptimieren? Nein, danke!

Ihr merkt, ich kann die Sache nicht wirklich ernstnehmen. Warum sollte man etwas von Natur aus so Perfektes wie eine Vulva optimieren wollen? Da muss nichts mehr passend gemacht, hingecremt, ausgeleuchtet oder weich gemacht werden – die ist auch ohne einen Highlighter ein Highlight, versprochen. Und wie prüde ist es eigentlich, sich die Schamlippen aufzuhübschen und durchzuperfektionieren? Vor allem, für wen und in welcher Situation soll das gut sein? Für ein Instagram-taugliches Shooting? Das könnte man ja fast noch nachvollziehen – aber das geht ja nicht, Vulven verstoßen gegen die Richtlinien der Plattform. Also ist der Spaß wohl eher fürs Bett und den Gefallen des Gegenübers gemacht.

Doch wieso sollte ich mir als Frau ein Gimmick fürs Bett holen, von dem weder ich noch jemand anderes etwas hat? Meine Vulva darf ruhig so alt sein und aussehen wie der Rest des Körpers, und funkeln muss da auch nichts, das ist schon sehr okay so. Ich werde die 36 Euro, die das Zeugs aus der Quatsch-Ecke der Beauty-Abteilung kostet, also auch in Zukunft für etwas anderes einsetzen. Trotzdem danke, für den erneuten Hinweis darauf, dass der moderne Mensch tendenziell eine Pfeife ist.

Kann nicht wieder jemand was richtig Gutes erfinden? Wir scheinen aktuell für Frauen (mal wieder) zwischen Thermomix und Vulva-Optimierung festzuklemmen. Und das ist ziemlich bescheiden. Die Frage ist aber vor allem die: Wie viele Mädchen und Frauen werden auf den Mist reinfallen, wieder denken, es gäbe eine Problemzone mehr, die zu behandeln ist? Ich hoffe, es sind nur ganz ganz wenige.

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Silvia hat von 2014 bis zum Herbst 2019 für EDITION F gearbeitet, zunächst als freie Journalistin, dann als Redakteurin und seit dem Jahr 2017 als Redaktionsleiterin. Seit Oktober ist sie freie Autorin und Kolumnistin und schreibt auf EDITION F weiterhin ihre Kolumne „Thirtysomething“. Im März 2019 erschien im Goldmann-Verlag ihr erstes Buch: „A Single Woman: Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“. Foto: Jennifer Fey

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