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„Hilfe, meine Mitarbeiterin weint!“

Wenn die Mitarbeiterin plötzlich weinend vor dem Chef steht, überkommen ihn als Mann drei Instinkte: Flucht, Totstellen, Kampf. Wie man sich richtig verhält, wenn man mit starken Emotionen konfrontiert wird.

Wie verhalte ich mich richtig?

Wie sich Führungskräfte zu verhalten haben, wenn sie plötzlich mit einer weinenden Mitarbeiterin konfrontiert werden, können die wenigsten in diesem Moment bewusst entscheiden. Nina Stromann kennt diese Situation. Sie wurde ihr – vor allem – von zahlreichen Männern beschrieben – hinter vorgehaltener Hand und mit der Frage, wie man damit professionell umgehen kann. Die 39-Jährige, die fünf Jahre als Juristin beim Energiekonzern Eon arbeitete, hat sich auf das Coaching von Führungskräften spezialisiert und widmet sich besonders den kniffligen Themen. Carina Kontio hat mit ihr für unseren Kooperationspartner Handelsblatt darüber gesprochen wie man am besten mit einer Frau umgeht, die im Büro in Tränen ausbricht.

Weinen kann auch ein Zeichen von Leidenschaft sein, glaubt Nina Stromann. (Foto: Nadja Mahjoub)

Frau Stromann, wann haben Sie zuletzt geweint?

„Letzten Freitag. Und zwar habe ich über einen lieben Freund von mir gesprochen, dessen Vater nicht damit klar kam, dass er homosexuell ist und wie sehr mein Freund darunter gelitten hat. Es berührt mich zutiefst, wenn jemand abgelehnt wird, weil er sich so zeigt wie er ist.“

Wer weint mehr, Frauen oder Männer?

„Aus meiner Erfahrung: wir Frauen. Ich denke, viele Männer haben in ihrer Kindheit gelernt, dass Männer nicht weinen dürfen – ,Ein Indianer kennt keinen Schmerz‘.“

Sie richten Sich mit Ihrem Coaching-Angebot aber vorwiegend an Männer – wie kam das?

„Ich arbeite sowohl mit Männern als auch mit Frauen. Der Kurs „Weinende Mitarbeiterin?“ ist jedoch auf die Männer ausgerichtet. Die Idee kam, als mich eine männliche Führungskraft in einem Coaching hinter vorgehaltener Hand fragte: ,Frau Stromann, letztens saß eine Mitarbeiterin in meinem Büro und fing an zu weinen. Wie verhalte ich mich in so einem Fall?‘ Zunächst habe ich noch mit einem Augenzwinkern gesagt, dass ich daraus mal einen Online-Kurs mache. Als mir jedoch wiederholt männliche Führungskräfte diese Frage stellten, habe ich gemerkt, wie groß der Wunsch ist, mit der Situation angemessen umzugehen.“

Warum sind wir Frauen denn so als Heulsusen verschrien?

„Ich würde die Frauen nicht als ,Heulsuse‘ bezeichnen. Ich halte es für eine große Stärke, Gefühle zu zeigen. Denn dazu gehören Mut und Vertrauen der anderen Person gegenüber. Wir Frauen zeigen wahrscheinlich eher unsere Emotionen, weil Weinen bei Frauen mehr von der Gesellschaft akzeptiert wird.“

Zugegeben: Es ist mir neulich selbst passiert, dass ich mitten in einem Gespräch mit dem Chef weinen musste. Ist das schwach?

„Nein, ich finde, das nicht schwach. Im Gegenteil. Ich glaube aber, dass viele Frauen denken, dass es schwach ist zu weinen. Das habe ich mir zum Beispiel auch gesagt, als ich vor meinem damaligen Chef geweint habe. Wenn der Mann darauf zum Beispiel mit Ablehnung reagiert, wird die Frau in ihrem Urteil bestätigt und fühlt sich noch elender. Das wiederum kann beim Mann noch mehr Ablehnung hervorrufen, und die Situation spitzt sich weiter zu.“

Wie kommt es denn, dass der Chef ablehnend reagiert?

„,Ablehnung‘ kann daraus resultieren, dass er die Situation nicht ohne Weiteres auflösen, sprich das Weinen stoppen kann. Diese Ohnmacht ist es, die bei dem einzelnen unangenehme Gefühle verursacht.“

Was passiert denn so beim Chef, wenn eine Mitarbeiterin plötzlich weinend vor ihm steht?

„Das hängt natürlich vom Einzelfall ab. Wenn Menschen unter Stress geraten, schalten die älteren Gehirnregionen das Großhirn aus. Dann bleiben in der Regel Kampf, Flucht und Totstell-Reflex. Vor allem von einem Fluchtimpuls haben mir viele Männer berichtet. Flüchten ist hier allerdings keine Option.“

Wie sollen Männer denn am besten reagieren, wenn sie sich schon nicht mehr aus dem Staub machen können?

„Zunächst wollen sie meistens, dass das Weinen möglichst schnell aufhört. Sie fühlen sich verantwortlich, weil es ihnen um das Wohl der Mitarbeiterin geht. Das setzt die Mitarbeiterin ungewollt unter noch mehr Druck. Nehmen wir folgendes Beispiel: Die Mitarbeiterin sollte ein bestimmtes Ziel erreichen und hat es nicht geschafft. Sie fängt an zu weinen. Warum? In der Regel, weil sie ihre Sache gut machen will. Und dann setzt sie sich innerlich unter Druck, ein Anzeichen dafür, dass ihr die Sache wichtig ist. Der Vorgesetzte sollte seiner Mitarbeiterin erlauben, emotional zu sein. Gefühle wollen anerkannt werden, vor allem die negativen.“

Nun sitzt die Gute also da und weint….

„Genau. Die erste Maßnahme könnt sein: Ruhig bleiben und ein Taschentuch reichen. Zweite Prämisse für den Chef: Die Emotion nicht persönlich nehmen, sondern ergründen, was sie auslöst. Hier ist seine innere Haltung entscheidend. Es geht darum, mit ehrlichem Interesse herauszufinden, was beide Seiten aus der Situation lernen können. Wenn das gelingt, dann hat ein Chef seine Mitarbeiterin nachhaltig für sich gewonnen.“

Und was mache ich, wenn mein Kollege nach einer Schimpftirade vom Chef in Tränen ausbricht?

„Das wäre ein interessantes Thema, das es zu untersuchen gilt. Ich persönlich erlebe die Männer so, dass sie dankbar sind, wenn nicht so viel Aufsehen gemacht wird. Ich würde zu dem Kollegen gehen und ihn direkt fragen, ob ich etwas für ihn tun kann. Mit Mitgefühl, aber ohne ihn zu bemitleiden.“

Wie würden Sie das voneinander trennen?

„Der Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl ist der, dass ich beim Mitleid jemanden lediglich bedaure. Und zwar nach dem Motto: „Zum Glück ist es dir und nicht mir passiert.“ Ich schaue den Kollegen mit gequältem Gesicht an und suggeriere: ,Oh, du Armer‘. Mitgefühl aber heißt, dass ich mit dem Kollegen fühle, empathisch bin. Dadurch zeige ich: ,Ich weiß, dass solche Dinge passieren, weil wir etwas lernen sollen, auch wenn es sich schmerzhaft anfühlt. Ich erkenne dich in deinem Schmerz an, versuche aber, nichts daran zu ändern. Ich bin einfach da, wenn du mich brauchst.‘“

Kann ich denn lernen, einen unfreiwilligen Heulkrampf zu verhindern?

„Ich glaube nein. Je mehr man sich zwingt, das Weinen zu unterdrücken, desto größer wird der Impuls. Auch hier gilt, Druck rausnehmen und sich einfach erlauben, emotional zu sein. In der Regel nimmt so der innere Impuls ab.“

Macht es Sinn, schnell raus zu rennen und heimlich auf dem Klo zu heulen?

„Das kommt darauf an. Es kann aus Selbstschutz sinnvoll sein, bewusst die Situation zu verlassen. Ich für meinen Teil habe das auch schon getan und das war in dem Augenblick für mich sinnvoll. An der Stelle ist es wie immer im Leben wichtig, auf sich selbst zu achten und seine inneren Impulse und Bedürfnisse ernst zu nehmen.“

Warum ist denn Weinen im Beruf noch immer ein Tabu in unserer Gesellschaft?

„Wahrscheinlich, weil einige noch denken, dass es im Beruf um Sachziele geht und Emotionen da nicht hingehören. Ich glaube, beides ist wichtig: Wir wollen in der Regel leidenschaftliche Teams, die sich einbringen und die gemeinsame Sache vorantreiben. Leidenschaft ist aber auch eine starke Emotion, genauso wie Weinen. Nur wird Leidenschaft positiv bewertet, während Weinen negativ erscheint. Diese Bewertung gilt es aus meiner Sicht zu hinterfragen.“

Wann würden Sie vom Weinen in Business-Gesprächen abraten?

„Ihre Frage setzt voraus, dass man sich bewusst entscheiden kann. Das ist meistens aber gar nicht möglich. Letztendlich ist die Frage: Wie gehen wir mit dem um, was sich in der Realität zeigt? Je flexibler wir auf die Dinge, die im Außen passieren reagieren können, desto einfacher ist es.“

Klingt ehrlich gesagt nicht ganz so einfach…

„Um das zu tun, sind große Achtsamkeit und innere Stärke erforderlich. Führungskräfte – sowohl männliche als auch weibliche – dabei zu unterstützen, diese innere Stärke zu erlangen, ist meine Motivation.“

Frau Stomann, ich danke Ihnen für das Interview.

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„Die Zeiten ändern mich“, denn mein berufliches Glück habe ich erst spät gefunden. Meine Reise begann als Industriekauffrau bei einer mittelständischen Kerzenmanufaktur in Hessen. Eine kostbare und lehrreiche Zeit, die ich (35) nicht missen möchte. Dennoch: Schreiben, das bedeutet für mich Glück. Deswegen hängte ich 2002 den Job an den Nagel, um Volkswirtschaft zu studieren und parallel dazu die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft zu besuchen. Seit Januar 2012 bin ich Redakteurin im Unternehmens-Ressort bei Handelsblatt Online. Ich wäre aber auch eine reiche Frau, wenn ich mich pro Sporteinheit bezahlen lassen würde, denn ich bin fast schon besessen von Triathlon. Motto: „Bringe deine Feinde dazu, dich zu unterschätzen und du hast schon halb gewonnen“ (Napoleon). Nach einem Ausflug in die Hafenstadt Hamburg, wo ich für die Financial Times Deutschland arbeitete, sammelte ich zwei Jahre lang als Selbstständige und freie Texterin wertvolle Erfahrungen u.a. für das Wirtschaftsmagazin Capital und die Wirtschaftswoche.

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