Foto: Eigen

Hinter dem Rasensprenkler

Unbezahlbare Mieten in München, Stau im Stadtverkehr, ständig Verspätung bei der S-Bahn. Adieu Großstadtleben. Oder?

 

Es war ein schleichender Prozess. Die Entscheidung aufs Land zu ziehen war nicht vorgesehen im Lebensplan. Vielleicht in ein großes selbstrenoviertes Gutshaus in Meck-Pomm, oder eine Villa an der Atlantikküste – ja das wäre gut gewesen. Aber es sollte anders kommen.

Zurück in den Heimatort 

Es gab keine endlosen Gespräche, lange Pro-Contra Listen sondern einfach das Gefühl, jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Schon länger hatte es nicht mehr gepasst – das Großstadtleben in München und wir. Wobei München bei weitem keine Großstadt im klassischen Sinne, sondern eher ein sehr teures Dorf ist. Das ist nicht böse gemeint,  jeden der versucht hat ohne Makler eine 3-Zimmer-Wohnung im Radius von 5km um die Isar zu bekommen, befällt irgendwann der Frust und die Wut. Nachdem es Zeit wurde den Modus –

Wir kommen beide aus der gleichen Gegend, die Familien leben dort im angenehmen Abstand so. Man kann sich gegenseitig besuchen und doch ist ein 15minütiger Anreiseweg inklusive. Überraschungsbesuche entfallen daher glücklicherweise. Angenehm beim Umzug oder bei Alltagsdingen die plötzlich anfallen und zwei Vollzeit-Arbeitnehmer jemanden brauchen der:
a. die Pakete tagsüber annimmt

b. bei Großaktionen im Garten unterstützend eingreifen kann

c. Handwerkliches Geschick bereits beweisen konnte und nicht zum allerersten Mal einsetzt.

Das Wohnen auf dem Land hat vor allem den Vorteil, dass Strecken wieder planbar werden. So einer unserer Freunde, selbst bereits zwei Jahre vor uns ins ländliche gezogen. Er hat Recht. Eine Viertelstunde bleibt eine Viertelstunde.

Während des Studiums schloss ich einen Rückzug in die heimatliche Kleinstadt kategorisch aus. Wie eine Landverschickung nach Sibirien wäre es mir vorgekommen. In eine Stadt mit B ziehen? Klar – Berlin, Buenos Aires.. aber nicht nach Heimat B.

Jetzt bin ich in Heimat B und es läuft. Es läuft sogar sehr gut. Es lebt sich entspannt. Das ist der größte Gewinn. Es ist sehr klassisch, Doppelhaushälfte in der Kleinstadt, mit Garten und Kärcher für die Terrasse – aber es ist entspannt. Auf der anderen Seite stehen nämlich die unsägliche Silvesterparty im eigenen Haus verteilt auf 4 Stockwerke und Disco im Keller. Club nach Hause geholt und die Ansteh-Schlange umschifft. Unsere 50 Gäste fanden es prima. Man könnte ganz schön darüber lästern. Über die Doppelhaushälfte, den Kärcher und die zwei Irren die Samstags alles mögliche erledigen und herumwerken.

Gartenhausparties und in vino veritas

Das Gefühl im eigenen Garten, mitten in der Stadt, zu sitzen und bei einer Flasche Wein zu philosophieren, das kann ich nur in B. haben. Im Gartenhaus auf der Bank sitzen und über Reisepläne und aktuelle Renovierungsbaustellen sprechen. Die Münchner Freunde, die verstehen das – und sind auch schon fast alle aufs Land gezogen. Die meisten vor uns sogar. Bis auf einen und der wird auch noch weich. Die guten Bekanntschaften, die tun sich noch ein bisschen schwer, aber haben es auch schon verwunden. Sie nehmen jetzt den Zug und machen einen Wochenendausflug. Ins Gartenhaus. In Clubs gehen wir kaum noch. Den Kater von Sonntag bis Mittwoch hält keiner mehr aus.

Dafür ist es mir auch egal wenn mich im Supermarkt meine alte Sportlehrerin erkennt und die Weinkisten beäugt.

Was fehlt?

Nachts an der Oper vorbeispazieren, mit dem Radl durch das Dickicht an der Isar kämpfen oder joggen im englischen Garten. Das sind Momente die fehlen mir. Aber vielleicht ist es eher das Gefühl, nicht mehr ganz so jung zu sein. Für jede Station gibt es die passende Phase – jetzt ist gerade Rasenmähen dran.

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