Foto: Alex Kotliarskyi | Unsplash

Ein Großraumbüro fördert Kreativität und Teamdynamik? So ein Bullshit!

Großraumbüros erleben momentan gerade in Startups einen neuen Hype. Aber was genau soll daran so toll sein? Eine Abrechnung.

Großraum? Wohl eher Großhölle …

Ja, ich gebe es zu, auch wenn es nicht hip und cool ist: Ich hasse Großraumbüros! Zwei habe ich hinter mir, und ein drittes möchte ich nach Möglichkeit nicht erleben. Ich weiß, Großraumbüros gelten als der neue heiße Scheiß, es ist die Art zu arbeiten, viel besser als kleine Einzelzimmer. Jedes Unternehmen, das hip und modern sein will, macht jetzt auf Großraum. Es tut mir leid, als Mitarbeiter kann ich dem Ganzen nichts abgewinnen.

Was spricht denn für die riesigen Räume voller Schreibtische? Für die Unternehmen vor allem finanzielle Gründe. Das halte ich tatsächlich für den Hauptgrund, auch wenn jede Chefin einem auf Anfrage vorbeten wird, welche großartigen Vorteile für die Arbeitsatmosphäre das Ganze doch bringt – Vorteile, die ich in der Praxis noch nie beobachten konnte.

Ich kenne eigentlich nur Nachteile

Die Kommunikation und das Teamgefühl werden gesteigert? So ein Quatsch! Nach meiner Erfahrung ist das Gegenteil der Fall: Die Leute kommunizieren nicht mehr und direkter, sondern weniger und indirekter miteinander. Denn jede Kommunikation erzeugt Lärm, der einem unangenehm ist. Man ist sich bewusst, dass jede Unterhaltung die anderen stört und verzichtet deswegen eben lieber auf die Diskussion des aktuellen Projektstandes oder den kleinen Tratsch über das Wochenende. Statt quer durchs Büro zu rufen, schreibt man dem Kollegen lieber eine Nachricht auf Slack.

Dass sich durch die räumliche Nähe ein größeres Gemeinschaftsgefühl gebildet hätte, ist mir nie aufgefallen. Eher zieht sich jeder mehr zurück, verbarrikadiert sich hinter Bildschirm und Kopfhörern. So wenig Austausch mit Kollegen, sowohl beruflich als auch privat, wie im Großraumbüro, hatte ich nirgendwo anders. Und nein, daran ändert auch der Kicker nichts – der steht nämlich so, dass der Spielkrach 20 Leute belästigt, also wird er eh nicht benutzt.

Großraumbüro bedeutet für mich vor allem Stress

Angeblich fördert das Großraumbüro Kreativität und Motivation. Ich finde, es fördert vor allem Stress und mindert die Produktivität. Der Lärmpegel von 50 Leuten in einem Raum ist erheblich, selbst wenn alle relativ still vor sich hin arbeiten. Ich weiß nicht, wie oft ich mit einer Aufgabe einfach nicht vorankam, weil ich von der Geräuschkulisse ständig abgelenkt wurde. Immer läuft irgendwo ein Telefongespräch, oft auch mehrere, die Tastaturen klackern, der Kopierer rumpelt … Ich beobachtete über die Monate, dass mein Gesamtstresslevel anstieg. Ruhepuls und Blutdruck gingen nach oben, obwohl sich an meiner Lebensweise sonst nichts geändert hatte.

Selbst telefonieren zu müssen, ist jedes Mal unangenehm – ich lasse mir einfach nicht gerne dabei zuhören. Zudem fühlt man sich gezwungen, das Telefonat möglichst schnell abzuwickeln, wodurch jede Art von Smalltalk, der ja auch zur Beziehungspflege mit dem Gegenüber dient, entfällt. Richtig unschön sind private Gespräche – ja, werdet ihr jetzt sagen, die soll man ja während der Arbeitszeit auch nicht führen. Aber den Arzt oder Bankberater kann ich nur zu den Bürozeiten anrufen. Um nicht vor dem ganzen Kollegenkreis ausführen zu müssen, für welches Problem genau ich einen Frauen- oder Hautarzttermin brauche, muss ich das Büro verlassen und auf die Straße gehen, weil es im ganzen Haus keinen Ort gibt, an dem man hierfür die Privatsphäre hätte.

Überwachungsstaat: Großraumbüro

Von der nervtötenden Dauerüberwachung und sozialen Kontrolle ganz zu schweigen. Ständig sitzt man auf dem Präsentierteller, der Bildschirm ist für alle einsehbar, mein Gesicht ebenfalls, jeder Moment, in dem ich mal leer in die Luft starre, wird katalogisiert. Das stresst! Keiner von uns arbeitet acht Stunden hochkonzentriert und schweift nie ab, schaut nie aufs Handy, googelt nicht schnell, wann eigentlich noch mal heute Abend das Kino anfängt. Diese ständige Kontrolle macht mich verrückt.

Von den ewigen Diskussionen über Fenster zu, Fenster auf, Heizung hoch, Heizung runter will ich gar nicht erst anfangen. Und von Kollegen, die stark riechendes Essen am Platz konsumieren, auch nicht. Der Krankenstand spricht sowieso seine eigene Sprache, da ein solches Riesenbüro wohl oder übel eine Bazillenschleuder ist.

Ein Großraumbüro braucht ein gutes Konzept

Okay, das musste jetzt mal raus. Aber tatsächlich bin ich nicht völlig gegen Großraumbüros. Ich habe erst kürzlich auf einer Businessreise nach New York Großraumbüros gesehen, die mich schwer beeindruckt haben und die mir gezeigt haben, dass es auch anders geht. Ein großes Problem der Großraumbüros, die ich so kenne: Die Unternehmen meinen, es reiche, einen großen Raum mit Schreibtischen vollzustopfen und ihn dann Großraumbüro zu nennen. Die Büros in New York waren durchdacht angelegt und halfen, die übelsten Effekte der „Massenarbeiterhaltung” abzufedern:

1. Es gab Trennwände und Sichtschutz (der gleichzeitig auch Lärmschutz war), so dass die Leute sich nicht ständig beobachtet und kontrolliert fühlten

2. Es gab ausreichend Konferenzräume und kleine und große Sozialräume/Küchen, die so angelegt und abgegrenzt waren, dass man sich dort auch unterhalten konnte und nicht die arbeitenden Kollegen mitunterhielt

3. Darüber hinaus gab es aber auch kleine Telefonzellen und Einzelarbeitsräume, in die man sich mit einer komplexem Aufgabe oder mit einem Telefonat zurückziehen konnte. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass jeder Mitarbeiter einen Laptop hat, den er unkompliziert mit in einen anderen Raum nehmen kann.

Man sieht also, man kann so ein Großraumbüro auch so gestalten, dass es nicht zur Käfighaltung und zum Stresskochtopf wird. Aber das kostet Geld und Aufwand und erfordert, dass man sich Gedanken macht – und damit ist es eben nicht die einfache, billige Lösung, als die es so geschätzt wird. Insofern werden wohl die meisten Arbeitgeber nichts ändern, weil es praktisch und günstig ist und die Arbeitnehmer wenig Möglichkeit haben, sich zu wehren. Dabei würde es sich auf lange Sicht für beide Seiten lohnen.

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