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Malte Weldings Plädoyer für Kinder, trotz allem

Der Autor Malte Welding hat ein zorniges und erhellendes Buch darüber geschrieben, warum das Kinderkriegen den Menschen in Deutschland so schwerfällt.

 

Die deutsche Kein-Kind-Politik

Ein fast verzweifelter Gedanke zieht sich durch das Buch von Malte Welding: Was zum Teufel ist eigentlich mit Deutschland los, einem der reichsten Länder der Erde, das eine Geburtenrate zustande bringt, die lediglich von einer Handvoll anderer Staaten auf der Welt unterboten wird?

Im Gegensatz zu vielem, was zu dem Thema zu lesen ist, bleibt Welding nicht an der Oberfläche der Gegenwart, sondern nutzt seinen Platz, um ausführlich und erhellend die „Kein-Kind-Politik“ deutscher Regierungen in den letzten Jahrzehnten zu beleuchten. Diese verfehlte Politik, gepaart mit einem gesellschaftlichen Klima, in dem ein Kind nicht mehr als Statusgewinn, sondern als Risiko für den eigenen Komfort gesehen wird, trauen sich viele das Kinderkriegen einfach nicht mehr zu, schreibt er. Malte Weldings Buch ist aber kein Untergangsszenario, sondern eine kritische, ernüchternde und oft auch lustige Analyse eines deutschen Problems. Malte Welding, Jahrgang, 1974 arbeitet mittlerweile als Drehbuchautor, schreibt in der „Berliner Zeitung“ eine Kolumne über Liebesdinge, ist verheiratet und hat einen bald zweijährigen Sohn.

EDITION F hat Malte Welding in Berlin getroffen und mit ihm über sein Buch, Pessimismus und Familienpolitik gesprochen.

Was war der Anlass, das Buch zu schreiben?

„Meine Frau war schwanger, und ich habe bemerkt, dass ich immer wütender wurde, weil uns einfach immer stärker bewusst wurde: Ein Kind in Deutschland zu kriegen ist einfach nicht so recht vorgesehen – meine Frau schrieb gerade an ihrer Doktorarbeit an der Uni, und dort sagte man ihr allen Ernstes, dann könnte sie das mit der Doktorarbeit ja auch gleich lassen. Und das war schlimmerweise gar nicht mal böse gemeint von dem Professor, sondern es passte einfach nicht in sein Weltbild, in seine Sicht des universitären Arbeitens, dass man da mit Kind ganz einfach weitermachen könnte mit der universitären Karriere. Dabei gehört meine Frau zynisch gesprochen genau zu denen, die die deutsche Politik zum Kinderkriegen ermuntern will – eine gut gebildete Akademikern. Und selbst denen werden Steine in den Weg gelegt.“

Die deutsche Politik macht Unterschiede bei der Frage, wer Kinder bekommen soll?

„Ganz klar: Ja. Die deutsche Politik fördert beispielsweise mit Maßnahmen wie dem Elterngeld ganz gezielt Besserverdienende . Hartz IV-Empfänger bekommen gar kein Elterngeld – nicht, dass die dann Kinder bekommen, um Geld einzusacken. Und Muslime sollten am besten auch nicht so viele bekommen. Das geht weiter bei Hindernissen bei der Familiengründung für homosexuelle Paare und Einsparungen bei der Kostenübernahme für künstliche Befruchtungen: Kinder ja, aber doch nicht jeder. Die deutsche Politik macht seit 30 Jahren überspitzt formuliert eine Kein-Kind-Politik, die erfolgreicher ist als die Ein-Kind-Politik in China. Tenor ist: Kinder sind etwas, das ihr euch gewünscht habt, also kümmert euch  auch gefälligst selbst drum. Alleinerziehende bekommen kaum Unterstützung – die Kosten für den Weg zur Arbeit kann man von der Steuer absetzen, die Fahrtkosten, um sein Kind zu besuchen, wenn man nicht bei ihm lebt, nicht – ein Kind gilt hier als Privatsache, man muss selber schauen, wie man damit klarkommt.“

Das Buch klingt an vielen Stellen ganz schön pessimistisch. Ist es wirklich so schlimm?

„Das Feedback, das Buch sei wahnsinnig düster und deprimierend, habe ich auch aus dem Freundeskreis oft bekommen. Du wirst aber nun mal keinen Demografen finden, der uns Hoffnung gibt, dass es demnächst eine Trendwende gibt in Sachen Kinderkriegen. In den siebziger Jahren war es das erste Mal so, dass die Leute ihren Kinderwunsch nicht mehr erfüllt bekommen haben, also die Zahl der Kinder, die sie bekamen, niedriger war als die, die sie sich eigentlich wünschten. Und dann sank die Zahl der gewünschten Kinder ebenfalls kontinuierlich. Ein Grund war sicher die wachsende Zahl von berufstätigen Frauen. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller nennt das „Beuteverzicht“: Weil ich merke, ich werde die gewünschte Zahl Kinder eh nicht schaffen, schraube ich meine Wünsche von vornherein zurück. Das kann jeder an seiner eigenen Biografie testen: Die Zahl der Kinder, die sich jemand wünscht ist ja nicht losgelöst in dir festgelegt. Wenn ich wirklich nur auf mich selbst zurückgeworfen wäre, dann fände ich fünf Kinder schön – ich weiß aber, das krieg ich nicht verwirklicht, also  reduziere ich die Zahl der gewünschten Kinder auf eine Zahl, die ich mir angesichts der Umstände zutraue. Und weil eben auch diese Zahl im Sinken begriffen ist, gehen Demografen davon aus, dass die Zahl der Kinder pro Frau von momentan 1,38 noch weiter sinken wird, es wird aber nicht damit gerechnet, dass die Quote unter 1 fällt. Genaue Prognosen kann natürlich niemand stellen, aber das Stichwort in der Forschung ist die ‚Falle der niedrigen Fertilität‘.“

Du schreibst, dass du nicht länger akzeptieren willst, dass es als privates Problem gesehen wird, wenn jemand die Familienplanung verpasst.

„Ja. Ich bin nicht mehr bereit, die Frage, warum ich so lange mit dem Kinderkriegen gewartet habe, mit „Naja, da hab ich vielleicht individuell einen Fehler gemacht“ zu beantworten. Um das klarzustellen: Ich hatte zum Beispiel eine Medienanfrage für ein Rededuell mit einer Frau, die bewusst keine Kinder will, aber das ergibt für mich überhaupt keinen Sinn – ich habe das Buch ja nicht für Leute geschrieben, die sich entschieden haben, keine Kinder zu wollen. Es geht darum, zu schauen: Wenn jemand sich Kinder wünscht,  was sind dann die Hindernisse, die dir im Weg stehen, um diesen Wunsch zu verwirklichen? Und da reicht es nicht zu sagen: „Na dann mach doch“, das kommt an irgendeinem Punkt zwar auch: Irgendwann, wenn ich wirklich Kinder will, muss ich die Lage so, wie sie im Moment ist, akzeptieren und einfach machen. Aber was an staatlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen hier in Deutschland nicht stimmt, das muss man ja einfach mal benennen und das wird meiner Meinung nach zu wenig getan.“

Was läuft denn politisch schief in Deutschland?

„Mir fällt in Gesprächen oft auf, dass viele Leute nicht sehen, dass der Staat irgendwas mit den wenigen Kindern zu tun haben könnte. Die ehemalige Familienministerin Schröder hat sich damals selbst aus der Haftung genommen, indem sie darauf hinwies, der am häufigsten genannte Grund für Kinderlosigkeit in Umfragen sei das Fehlen eines passendes Partners, und was solle der Staat da denn machen? Wenn man sich aber klarmacht, dass in Deutschland viel weniger feste Partnerschaften existieren als etwa in Frankreich, dann muss man sich ja mal fragen: Sind wir irgendwie seltsam, haben wir ein Liebesproblem? Ich denke, es ist viel eher so: Du hast in Frankreich nicht den Druck,  dass ein Partner perfekt und für immer sein muss, sondern es reicht, dass er gut genug ist, um mit ihm eine Partnerschaft zu führen, und wenn du dann am Ende alleinerziehend bleiben solltest, dann rutscht du nicht durch – in Frankreich gibt es politische Maßnahmen zur Unterstützung Alleinerziehender schon so lange, das ist so etabliert, da wissen alle genau, dass sie es schaffen können.“

Könnte es nicht sein, dass es in Deutschland einfach eine Frage der Zeit ist, bis die verpasste Familienpolitik aufgeholt wurde und sich die Zustände bessern?

„Das Problem ist: Die Politik hat kein ureigenes Interesse daran, etwas zu ändern; nicht weil sie böse ist, sondern weil das akut keine Wählerstimmen bringt. Wir erleben ja gerade so etwas wie die zweiten Kohl-Jahre, einen gesellschaftspolitischen Stillstand. Der wichtigste Punkt ist: Man hat in der deutschen Politik nach dem Zweiten Weltkrieg  erstmal keine Bevölkerungspolitik gemacht wegen des Nationalsozialismus, das war nicht denkbar. Was wir jetzt aber bräuchten, ist gar keine Bevölkerungspolitik, sondern man müsste gucken: Können junge Leute überhaupt eine Familie gründen? Was sind die Voraussetzungen, die sie dafür brauchen? Was ich in diesem Kontext interessant finde: Mein Vater hat 100 Prozent gearbeitet, meine Mutter Null, klassisches Bild. Dann müsste ja heute viel mehr Geld da sein in den Haushalten, weil ja die meisten Frauen arbeiten. Und das ist nicht der Fall. Es hat ein Maß an Lohnzurückhaltung gegeben, das dazu geführt hat, dass die Frau im Westen, seit sie arbeiten darf, auch arbeiten muss, und zwar zu 100 Prozent –  und das ist eine ganz einfache Rechnung:  Wenn beide Partner zu 100 Prozent arbeiten, kannst du keine Kinder kriegen. Und so sehr ich dafür bin, dass es Angebote wie 24-Stunden-Kitas gibt, kann das ja nicht das neue Familienmodell sein: Ich bin ausdrücklich für breite staatliche Unterstützung durch Kitas, aber man kommt nicht darum herum, die Arbeitszeit zu senken, wenn man Kinder bekommt.“

Die Familienministerin Manuela Schwesig schlug zu Beginn ihrer Amtszeit die 32 Stunden-Woche als neue Vollzeit vor, angelehnt an Ideen der Soziologin Jutta Allmendinger – sie wurde zwar ziemlich barsch zurückgepfiffen, aber zeigt das vielleicht nicht doch, dass etwas in Bewegung ist?

„Sicher wird sich in dieser Richtung in der Zukunft etwas tun. Ich zitiere aber in meinem Buch Wissenschaftler, die sagen, dass momentane staatliche Maßnahmen nicht helfen, weil sie nicht mehr unseren Werten entsprechen. Wenn ich mich frage: Was macht mich glücklich? Dann fallen mir lauter Sachen ein, die ich allein mache oder vielleicht mit meiner Frau oder mit Freunden: Ein Buch lesen, oder irgendwas, wofür ich Geld ausgegeben habe. Aber mein Kind passt da nicht rein.  Ein Kind passt in ganz vielerlei Hinsicht heute gar nicht in das, was wir uns als ein erfülltes Leben vorstellen Das muss nicht für jeden einzelnen gelten, aber als Grundstimmung in der Gesellschaft.“

Welche Rolle spielt die Angst von Frauen, an der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf zu scheitern?

„Wenn die französische Philosophin Elisabeth Badinter im Interview mit dem „Spiegel“ sagt, Frauen sollten nicht stillen, um besser in den Beruf zurückzukommen, wird ein großer Denkfehler gemacht: Die Frau soll sich stärker verhalten wie ein Mann – die Frau kann im Gegensatz zum Mann stillen, aber das ist ein Nachteil, also soll sie das, was ihr mitgegeben ist und was ja für viele Frauen etwas Schönes ist, aufgeben, nur um zu sehen: das hat auch wieder nicht gereicht. Was dabei verkannt wird, ist, dass alles, was gegen Mütter im Beruf spricht, Vorurteile sind, und nicht Analysen. Und man kann gegen Vorurteile nicht ankommen, indem man Anhängern solcher Vorurteile immer weiter entgegen kommt und aufhört, für sein Kind da zu sein.“

Wobei ja gerade hier in Deutschland das Stillen als absolutes Muss propagiert wird.

„Und das ist wieder ein Problem, so wie bei vielen Themen: Man kann es einfach nicht richtig machen. Unsere Freunde aus Süddeutschland werden daheim schief angeschaut, weil sie das Kind überhaupt in eine Kita geben. Unsere Hebamme empfahl meiner Frau, drei Jahre lang zu stillen. Das alles ist mir im Grunde egal – aber wenn es an die harten Fragen geht, etwa, kommst du wieder in den Job rein oder nicht und dir dann  gesagt wird: ´du musst doch nicht stillen, komm doch nach zwei Wochen wieder´, dann finde ich das problematisch. Einer der wichtigsten Punkte ist für mich: Eltern sollten alle Entscheidungen, die ihr Kind betreffen, autonom treffen können. Und das ist im Moment schwierig. Der Wissenschaftler Stefan Fuchs schreibt in seiner Promotion, dass der gesamte westliche Wertekanon dem Kinderkriegen heute entgegensteht und er sieht da keine Abkehr in nächster Zeit. Um sich dem Problem entgegenzustemmen, dass die Werte einer Gesellschaft mit dem Kinderkriegen nicht mehr in Einklang zu bringen sind, müsste von der Politik sehr vel kommen, was aber nicht passiert – deshalb die düsteren Prognosen.“

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Kiepenheuer&Witsch

Du beschreibst zwei Sphären: zum einen das familienpolitische Desaster der letzten Jahrzehnte und andererseits  die gesellschaftliche Stimmung,  durch die viele das Kinderkriegen immer weiter aufschieben, weil alles im Leben perfekt passen muss vorher – bedingen sich diese Phänomene gegenseitig?

„Ich halte das Aufschieben für eine Angstreaktion, die durchaus rational ist. Beide Sphären reagieren aufeinander. Den immer wieder in diesem Zusammenhang genannten „Optimierungswahn“ halte ich  zwar für ein etwas zu kurz greifendes Schlagwort; aber es ist so: Du willst das Beste aus deinem Leben machen; du kriegst, seit du denken kannst, gezeigt, was du dir alles Tolles kaufen kannst, und dann möchtest du das auch haben; und wenn du ein Kind hast, heißt das, auf vieles davon verzichten zu müssen, das ist ja erstmal blöd. Du möchtest das alles haben UND ein Kind. Das ist aber eine Rechnung, die nicht aufgeht.“

Denkt man in der Politik tatsächlich derart kurzsichtig? Man hat doch das Gefühl, das ständig über neue familienpolitische Maßnahmen berichtet wird.

„Klar gibt’s ein paar Leute, die jünger sind und weitsichtiger und engagierter, aber man darf nicht glauben, dass sich jemand wie Wolfgang Schäuble schlaflose Nächte macht wegen der Geburtenrate – und der ist Finanzminister.  Dem Staat ist das unendlich egal, die jetzt lebenden  Politiker wollen, dass die Wirtschaft läuft, sie müssen sich an den Arbeitslosenzahlen messen lassen, und nicht daran, wie viele Kinder geboren werden. Frau Schwesig beispielsweise engagiert sich ja auch dafür, dass künstliche Befruchtungen wieder voll bezahlt werden – auch damit wird sie gegen eine Wand laufen.“

Ein Phänomen unserer Zeit ist aber doch tatsächlich der Wandel von Beziehungsbiografien. Viele, die eigentlich Kinder wollen, haben tatsächlich keinen Partner dafür – das spielt doch sicher auch jenseits der politischen Gegebenheiten eine Rolle?

„Das Interessante in den Umfragen ist ja: Die Leute sagen selten, dass der momentane Partner kein Kind möchte, sondern: Ich habe keinen. Warum haben Leute keine Beziehung? Damit beschäftige ich mich jede Woche in meiner Kolumne, uns es gibt keine einfache Antwort darauf. Bei einer Beziehung gibt es zwei große Fragen: Fange ich es an? Und: Beende ich es? Und ich erlebe oft, dass Leute in unbefriedigenden Beziehungen den Partner trotzdem ewig mitschleppen, und so verschwendet man mal eben ein paar Jahre. Du hast aber in Fragen der Familienplanung keine Zeit zu verschenken. Wenn ich zurückschaue auf alte Schulfreunde: Jeder hat das verwirklicht, was ihm wichtig war. Wenn einer sich schon mit zehn für Geld interessiert hat, hat der jetzt eine Villa und spielt Golf. Hat er sich für Musik interessiert, ist er DJ: Und wenn du dich für Beziehungen interessierst, kriegst du das auch hin – wenn du das aber immer als dritte, vierte Priorität behandelst, dann stehst du irgendwann da und es ist zu spät. Wahrscheinlich ist es so, dass man sich als Frau am besten unter 30 den Mann fürs Leben sichern sollte. Und wenn du das vorhast, dann lässt du dich vielleicht nicht fünf Jahre von einem Typen hinhalten, der sich nicht richtig zu  dir bekennt und dich auch ein bisschen scheiße behandelt. Eine Dramaturgin hat mal gesagt: Es ist schwierig, mit 25 Kind zu kriegen, schwierig mit 30, aber noch schwieriger ist es, mit 40 zu merken, ich krieg keins mehr. Statistisch gesehen kriegt ein Mann über 40 übrigens auch keine Kinder mehr, auch wenn er biologisch noch dazu in der Lage wäre. Kinderkriegen ist aber mindestens genauso eine soziale Frage – kaum ein Mann in dem Alter kommt noch mit einer zeugungsfähigen Frau zusammen. Die meisten 50-jährigen kriegen eine 48-jährige, die genauso durchschnittlich ist wie sie.“

Hat das mit Verdrängung zu tun oder mit Unwissen, dass viele das Thema nicht früher auf dem Schirm haben?

„Ich habe im Buch das Beispiel einer Bloggerin, die sich fürchterlich über ihre Frauenärztin aufregt, die ihr geraten hat,  mit 30 nicht mehr allzu lange zu warten mit dem Kind – dabei ist das eine ärztliche Meinung. Der Fertilitätsmediziner, mit dem ich für das Buch sprach, sagte, ich solle im Buch unbedingt darauf hinweisen, dass das fruchtbarste Alter bei um die 25 liegt – obwohl es in seinem kommerziellen Interesse wäre, dass die Frauen länger warten. Solche Fakten muss man einfach in seine Lebensplanung mit einbeziehen. Wenn man weiß, dass man eine Familie möchte, und das möchten ja nun mal die meisten, muss man diese Tatsache mit in seine Berufswahl einfließen lassen, und in die Lebensplanung. Ich kann mich nicht nur mit meinem Studium und mit meiner Karriere befassen, um dann mit 35 zu merken, jetzt brauch‘ ich ja noch ein Kind.“

Der Titel deines Buches ist ein Appell – was können wir denn selber tun?

„Seit ich selber Vater bin, beobachte ich unter Eltern Grabenkämpfe und ideologisch geführte Debatten: Stillen oder Nichtstillen, Kita oder Betreuung daheim, antiautoritäre oder autoritäre Erziehung. Die andere Seite wird verdammt – statt an einem Strang zu ziehen; denn egal wie man sich in diesen Fragen verhält, alle Eltern  haben die gleichen  Interessen: Nämlich, dass das Elternsein in Deutschland anerkannt und man unterstützt wird. Man sollte Hilfe einfordern, man sollte sich Gehör verschaffen. Mit Blogs können Eltern sich selbst sichtbar machen, und vor allem sollten sie für ihre Interessen wählen, sie müssen ganz genau prüfen, was die Parteien familienpolitisch vorhaben. Mein Eindruck jedenfalls ist nicht, dass die großen Volksparteien im Sinne von Familien in Deutschland planen. Ich finde es zum Beispiel auch politisch, einen Job nicht anzunehmen, der dich 60 Stunden pro Woche in Anspruch nehmen würde.“

Gibt es trotz der teils pessimistischen Prognosen auch Grund zum Optimismus – schließlich heißt der Untertitel des Buches „ein Plädoyer für Kinder – trotz allem“?

„Fragen der persönlichen Freiheit werden für viele Leute gerade wichtiger. Ja, deshalb bin ich durchaus ein bisschen optimistisch: Wir befinden uns gerade an einer Schwelle: Entweder es gewinnen die, die sagen, du darfst nur noch durchpowern, zahlst am besten die Uni noch selbst, also der amerikanischer Weg, oder es gewinnen die, die ihre Prioritäten anders setzen wollen, die ein Kind nicht nur als Appendix an die super Karriere in der Rüstungsindustrie sehen wollen, überspitzt formuliert. Es geht für uns darum, materialistischer zu werden im besten Sinne des Wortes, im Unterschied zu einer narzisstischen Haltung – weg von Ich-Idealen, sondern: Was würde ich brauchen, um mir eine Familie zuzutrauen, und wer setzt das um? Man hat gesehen, wie Feministinnen ihre Themen auf die Tagesordnung gesetzt haben durch Blogs und Twitter, wir haben gesehen, wie im Umkehrschluss Väterverbände ihre Anliegen formuliert haben, die haben jeweils einen gemeinsamen Nenner gefunden, diese gemeinsame Ebene können Eltern auch finden.“

Welche Anliegen siehst du als wichtigste?

„Man kann nicht von Müttern oder Vätern erwarten, dass sie um 20 Uhr noch im Büro sitzen. Wir müssen raus aus dieser Präsenzkultur. Mit ganz wenigen Ausnahmen brauchst du keine so langen Arbeitszeiten. Es ist so gut untersucht, dass einem Menschen nach acht Stunden nichts Gutes mehr einfällt.  Diese Anwesenheitskultur ist total lächerlich. Wenn man schon so einen Job in einem schlecht gelüfteten Büro macht, dann muss man wenigstens die Kinder mitbringen dürfen– das sind alles Modelle, die langsam in Schwung geraten. Ich glaube auch, dass sich die Benachteiligung von Frauen bessern wird – allerdings wird sich das erstmal nicht positiv auf die Geburtenrate auswirken, sondern die Frauen wollen dann auch endlich erstmal die steilen Karrieren machen. Dann hat niemand mehr Zeit für Kinder, das ist die nächste Falle . Ich spreche in dem Zusammenhang von falschen Freunden: Wenn sich jemand wie die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ für mehr Kitaplätze einsetzt, dann sicher aus einem anderen Grund als ich: Die wollen mehr Vollzeit-Arbeitskräfte für die Wirtschaft. Ich will Kitas, damit meine Frau und ich arbeiten können – und damit wir beispielsweise überhaupt auch noch Zeit haben, unsere Beziehung zu pflegen. Man darf ja auch nicht vergessen, dass eine funktionierende Beziehung die Voraussetzung für das alles ist.“

Du schreibst, Kinder seien heute kein Statussymbol mehr – früher sei man erst ein gemachter Mann gewesen, wenn man Kinder hatte?

„In Studien sagen die Leute heute überwiegend, dass sie nicht glauben, dass Kinder ihren Status verbessern würden: Viele denken: Wenn ich ein Kind bekomme, dann verliere ich meine Zeitautonomie, bin viel mehr an die Wohnung gebunden, kann nicht mehr reisen, kann dies und das nicht mehr machen. Wir möchten die Wünsche, die in uns evoziert wurden, ausleben – niemand kommt auf die Welt und will Harley Davidson fahren. Unser Begriff von Freiheit ist heute so eng mit Konsum verknüpft –  Freiheit und Kinder scheinen sich ja gegenseitig auszuschließen. Es ist fast so, dass die Gesellschaft sich entschieden hat, diese Begriffe als feindlich zu betrachten. In meinem Buch bringe ich das Beispiel einer orthodoxen Jüdin, die 2000 Nachkommen hat, als sie stirbt; als Gedankenexperiment könnte man das doch auch als eine Art von Freiheit sehe: Ich gebäre ein Dorf, das kommt mir eigentlich mehr wie Punk vor, als mir die Haare zu färben.“

Und früher war diese Freiheit nicht so ein Bedürfnis?

„Früher waren die Leute ja nicht glücklicher, sie haben halt einfach Kinder bekommen, weil Sex nun mal bedeutete, Kinder zu kriegen. Wenn du aber gewohnt bist, ständig Kosten-Nutzen-Rechnungen in deinem Leben zu machen, dann wirst du immer an den Punkt kommen: Puh, Kind ist teuer, du brauchst eine größere Wohnung, brauchst dies und das und kannst dies und jenes nicht mehr machen. Antonia Baum hat in der FAZ einen Text über ihre Angst vor dem Kinderkriegen geschrieben, und sie beschreibt dieses Gefühl: du bist selber schuld – dadurch, dass du dich entscheiden kannst für oder gegen Kinder, sagt die Politik: Du wolltest das doch, und jetzt hast du es und jetzt sorge dafür, ist doch nicht meine Sache. Deswegen ist es mir auch so wichtig, Kinderkriegen als Menschenrecht zu sehen. Der entscheidende Punkt ist doch: Egal was die Leute erzählen über all die Schwierigkeiten, etwa alleinerziehend zu sein, oder wieviel Geld sie verloren zu haben – ich habe noch nie gehört, dass jemand es bereut hat, ein Kind bekommen zu haben. Und das sollte einem vielleicht mal zu denken geben, bei all den Plänen, die man so schmiedet.  Ich sage nicht, dass es im 19. Jahrhundert toll war mit sieben Kindern in einem Raum, es gibt keine Lösung in der Vergangenheit; ich bin auch beileibe nicht wie diese AfD-Leute, die die Familie mit drei Kindern als Leitbild propagieren – niemand soll irgendwas; aber die Leute, die Kinder wollen, die sollten dabei vernünftig unterstützt werden.“

Das Buch: Seid fruchtbar und beschwert euch! Ein Plädoyer für Kinder – trotz allem

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