Foto: Youtube | Neo Magazin Royal

Wenn Satire zur Staatsaffäre wird

Kaum ein Thema ist derzeit präsenter in den deutschen (und vermutlich türkischen) Medien: Das „Schmähgedicht“ von Jan Böhmermann bestimmt den Newsfeed. Reden wir doch mal darüber.

 

Böhmermann: Satiriker oder Krimineller?

Um eine Sache vorweg zu nehmen: Jan Böhmermann ist Satiriker. Oder Kabarettist. Vielleicht auch ein kleiner Wichtigtuer, von mir aus. Es gibt viele Worte, mit denen man ihn beschreiben könnte. Krimineller, ist wie ich finde, keines davon.

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.

So lautet der 5. Artikel des deutschen Grundgesetzes. Schauen wir uns das also doch mal genauer an. Jan Böhmermann hat in Wort und Bild (und vorab wahrscheinlich auch in Schrift) seine Meinung frei geäußert. Das Medium hierfür war das Neo Magazin Royale, welches, wie wir alle wissen, von öffentlich-rechtlichen Geldern finanziert wird. Das hat jetzt nichts mit der Sache per se zu tun, aber das wollte ich nochmal eben betonen. Wie auch immer.

Diejenigen von euch, die das so genannte „Schmähgedicht“ gehört, gesehen oder gelesen haben, die werden mir vielleicht zustimmen wenn ich sage: Ja, es war provozierend. Ja, es war unter der Gürtellinie. Ja, es ist nicht unbedingt jedermanns Humor. Aber ist das nicht genau der Sinn von Satire oder Böhmermann an sich? Ihm diese Dinge jetzt vorzuwerfen ist, als ob man ihm in sein Arbeitszeugnis schreiben würde:

„Jan Böhmermann erfüllte unsere Erwartungen zu unserer vollsten Zufriedenheit.“

Ich für meinen Teil muss sagen, wenn Böhmermann mir so ein Gedicht gewidmet hätte, wäre ich als Privatperson wahrscheinlich auch echt angepisst gewesen. So weit zu gehen, gegen ihn Strafanzeige einzureichen, wäre ich wohl nicht gegangen, aber hey, vielleicht ist mein Fell auch ein bisschen dicker als das von Recep Erdoğan. 

Als Staatsoberhaupt jedoch ist es meine Aufgabe, über etwas zu stehen, was ein Satiriker im ausländischen Fernsehen über mich erzählt. Und genau da hat Merkel auch den Fehler gemacht. Ihre Aufgabe wäre es gewesen, Erdoğan anzurufen und zu sagen „Hey mein Freund, vergiss es. Böhmi ist halt ein kleiner Spinner, lass dich einfach nicht auf sein Niveau hinunter.“ Ja gut, sie hätte das zu einem Menschen gesagt, der

1. die Presse in seinem Land zu
90% kontrolliert

2. aktuell rund 2000
Strafanzeigen gegen türkische Journalisten laufen hat

3. nichts auf das Recht gibt,
seine Meinung frei zu äußern

Aber der springende Punkt ist doch der: der ganzen Sache wäre von Anfang an nicht die Aufmerksamkeit entgegengebracht worden, die sie jetzt hat. Böhmermann wurde als Privatperson, Satiriker und „blasser dünner Junge die Macht gegeben, politisch einen Stein ins Rollen zu bringen.

Warum die Sache einfach aus dem Ruder gelaufen ist

Allen ist klar, das er dafür nicht ins Gefängnis gehen wird. Gut, Merkel hat jetzt grünes Licht der Strafanzeige gegenüber gegeben. In ihrer Erklärung wird betont, dass dies keinem Schuldgeständnis gleichkommt. Das hat mich ein bisschen daran erinnert, wie Böhmermann vor, während und nach seinem „Schmähgedicht“ immer wieder betont hat, dass „genau das verboten sei und man genau das nicht sagen dürfe, da es sonst Beleidigung wäre.“ Von Merkel war es der Versuch, weder die Türken noch das eigene Land zu verärgern, von Böhmermann eine Absicherung, nicht verklagt zu werden. Ich glaub, das hat beides nicht so gut geklappt.

Mir ist durchaus bewusst, dass die Bundesregierung mit dieser Sache so diplomatisch wie möglich vorgehen möchte. Schließlich sollen die Beziehungen zu der Türkei gewahrt werden. 

Aber Leute, wir reden hier von Jan Böhmermann. Von einem Scherz, verpackt in Provokation. Von Satire. Also kriegt euch alle mal wieder ein.

#jesuisböhmi

Nachtrag: Wenn man sich die komplette Erklärung von Merkel anschaut, dann hat man bis auf die Passage in der sie die Strafverfolgung für zulässig erklärt, das Gefühl, sie stünde hinter Böhmermann. Dieses Verfahren statuiert gerade ein Exempel daran, wie es eben nicht laufen darf. Alleine die Tatsache, dass der Paragraf, auf dessen Grundlage das alles geschieht, bis 2018 abgeschafft wird, ist schon Stellungnahme genug.

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