Foto: Antonia Heil

Katja Hentschel: „Mütter sind krasse Multitasker“

Katja Hentschel hat mehrere Blogs großgezogen, jetzt folgt ein Baby. Das macht sie allein. Ein Gespräch über Mut, Mutterschaft und Möglichkeiten.

 

Neues Baby, neues Blog

„Ich liebe Anfänge! “, sagt Katja Hentschel und schaut auf Atlas, ihr fünf Wochen altes Baby, „Ich mag auch den Montag total gerne, denn er ist ein Start in die Woche. Ich würde keine Party machen, weil ich die Stadt verlasse, aber eine, weil ich in einer neuen angekommen bin.“ In den vergangenen Wochen hat Katja gleich zwei Neuanfänge über die Bühne gebracht: Ende Juni kam ihr erster Sohn zur Welt, wenige Tage nach seiner Geburt launchte sie ihre neues Blog „Glowbus“.

Zum neuen Lebensabschnitt musste eine neues Website her, das war klar. „Meine Blogs haben sich immer meinem Leben und meinen Interessen angepasst“, sagt die Frau, die einen Master in Kinderpsychologie hat, ihr Geld mit Fotografie verdient und den erfolgreichen Reiseblog „Travelettes“ aufgebaut hat. Ihr erstes Fotoblog „Glamcanyon“ habe sie damals nur gemacht, um sich selbst einen Grund dafür zu geben, zu fotografieren, erzählt Katja. Das war 2007. Auf Partyfotos folgte Streetstyle-Fotografie und schneller als gedacht konnte die Wahlberlinerin mit Modefotografie und Aufträge für große Marken ihr Geld verdienen.

„Ich habe es in meinem Leben immer geschafft, meinen Beruf und meine Interessen um mein Leben zu bauen, und nicht umgekehrt. Das ist kein Talent, das ist eher Mut. Und es hat ganz viel mit Einstellung zu tun“, so erklärt Katja ihren Weg. Travelettes habe sie gegründet, weil sie Lust hatte beruflich mehr zu verreisen. Zu dem Blog, das sie gemeinsam mit anderen Autorinnen schreibt, erschien bereits 2012 das erste Buch „In High Heels um die Welt“.

Als sie schwanger wurde, kam ihr die Idee für ein Blog, das Frauen zeigt, die Beruf und Familie gut zusammen bekommen. „Die Zeitungen sind voll mit denen, die sagen, sie schaffen es nicht. Die, die es schaffen, hat man nur im privaten Umfeld. Ich finde es total wichtig, dass sie auch sichtbar werden“, sagt Katja und lacht wieder, „Irgendwer muss es ja machen.“

Frauen brauchen Vorbilder

Dass Katja so positiv in ihre neue Rolle als Mutter hereingegangen ist und diese Einstellung direkt mit anderen teilen möchte, liegt vor allen Dingen an ihrem Umfeld, das sie tatkräftig unterstützt. Zunächst habe sie sich nicht über die Schwangerschaft freuen können, erzählt sie. Denn Atlas ist ein echtes Reisebaby, der Vater lebt in den USA. „Ich hab mich gefühlt wie eine schlechte Statistik: Jetzt bist du alleinerziehende Mutter“, sagt Katja über die ersten Wochen, nachdem sie wusste, dass sie ein Kind bekommt. „Ich kannte ein paar coole Frauen, die selbst alleinerziehende Mütter sind. Die hab ich sofort angerufen und gefragt: Kann man das schaffen? Die waren eine super Stütze. Total viele Frauen waren eine super Stütze. Ich bin immer noch total gerührt und geflasht, denn ich hatte echt das Gefühl, da ist ne Welle von Unterstützung, die in meine Richtung läuft.“

Irgendwann sei ihr Gefühl dann umgeschlagen und sie habe sich gefreut. Mittlerweile sieht sie ihre neue Rolle sogar als Chance: „Gerade Frauen brauchen Vorbilder. Wenn sie nicht sehen, dass jemand anders es schon geschafft hat, tun sie es nicht.“ Eines ihrer vielen Mottos sei selbst: „When somebody else can do it – I can do it. Aber ich muss es sehen!“

Ihr haben die Frauen, die sie getroffen habe, Mut gemacht. „Ich bin erst seit fünf Wochen Mutter und die ersten sind auch die schwersten Wochen. Ich bin alleine – und es ist total machbar. Es ist anstrengend, wie halt viele Projekte anstrengend sind, wie ein Uniabschluss vielleicht“, sagt Katja über ihre neue Aufgabe. „Man lernt echt ganz viel. Ich habe einen ganz neuen Blick auf Mütter: Mütter sind krasse Multitasker.“ Nach fünf Wochen müsste es eigentlich überraschen klingen, Katja nimmt man ihre Erkenntnis ab: „Jetzt will ich erst recht noch mehr Kids!“

Katjas Botschaft: Traut euch!

Bei Gründung der Travelettes wollte sie die Botschaft herausbringen: „Hey Mädels, geht mal mehr reisen und geht vor allem alleine reisen!“ Die Rolle von „Glowbus“ soll eine ähnliche sein. Autorinnen geben dort ihre Erfahrungen weiter, machen Mut und fordern: Traut euch. Gerade arbeitet Katja an einem Text: „50 Tipps für die ersten Wochen mit Baby“ und fügt schmunzelnd hinzu: „Jeder Tag ist komplett anders. Jeden Tag, wenn du denkst ich hab es raus, ist wieder alles neu.“

Natürlich sei die Situation nicht einfach, räumt Katja ein. Manche Regelungen für Alleinerziehende halte sie für unmöglich, zum Beispiel, dass sie den höchsten Kita-Satz zahlen solle, obwohl sie nur ein Einkommen habe und keinen Unterhalt bekomme. Dennoch halte sie vieles für eine Einstellungssache: „Wenn es Grund zur Klage gibt, denke ich darüber nach, wie es besser gehen könnte. Man hat erst Grund zur Klage, wenn man alles probiert hat und es hilft einfach nicht.“

Was man ihr sehr deutlich anmerkt, ist vor allem, dass sie sich nicht von dem Mythos hat überwältigen lassen, dass jetzt alles anders werden würde. „Ich bin kein anderer Mensch und ich habe jetzt auch kein anderes Leben“, sagt sie. Das Muttersein behandelt sie pragmatisch – so wie auch die Mode, die sie in der Schwangerschaft trug. Als Freelancerin ist sie Projektmanagement gewöhnt, ihr Sohn sei nun eben ein neues, großes und langfristiges Projekt – aber eben keines, für das sie andere Sachen aufgeben müsse. Fünf Tage nach der Geburt sei sie wieder in Cafés gegangen: „Wenn ich mal einen Tag keine Freunde getroffen habe, dachte ich, ich werde bescheuert, ich musste mit Leuten über etwas anderes sprechen als Kinder!“

Bloggen eröffnet Möglichkeiten

„Glowbus“ soll jetzt ein Beitrag sein, damit der Diskurs über Vereinbarkeit endlich umschwenken könne, erklärt Katja ihr neues Projekt. Ihre zwei Co-Autorinnen und sie wollen zeigen und Beispiele sammeln, wie persönliche und berufliche Verwirklichung gemeinsam funktionieren können. Eine vierte Mitstreiterin suchen Saralisa Volm, Svenja Goebel und Katja noch. Sie nennt das Blog liebevoll „Online-Pflänzchen“, das sie gepflanzt hat und nun gießt. Je nachdem, wie gut man so eine Pflanze hege, könne ein „ganzer Wald“ daraus werden. „Ich bin ‚Team Online‘ und kann jedem nur raten darüber nachzudenken, worüber man bloggen könnte. Darüber erschließen sich so viele Wege und Möglichkeiten!“ Ihre Blogs seien nie darauf ausgerichtet gewesen, direkt mit ihnen Geld zu verdienen, aber sie seien ihr Online-Portfolio gewesen – mit Erfolg.

Das Reiseblog Travelettes ist Anfang August fünf Jahres Alt geworden. Zum diesem Geburtstag sind die Autorinnen von einem Reiseveranstalter auf einen Segeltörn nach Kroatien eingeladen worden. Die erste Reise für Katja mit Baby. Sie wird zwar nicht mitsegeln, bleibt aber in Split vor Ort um mit ihren Kolleginnen den Beginn des sechsten Jahres „Backpacking in Heels“ zu zelebrieren. Bis sie vom Segeln zurück sind, genießt sie mit Atlas die kroatische Sonne. Sie lacht: „Er wird ja lernen: Home is where mum is!“

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