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Kinderbücher und -sendungen zeigen nur die Musterfamilie – wie wäre es mit mehr Realität?

„Bobo Siebenschläfer“, „Prinzessin Lillifee“ und „Conni” sind beispielhafte Helden heutiger Klein- und Vorschulkinder. Homogene „Musterfamilien“, heile Welt und immer Sonnenschein – ist das wirklich gut für Kinder?

Helden der Kindheit

Meine Tochter ist verliebt. Mit nicht einmal zwei Jahren hat sie einen Freund, den sie glühend verehrt. Dieser ist nicht einmal ein menschliches Wesen, sondern ein Siebenschläfer mit ewig guter Laune und einem Musterleben, in einem Musterhaus, mit Mustereltern. Er hört auf den Namen „Bobo“ und ist anscheinend omnipräsent. „Bobooo, daaaa, Bobooo“, quengelt die Kleine ständig und zeigt auf den Bildschirm oder das Bücherregal. Wir haben sogar schon gemeinsam „Bobo Siebenschläfer”-Bilder ausgemalt.

Ich würde gerne mal wieder andere Motive ausmalen und andere Bücher lesen,  wie in einer Zeit, bevor „Strahlemann Bobo“ in das Leben meiner Tochter getreten ist. „Alle Kinder lieben Bobo“, lautet der eingängige und wohl auch zutreffende Werbeslogan auf den älteren Kinderbüchern von Markus Osterwälder. Was als Buchprojekt begann, ist für den Autor vermutlich inzwischen zu einer Goldgrube geworden – es gab mehrere Neuauflagen in einem quadratischen Pappformat mit neuen Zeichnungen, der WDR nahm die Reihe vor einigen Jahren in die „Sendung mit dem Elefanten“ auf und um mehr als zehn unterschiedliche Folgen der Kindervideos auf Youtube zu schauen, braucht man mittlerweile einen „Staffelpass“, der satte 15 Euro kostet.

Marketingartikel wie das Bobo-Plüschtier gehen für mehr als 100 Euro über die (virtuelle) Ladentheke und so kann man Bobo durchaus als „Superstar“ für Kleinkinder bezeichnen. Bei so vielen jungen Fans kann man sich seine Auftritte schließlich etwas kosten lassen. Einen ähnlichen Rockstar-Status genießen anscheinend die Figuren „Prinzessin Lillifee“, „Conni” und das Duo „Elsa und Anna“.

Einfach gewinnt – Weltflucht für die Kleinsten

In unserem Fall möchte ich bei „Familie Siebenschläfer“ bleiben, alles Weitere würde den Rahmen sprengen. Bobos Welt ist einfach strukturiert, ohne größere Stolpersteine (und wenn doch, werden diese schnell beiseite geräumt) und komplett konfliktfrei. Erinnern sich noch einige Leser*innen an den Film „Pleasantville“? Zur Erinnerung: Es geht um einige Teenager, die in ihre Retro-Lieblingsserie eintauchen und aus dem vermeintlich perfekten Vorstadtleben in Schwarz-weiß fast nicht wieder herauskommen. So ähnlich, nur auf Kleinkindniveau, erscheint mir die Siebenschläfer-Sphäre.

Papa Siebenschläfer schafft es problemlos, mit nur einem Gehalt aus einem minder anstrengenden Bürojob, mit absolut familienfreundlichen Arbeitszeiten, das abwechslungsreiche Leben seiner Familie und ein geräumiges Traumhaus zu finanzieren. Wenn er nach Hause kommt oder mit Mama, Bobo und später Bobo-Geschwisterchen unterwegs ist, grinst er ausnahmslos wie ein Honigkuchenpferd. Stress? Fehlanzeige. Blöde Kolleg*innen, fordernde Chef*innen? Existieren in der Siebenschläfer-Arbeitswelt einfach nicht – wie praktisch. Mama Siebenschläfer geht in ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau auf, liest Klein-Bobo jeden Wunsch von den Augen ab und strahlt eine überirdische Gelassenheit aus. Egal, ob der kleine Strolch den Gartenschlauch voll aufdreht, sich selbst im Hausflur einschließt oder morgens im Elternbett ohne Rücksicht herumturnt – ihr mildes Lächeln wirkt bei allem, was sie tut, wie angeklebt.

Im Haus sieht man niemals Chaos oder Schmutz und es fällt nie ein böses Wort gegenüber dem Ehemann und den Kindern. Man behalte im Gedächtnis: Wenn es eine leibhaftig gewordene „Übermutter“ gibt, dann ist es die Siebenschläferin im roten Kleid. Der Kleinste (und später Zweitjüngste) in der Siebenschläfer-Traumsphäre ist Bobo, zusammen mit seinen Freunden Nora, Hedi und Louis. Es handelt sich um unglaublich selbstständige, brave und fast immer gut gelaunte Kinder, die nichts ernsthaft kaputt machen, keine Schneise der Verwüstung hinterlassen, immer essen, was auf den Tisch kommt und niemals Probleme beim Einschlafen haben. Ich weiß manchmal nicht, ob ich so viel Perfektion bewundere oder ob es mir Angst macht.

Harte Landung – Bobo im „Reality-Check“

Nun ist die Weltflucht durch Bücher und Filme nicht unbedingt etwas neues und nicht auf Kinder beschränkt. Auch Erwachsene lieben fantastische Geschichten über Liebe, Heldentaten, Abenteuer – mit Happy-End, versteht sich. Alles andere mag zwar aus literaturwissenschaftlicher Sicht progressiv wirken, ist aber beim Durchschnittsleser eher unbeliebt und hinterlässt ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Einfachheit. Einfach ist die „Weltliteratur“ unserer Tochter, wie mein Mann es augenzwinkernd nennt, ohne Zweifel. Man könnte meinen, altersgerecht – nur für uns als Eltern ist die Message hieraus frustrierend.

Unser Kind schläft nämlich nicht problemlos ein und durch. Sie nimmt jeden Blödsinn mit, den sie mitnehmen kann, und verfällt beizeiten in Protestgeheul, wenn dabei etwas schiefgeht. Mit dem Essen wird oft gedankenlos gespielt, wenn wir es nicht mehr oder weniger deutlich unterbinden. Unsere Wohnung (an ein Hausprojekt haben wir uns bisher noch nicht gewagt) mit mehrfach genutzten Räumen ist keinesfalls staub- und fleckenfrei und wo unsere Kleine hinkrabbelt, zieht sich eine Spur des Chaos durch den Flur.

Das Chaos, das wir unser Leben nennen

Da wir beide berufstätig sind und ich zwischendurch immer mal wieder auf der Suche nach einer neuen Stelle, weil es die Marktlage nicht anders hergibt, können und wollen wir nicht auf jeden kleinen Protest, Wunsch oder Gemütswechsel eingehen. Einfach, weil wir gerade mal wieder dabei sind, das Chaos zu beseitigen, das sie innerhalb der vergangenen Minuten gestiftet hat. Manchmal warten wir auch ein paar Stunden, bis sich der Aufwand so richtig lohnt. Hauptsache, die Laufwege bleiben frei – notfalls im Slalom. Wenn die Katzen satt und beschäftigt sind und sich die „dollen zehn Minuten“ unseres Wirbelwinds gelegt haben, kehrt auch kurzzeitig Ruhe nach (oder auch vor dem nächsten) Sturm ein.

Wenn wir wirklich etwas schaffen wollen, zum Beispiel, einen derart zusammenhängenden Text zu schreiben, nehmen wir gern die Großelternbetreuung oder auch den Service einer Tagesmutter in Anspruch. Und wir genießen das Gefühl, abgesehen von zwei flauschigen, schnurrenden Leisetretern eine Weile lang keine Bedürfnisse kleiner, hilfsbedürftiger Lebewesen zu erfüllen. Im Gegensatz zu Familie Siebenschläfer gehören ein scharfes „Nein“, „Lass das!“, und „Finger weg!“, zum Grundwortschatz im Umgang mit einem Kleinkind, das eben kognitiv noch keine langen Erklärungen versteht. Höchstens eben Kurzsätze wie „Das macht aua!“ oder „Das ist bäh!“.

Die Bilanz

Wenn ich es im Ganzen betrachte, bin ich ernüchtert. Was mich an dieser Stelle beruhigt, ist die Tatsache, dass es ganz vielen anderen Eltern außerhalb der Siebenschläfer-Sphäre genauso geht. Denn letztere ist offenbar ein weit entferntes, unerreichbares Universum, das vielleicht einige inhaltliche Berührungspunkte mit unserer Alltagswelt aufweist. Eine Utopie, die Veränderungen in der Gesellschaft und oftmals notwendige Konflikte innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen verneint. Deswegen kann ich auch ohne Reue sagen: Wir sind keine Musterfamilie mit Musterhaus und Musterkindern. Und erst recht nicht der Siebenschläfer-Traumwelt entsprungen.

Wenn überhaupt, lasse ich mich mit einer Löwenmama vergleichen: Nach einer langen Geduldsphase wird hin und wieder bedrohlich geknurrt oder gebrüllt. Wenn echte Gefahr in der realen Welt droht, wird der Welpe auch im Nacken gepackt und aus der Gefahrenzone entfernt. Doch nach dem Konflikt ist die Luft wieder rein, eine neue Grenze ausgehandelt. Eine Notwendigkeit, die in der Welt von „Bobo Superstar“ leider nicht vorkommt.

Leider, weil alle Kinder früher oder später aus der Traumwelt aussteigen und mit echten Streitigkeiten, Freiheitsgrenzen und Hindernissen konfrontiert sind. Aber auch mit alternativen Lebensmodellen, ethnischer Diversität und kulturellen Unterschieden. Hier sehe ich eine große Herausforderung für die Autor*innen und Produzent*innen von Kindermedien – eine komplexe und vielseitige Welt so anschaulich abzubilden, dass auch schon die Kleinsten beginnen, sie zu verstehen. Auch die Teenager in „Pleasantville“ entfliehen am Ende erleichtert der perfekten Serienwelt ohne Reibungspunkte – Verschiedenheit macht das Leben schließlich erst bunt. Davon könnte „Bobo Superstar“ sich gerne eine Scheibe abschneiden.

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