Foto: Luis Marina I flickr I CC BY 2.0

Kindererziehung: Warum ich Konsequenz in den allermeisten Fällen für überschätzt halte

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Konsequenz.

Wasser eiskalt? Egal, geh schwimmen!

Gerade unterhielten wir uns beim Teamfrühstück über die ein oder andere Kinderfrage. Susann erzählte, wie sie während ihres Urlaubs an der Ostsee fast ein bisschen sauer wurde auf einen Vater, der seinen etwa vierjährigen Sohn ungefähr eine Viertelstunde lang im unter zehn Grad kalten Wasser planschen ließ, während er selbst keinen Zeh hineinsetzte.

Sie hatte das Gefühl, er sei seiner Verantwortung als Erziehungsberechtigter nicht nachgekommen, das Kind vor dem Kältetod oder zumindest einer Lungenentzündung zu retten. Ich aber schnaufte abgestumpft durch die Nase und grummelte: Soll er doch.

Das ist ein Gedanke, der sich bei mir in letzter Zeit auffallend gehäuft einschleicht: Soll er doch. Lass sie halt. Ach ist doch egal. MACHT DOCH WAS IHR WOLLT!!!

Gegen den Vorwurf, ich würde Erziehungsprinzipien vernachlässigen und meinen pädagogischen Pflichten nicht nachkommen, möchte ich mich trotzdem entschieden verwehren. Wir war das noch? Glückliche Eltern machen glückliche Kinder? Eben. Und ich merke zunehmend, wie äußerst wohltuend es ist, in vielen Fragen des Alltags einfach mal den resignierten Ignoranten zu geben. Keine Kämpfe mehr um die richtige Ernährung, die richtige Kleidung, das richtige Freizeitverhalten. Wie befreiend!

Ohne Kleidung nach draußen? Nur zu!

Du willst plötzlich fünf Gummibärchen, bloß weil du schon wieder in den Topf gekackt hast, dabei hatte der Deal eigentlich mal mit EINEM Gummibärchen angefangen? Aber sicher! Du magst deine Butter lieber ohne Brot? Auch lecker! Du willst nicht am Familientisch sitzen und gesittet deinen Haferbrei verzehren, so wie du das monatelang getan hast, sondern unter dem Esstisch, unter dem sich ein unansehnlicher, verkrusteter Teppich aus verklebten Rosinen, Pommesresten und Saftflecken befindet, ein Nest bauen, und zwar aus zwei elterlichen Federbetten, um dort Ernie-und-Bert-Kekse und Sesam-Dinosaurier zu frühstücken? Mir doch egal! Du möchtest zu der neuen, entzückenden, blau-pink-weiß-karierten Sommerhose nicht etwa das dazu passende graue Shirt anziehen, sondern das abgewrackte rote Schlaf-T-Shirt mit acht verschiedenen Feuerwehr-Modellen drauf? Mir doch egal, wenn die Kombination absolut scheiße aussieht!

Du möchtest hinten auf dem Fahrradsitz weder Schuhe noch eine Jacke anziehen, während der Fahrtwind die Luft in den einstelligen Bereich runterkühlt? So what! Sicher weißt du, was du tust. Du willst prinzipiell keine Unterhosen und keine melierten Kleidungsstücke mehr anziehen, weil sie deinem Körperkarma nicht guttun? No problem. Du weigerst dich prinzipiell, im Garten Schuhe, Socken, Hosen oder ein armbedeckendes Kleidungsstück zu tragen, und springst ausschließlich mit einer Windel bekleidet auf dem Trampolin, während alle anderen Kinder Wolljacken, Stiefel und Beinbekleidung tragen? Du möchtest dir nicht die Hände waschen, nachdem du den festen und flüssigen Inhalt des Töpfchens eigenständig ins Klo gekippt und netterweise dann auch gleich noch die Klobrille gereinigt hast? Seis drum! Du willst, während alle anderen Kinder romantisch ihr Stockbrot am Lagerfeuer rösten, stupide Videos auf meinem Smartphone glotzen? Nur zu!

Meine Mutter sagt immer: In Sachen Kindererziehung sollte man nur bei den Dingen, die wirklich wichtig sind, Konsequenz walten lassen, bei allen anderen eher nebensächlichen Fragen könne man auch ruhig mal Fünfe grade sein lassen, sonst frustriere man Kinder zu sehr. Das klappt bei uns ausgezeichnet. Und bevor mich jemand beim Jugendamt meldet: Im Winter hatte das Kind manchmal einen Pullover an, wenn es rausging; es trägt von Zeit zu Zeit einen Fahrradhelm; und im Auto lässt es sich gelegentlich anschnallen.

Bild: Luis Marina/flickr – CC BY 2.0

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