Foto: privat

Erst durch meine Schwangerschaft habe ich gelernt, meinen Körper zu lieben

Ich hatte immer eine ambivalente Beziehung zu meinem Körper. Es ist für mich nicht normal, ihn schön zu finden. Damit stehe ich nicht allein da. Ich weiß, dass es vielen Frauen so geht. Jede hat eine etwas andere Geschichte. Das ist meine.

Mein Körper und ich

Als ich auf die Welt kam, war ich okay mit meinem Körper. Wie so ziemlich alle kleinen Kinder habe ich nicht groß über ihn nachgedacht, sondern intuitiv auf seine Signale gehört. Auf frühen Fotos grinst mir ein unbekümmertes Mädchen entgegen, das selbstbewusst vor der Kamera posiert.

Doch mit ungefähr 15 Jahren fing ich an, Kameras zu meiden. Auf alten Videoaufnahmen sieht man das am besten. Ich verstecke mich hinter meinen langen Haaren oder verschwinde aus dem Bildausschnitt. Niemand sollte aufzeichnen, wie unperfekt ich bin.

Bis zur Pubertät hatte ich ein Bild vom weiblichen Körper verinnerlicht, das mir Probleme bereitete. Ich hatte mitbekommen, was meine Mutter an ihrem eigenen Körper alles auszusetzen hatte und wie andere Menschen über zu dicke Leute – insbesondere Frauen – redeten. Ich hatte genug Werbung und Filme mit ausschließlich dünnen, wunderschönen weiblichen Wesen gesehen.

Der Kampf zwischen mir und meinem Körper beginnt

Mit 16 fand ich mich wenig hübsch, aber vor allem zu dick. Ich wog 44 Kilo bei einer Größe von 1,55m. Knäckebrot und ein bisschen Obst, viel mehr gestattete ich mir an manchen Tagen nicht. So schaffte ich es innerhalb kurzer Zeit, sechs Kilo loszuwerden. Dann fand ich mich dünn genug. Doch als allmählich meine Haare ausfielen und meine Periode über Monate ausblieb, begriff ich: „Ups, ist vielleicht doch nicht so gesund”, und nahm zum Glück wieder zu.

Eine Zeit lang war dann erst einmal Ruhe. Doch ab einem Gewicht von 45 kg fühlte ich mich eigentlich immer zu dick. Ich wollte abnehmen, probierte die verschiedensten Sachen aus. Aber ich schaffte es nicht mehr. Im Gegenteil: Ich nahm über die Jahre zu, nicht ab. Alles drehte sich ständig ums Essen. Erst verbot ich es mir, hielt mich ein paar Tage daran, knickte ein, war traurig, dass ich es nicht geschafft hatte und aß dann erst recht. Dann fing ich wieder von vorne an.

Das Baby ändert alles

So richtig aufgehört hat dieser ganze Quatsch erst in der Schwangerschaft. Denn mit Baby im Bauch habe ich mich aus allen Bewertungsmaßstäben rausgenommen. Ich musste mich nicht mit dieser oder jener Frau aus dem Fernsehen oder der echten Welt vergleichen. Ich konnte mich zurücklehnen und denken: „Ist mir doch egal, ich bin schwanger! Ich mach da grad nicht mit bei diesem ganzen Contest.” Das war so befreiend, dass es zur Abwechslung mal ein paar positive Spuren hinterlassen hat.

Zwar habe ich mich kurz nach der Geburt nicht sofort wohlgefühlt, alles war irgendwie anders und ungewohnt an meinem Körper. Der Bauch total labberig, die Brüste riesengroß. Ich weiß noch, als ich einmal alte Klamotten anprobierte und so gut wie nichts hat gepasst. Das war schon etwas deprimierend. Aber zum Glück blieb mir nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, meinen Körper zu kritisieren oder mich zu bedauern. Ich hatte Wichtigeres zu tun. Außerdem war ich meinem Körper in erster Linie einfach nur absolut dankbar, dass er ein gesundes, wunderschönes Kind auf die Welt gebracht hatte. Mit allen Blessuren, die er davongetragen hat. Das verbindet uns.

Seit einer Weile wiege ich mich nur noch sehr selten. Ich halte nicht viel davon, weil es mir Druck macht. Weil ich dann Ergebnisse sehen will und wieder anfange, jeden Bissen kritisch zu prüfen. Als ich neulich beim Arzt auf die Waage musste, stellte ich fest, dass ich jetzt weniger wiege als vor der Schwangerschaft. Das erste Mal seit Jahren war Abnehmen kein Thema mehr und ich nehme ab.

Fühlen statt zählen

Das ist nur auf den ersten Blick paradox. Zwar esse ich weniger, weil ich eine Aufgabe habe, die den ganzen Tag und die ganze Nacht einnimmt. Und natürlich renne ich auch mehr herum mit Kind. Aber ich glaube, entscheidend ist, dass Essen für mich kein vergiftetes Feld mehr ist, über das ich mir ständig Sorgen mache. Ich denke einfach nicht mehr so viel darüber nach. Und das ist toll.

Dass ich jetzt weniger wiege, will ich allerdings nicht als wunderbaren Erfolg anpreisen. Sondern eher zeigen, dass dieser ganze Schönheitswahn mich und meinen Körper auseinander gebracht hat. So viele Zweifel und Ängste, Idealvorstellungen und Abwertungen standen zwischen uns. Ich hatte komplett den Respekt vor meiner fleischlichen Hülle verloren. Mein Körpergefühl bestand aus Kalorienzählen, Enttäuschungen und Frustessen.

Jetzt ist dieser Ballast weg. Irgendetwas hat während der Schwangerschaft bei mir Klick gemacht. Ich komme allmählich dazu zurück, meinen Körper einfach so sein zu lassen, wie er ist, ihn zu ehren anstatt ihn zu verdammen.

Im Moment finde ich mich richtig gut. Die Stellen, die ich früher im Spiegel fassungslos angestarrt habe und mir dachte: „OH MEIN GOTT!”, die kenne ich alle trotzdem. Denn sie sind ja noch da. Aber ich finde mich völlig okay damit. Das bin halt ich. Und das ist schön so.

Dieser Text ist zuerst auf Andrins Blog MOM & ART erschienen. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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