Foto: Anissa Taibi

Mein weinender Weltschmerz

Ich bin erfüllt von Weltschmerz. Immer und andauernd. Weltschmerz, das ist für mich so viel wie die Sensibilität für die Scheißigkeit unseres Planeten. Was aber löst so ein Weltschmerz im besten Falle aus?

 

Ich bin erfüllt von Weltschmerz. Immer
und andauernd. Das einzige, was variiert, ist die zwischen produktiv
und unvermögend schwankende Anwendungsfähigkeit meiner eigenen
Mechanismen, mit ihm umzugehen. Weltschmerz, das ist für mich so
viel wie die Sensibilität für die Scheißigkeit unseres Planeten
oder, besser gesagt, seiner gesellschafts-politischen Seiten. Ich
glaube eigentlich nicht an „gut und böse“, aber wenn mich etwas
an die Grenzen dieser meiner kleinen Überzeugung treiben kann, dann
sind es die leeren Augen Sigmar Gabriels, die er in gierige Kameras
hält, es sind Monsanto und Nestlé, es sind steigende Temperaturen
und Meeresspiegel, es sind die Leute, die konstruktive Toleranz
boykottieren. Und selbstverständlich noch viel mehr. Meine Liste ist
unendlich lang und scheint sich täglich zu duplizieren.

Was aber löst so ein Weltschmerz im
besten Falle aus? Richtig, den Willen und die Motivation zum
Selber-machen und Selbst-in-die-Hand-nehmen.

So fing es dann an vor ein paar Jahren,
Mister Weltschmerz noch in Kinderschuhen, wenn überhaupt schon in
mir herangewachsen, noch stark überschattet von einer optimistischen
Naivität. Blöd war ich nie, aber unwissender und vor allem jünger
und weniger dazu in der Lage, mich selbst von meinem Umfeld zu abstrahieren.
Im Bewusstsein darüber, dass in der Welt ja doch so einiges schief
läuft und im Glauben darüber, dass man wirklich etwas verändern
kann, wenn man selbst und am besten auch alle anderen kleine Schritte
gemeinsam gehen, trafen sich ein paar Leute meines damaligen
Dunstkreises und ich zum Planen einer besseren Zukunft. Immerhin
waren wir anfangs circa 15 Leute, bis sich das dann recht fix auf
etwa acht dezimierte.

Es ging also darum, irgendetwas zu
erschaffen, das dann alles besser machen kann. Und wenn ich sage
alles, dann meine ich auch wirklich alles. Interessenmäßig
abgedeckt hatten wir da Anti-Sexismus, Anti-Rassismus, Umweltschutz,
Tierschutz, Barrierefreiheit und dazu gestreut, ein bisschen über
den Tellerrand des Kontextes hinaus, noch ein wenig Kunst,
Kommunikation, Kultur und Musik. Damit auch wirklich alle unsere
Launen bedient waren. Genauso umfangreich wie unser Themenspektrum
zeigte sich auch die Vielfalt an Möglichkeiten, wohin damit: Wollen
wir eine Gruppe sein, die andere Gruppen miteinander vernetzt? Oder
machen wir so voll unser eigenes Ding mit Festivals, Konzerten,
Infoabenden und Workshopevents? Und wie auch immer, was
sollen wir denn dann sein? Eher so analog-echt als Jutebeutel oder
halt digital und nicht zum Anfassen als Internetseite? Vielleicht
fangen wir erstmal mit Facebook an.

Was wir letztendlich wirklich
erreichten, war die Einigung auf einen Namen, der, aufgrund
ästhetischer Scham, weiterhin im Geheimen verweilen soll. Woran wir
danach gescheitert sind, war wohl ein Konglomerat aus
Motivationsschwund nach dem ersten Brennen, schlechter Organisation
und definitiv einer Überforderung über unseren selbst errichteten
Möglichkeitsüberfluss.

Damals ist es allerdings noch nicht an
einem oder meinem anderen Blick auf die Welt gescheitert. Während
der Monate, in denen wir uns wöchentlich trafen und redeten (und
redeten und redeten), erwuchs in mir tatsächlich etwas, das reine
Hoffnung überschritt. Es war eine gefühlte Gewissheit darüber,
dass die Gleichung auf jeden fall aufgehen wird: Kleine, gemeinsame
Schritte führen zum guten Großen und dann gibt es nie wieder Krieg
und Klimawandel. Ich erinnere mich noch an das Gefühl. Es war in
etwa so, wie wenn man Lotto spielt und sich dann solange ausmalt, was
man mit dem Geld anstellen würde, bis sich die Ziele so wundervoll
real anfühlen, dass man schon fast ein bisschen überrascht ist,
wenn man den großen Jackpot dann doch verpasst. Wie ich schon
bemerkte: Mich selbst zu abstrahieren und in einen etwas weiteren
Kontext zu setzen, darin war ich damals noch nicht so geübt. 

Die
Jahre danach streifte ich, Bibliotheken und Internet sei gedankt,
alleine weiter durch die Baustellen der Welt. Das half mir vor allem
dabei, mich differenzierter mit ihnen auseinanderzusetzen, um dem
lähmenden Überfluss zu entfliehen. Das klingt schon fast zynisch,
wenn man bedenkt, dass der Überfluss aus Mangelhaftigkeiten der
Gesellschaften der Welt besteht. Aber mensch kann wohl nicht anders,
als sich Schubladen zu schaffen. Zumindest, um zu sortieren und
bestenfalls nicht, um zu vergessen.

Was aus einer differenzierteren und
themenweise selektierten Beschäftigung folgte, war dann aber schnell
schon wieder der Start einer neuen Unendlichkeit: Aus
Frauenfeindlichkeit wird Frauenfeindlichkeit gegenüber schwarzen
Frauen und people of color wird Rassismus wird intersektionale
Diskriminierung wird Klassengesellschaft wird zu wenig Geld für zu
viele Leute wird Geld-regiert-die-Welt wird Legitimierung des
Kapitalismus wird Über-Leichen-gehen wird Krieg wird
Umweltverschmutzung wird neue Technik wird NSA wird what the fuck,
alles hängt zusammen und alles ist ja total scheiße und wohin
überhaupt mit mir und was tun und – Lähmung. War wohl nichts mit
Differenzierung.

Zu dieser einen Überforderung gesellt
sich zudem ja dann gern auch noch die des eigenen Lebens und seiner
großen, sorgfältig einkonditionierten und privilegierten Fragen
nach Liebe, Job und Studium. Gemeinsam schließen sie übrigens auch
einen herrlich teuflischen Kreis aus gelesener und geglaubter Kritik
am Neoliberalismus und der schmerzhaften Erkenntnis darüber, wie
sehr er sich in mein eigenes Fühlen schon eingewoben hatte. Der Kopf
weiß manchmal mehr, als man selbst schon handeln kann.

So sank ich 2014 hinein in ein Loch aus
eigenen Päckchen gepaart mit dem großen Bündel Weltschmerz, das
nach langer Reise endlich seinen Weg zu mir gefunden hatte und
einschlug, wie ein Stein in einen Sparkassenautomat. Über einige
Monate lang war ich neurotisch. Ich las Online-Artikel, bis mir die
Augen brannten, ich klickte mich durch Wikipedia und Youtube auf der
Suche nach neuen Katastrophen, fühlte mich wie die Passantin, die
den Autounfall anstarrt und nicht weiterlaufen kann.

Und dann fing ich an, zu weinen. Über
Syrien, über Merkel, über Griechenland, über die Bild-Zeitung,
über die Antarktis, über aussterbende Nashörner, über die
Menschen und die Welt. Ich zählte im Sommer die wenigen Bienen, die
ich sah und weinte. Ich weinte über den Wetterbericht, den ich
täglich global studierte. Ich weinte im Solicamp an der
Reichenberger- Ecke Ohlauerstraße (Berlin), als die Schule, in der
bis dahin Geflüchtete lebten, geräumt wurde. Über die Situation,
der sie ausgesetzt waren und über die Ungerechtigkeit. Über die
geübt ausdruckslosen Augen der Polizist*innen und über diejenigen,
die so sehr damit beschäftigt waren, sie zu beschimpfen, dass sie
das Skype-Telefonat mit den Geflüchteten auf dem Dach der Schule
verpassten. Ich weinte über die coolen Kids in Pumphosen, die nicht
zuhörten, lachten und Bier tranken, über mein Unverständnis
darüber, inwiefern der gemeine Zufall des Geburtsortes einer Person
ihr Leben in solcher Form bestimmen darf, ausgesetzt dem Krieg und
diskriminierender Politik.

Und, schlussendlich, weinte ich über
mich. Über mich und meine Schwäche. Über mein unendliches
Ohnmachts-Gefühl, nichts und überhaupt gar nichts ausrichten zu
können, über die Gewissheit darüber, dass alles den Bach
hinuntergeht. Über mich und meine Unfähigkeit, es nie länger als
eine halbe Stunde im Solicamp oder der Anti-Bärgida-Demo
auszuhalten, weil mich Unverständnis überrollte über das, was ich
in den Menschen als schlecht empfand. Ich weinte über mich und meine
Goldwaage, auf die ich jede*n und alles warf, was vor mir lag: die
Bullen, die „Guten“, die „Bösen“, die, die wirklich helfen
wollen und die Hedonist*innen, die auf ein Danke warten. Und mich
selbst. Wer bin ich denn, mich irgendwohin zu stellen und darüber zu
entscheiden, wer sich hier richtig verhält? Ich weiß, dass ich
wohlmöglich unendlich arrogant bin, wenn ich über diejenigen
urteile, die vor Ort sind und sich dafür einsetzen, eine unlogische
Straßensperrung aufzuheben, während ich selbst hinter dem Schild
der Bäckerei stehe und schluchze. Und außerdem glaube ich doch
nicht an „gut und böse“, wer ist hier also „gut“ und wer
„böse“?

Zeit also, mich selbst etwas zu
differenzieren. Was ich erkannte, war, dass meine Konzentration auf
all diejenigen um mich herum, mich selbst davon zurückhielt, zu
erkennen, worin ich das eigentliche Problem sah: In mir und meiner
Schwäche. Wieso kann ich nicht genauso brüllen, rennen, wütend
sein in Menschenmassen, die vom Alexanderplatz zur Friedrichstraße
stürmen, um den Nazis einzuheizen? Ich will doch, ich verabscheue
doch genauso, wieso also geht es nicht? Ich begann mich selbst zu
verabscheuen für meine Heuchelei, für meinen großen Batzen an
Theorie, den ich mir täglich ins Gehirn haute, ohne die Praxis
wirklich greifen zu können. Ich fühlte mich fehl am Platz, zu
schwach, um irgendwas zu bewegen. Ich empfand mich als nicht gemacht
dafür, ich hatte versagt und mich selbst hintergangen.

Schönen guten Tach auch, Herr
Selbstmitleid! Glücklicherweise kann ich sagen, dass das Down dieser
Phase nicht lange anhielt. Irgendwas stimmte da nicht, dachte ich
mir, und, verkopft, wie ich bin, ging ich dem auf die Spur. Und dann
erkannte ich so einiges. Ich erkannte, dass es irgendwie okay ist,
nein zu sagen. Dass es okay ist, nicht zu rennen und zu brüllen und
zu kämpfen mit Händen und Füßen. Genauso riesig wie der
Swimmingpool gefüllt mit Scheiße ist, durch den man watet, wenn man
irgendetwas tun möchte, damit es besser wird, genauso riesig ist
auch das Spektrum an Wegen und Anforderungen, die durch das stinkende
Becken führen. Die überflutende Vielfalt an Möglichkeiten. Es
braucht die Massen, es braucht Demonstrationen, es braucht die lauten
Stimmen in der Öffentlichkeit und Sitzblockaden, die sich von
muskelbepackten Leuten in Uniform wegzerren lassen. Es braucht
übrigens auch Entscheidungen einzelner Personen in Machtpositionen,
damit man einer fatalen Problem-Individualisierungsdynamik à la
„Dann meld dich doch gar nicht erst an bei Facebook“ entgeht.

Aber genauso braucht es Tränen und
Offenherzigkeit, es braucht Bildung, es braucht Geduld, es braucht
Sanftheit, es braucht Kommunikation. Wenn wir uns der Emotionalität
in den Weg stellen und sie als Schwäche abstempeln, dann
reproduzieren wir das tückische Bild einer Gesellschaft, in der sich
nur durch vermeintliche Stärke, den Rückzug in sich selbst und
Ellenbogen etwas bewegen lässt. Aber unsere Emotionalität und
Empathie, auch unsere Mangelhaftigkeit und die Fähigkeit zu
Scheitern, sind schon länger in uns verankert als ihre negativen
Konnotationen, die uns kapitalistisch und sexistisch geprägte
Gesellschaften und Politiken aufgehalst haben. Ich sage also lieber:
Es braucht auch Mut, zu weinen; es braucht auch Mut, anzuerkennen,
dass man nicht immer überall sein kann; es braucht auch Mut, sich
einzugestehen, dass man für gewisse Sachen vielleicht tatsächlich
nicht geschaffen ist und es braucht auch Mut, sich manchmal genau
dafür zu verabscheuen. Oder zu lieben. Und das ist okay. Das bedeutet nicht, nichts zu tun. Es bedeutet für mich, mir zugestehen zu können, was ich tue, um nicht in paralysierender Überforderung zu stehen.  
Ich werde
weiter lesen und reden und schreiben und weinen und auch im Kleinen
kleine Schritte mit anderen gemeinsam gehen, wenn ich mich in den
Nischen, die ich mir erfolgreich außerhalb der Großdemonstrationen
gesucht habe, bewege. Und an guten Tagen besuche ich auch diese gern.
Ich musste mich befreien aus einer Lähmung des Überflusses und der
Anforderungen, die ich mir in sich immer wieder vervielfachenden
Spiralen aufgeladen hatte. Jetzt weiß ich viel besser, in welchen
Rahmen es mir tatsächlich möglich ist, zu handeln.

Das utopisch privilegierte Gefühl von
Gewissheit zum totalen Wandel in die heile Welt habe ich verloren und
ich werde es nie wieder bekommen. Das ist auch gut so. Und, als
logische Konsequenz dessen, werde ich meinen Weltschmerz in diesem
Leben wohl auch nicht mehr los. Auch das ist okay. Ich habe ja meine
Mechanismen und sollten sie mal versagen, wenn Sigmar Gabriel mir ein
weiteres Mal auf dem Bildschirm entgegenschmult, weiß ich noch
genau, wo dieses Bäckereischild steht.

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