Foto: Boram Kim|Unsplash

#NeinheißtNein! Zwei Vergewaltigungen, aus denen wir endlich lernen sollten

Der Fall Gina Lisa Lohfink hat einmal mehr und auf schmerzlichste Weise gezeigt, dass wir endlich eine Reform des Sexualstrafrechts brauchen. Und wir alle können etwas tun, um hier endlich etwas zu bewegen: Die Stimme erheben.

 

Worüber wir reden müssen: Das Sexualstrafrecht, Rechte der Frau und Machtstrukturen

Lass uns heute mal ein ernstes Thema besprechen: Sexualstrafrecht, Rechte der Frau und Machtstrukturen. Wollte ich das Thema umfassend behandeln, müsste ich eine Doktorarbeit darüber schreiben, zum Glück ist das aber gar nicht mein Anspruch. Was ich mit diesem Artikel bezwecke, ist:

1.  Euch auf einige erschreckende aktuelle Fälle hinzuweisen.

2. Meine Gedanken zu ordnen.

3. Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Feminismus, nämlich die Bewegung, die gleiche Rechte für beide Geschlechter schaffen will, noch lange nicht obsolet ist.

Es gibt noch viel zu tun und wir alle sollten die Augen offenhalten und gegen Missstände ankämpfen, wenn wir wollen, dass unsere Söhne und Töchter in einer gleichberechtigteren Welt leben.

Status quo: deutsches Sexualstrafrecht

Um euch kurz in das Thema einzuführen: Entscheidend für die Strafbarkeit einer sexuellen Handlung ist nicht das Verhalten des Täters, sondern das des Opfers! Daher sind in Deutschland längst nicht alle Fälle, in denen sexuelle Handlungen gegen den Willen einer Person ausgeübt werden, strafbar. Denn Androhung von Gewalt oder Ausnutzen einer Notsituation, das genügt nicht.

Es reicht auch nicht aus, wenn eine Frau ausdrücklich und mehrfach Nein sagt oder weint und fleht. Faktisch muss sie sich körperlich wehren und vorher direkt bedroht worden sein, sonst liegt in den meisten Fällen keine Straftat vor. Viele Frauen wehren sich aber nicht körperlich, denn meistens sind sie in der körperlich ohnehin viel schwächeren Position oder sie haben Kinder im Nebenzimmer, die sie schützen möchten oder sie haben Angst, danach nicht mehr weggelassen zu werden. Oder sie sind schlicht und einfach vielleicht zu
betrunken, um effektive körperliche Abwehr zu leisten. Und in vielen Fällen müssen die Täter auch nicht mehr direkt drohen, da die Frauen ohnehin schon genügend Angst vor ihnen haben. In all diesen Fällen wird die Vergewaltigung nach derzeitigem Stand nicht strafbar sein.

Was übrigens ebenfalls per se nicht strafbar ist: Grabschen. Jeder Hinz und Kunz darf dich oder deine Freundin oder deine Tochter im Club, in der U-Bahn, im Supermarkt begrabschen, ihr an den Busen greifen, in den Hintern kneifen. Ob der Griff an den Busen gravierend genug ist, um als sexuelle Nötigung zu zählen, darüber entscheidet dann ein Richter. Wo bleibt die sexuelle Selbstbestimmung in unserem Strafrecht, wenn andere darüber
entscheiden, wieviel Grabschen auch wirklich zu viel ist? Eine Hand am
Busen – oder müssen es zwei Hände an beiden Brüsten sein? Ist Grabschen quasi im Vorbeigehen kein Problem und erst bei Anwendung oder Androhung von Gewalt?

Mehr dazu könnt ihr in der Stellungnahme des bff: Frauen gegen Gewalt e.V. zum Reformentwurf der Regierung zum Sexualstrafrecht lesen.

Der Fall: Gina-Lisa Lohfink

Ein Fall war in den vergangenen Wochen in den Medien, der mich wirklich wirklich wütend gemacht hat: 2012 tauchte ein Video auf, in dem Gina-Lisa Lohfink, eine vermutlich vielen aus Funk und Fernsehen bekannte kleine Skandalnudel, beim Sex mit zwei Männern zeigte. Der entscheidende Punkt: Man sieht und hört genau, wie Gina-Lisa mehrfach „Hör auf!“ sagt und ihr Zustimmung eindeutig verweigert. Dazu wirkt sie benommen und apathisch. Ich habe mir aus hoffentlich nachvollziehbaren Gründen das Video nicht selber angesehen und kann hier nur zitieren, was ich in verschiedensten Artikeln zu dem Fall gelesen habe.

Stellt euch das mal vor: Ihr werdet vergewaltigt und dann gibt es davon auch noch ein Video im Internet, für alle sichtbar. Und dann geht ihr zur Polizei und zeigt die Täter an. Da gehört ganz schön viel Mut dazu, geschätzte 85-95 Prozent aller Vergewaltigungen in Deutschland werden nicht angezeigt. Aber in diesem Fall weiß es ohnehin schon jeder und es gibt ja auch dieses Video als Beweis. Denkste. Denn nicht nur genügt das Video der Richterin nicht, das Verfahren gegen den einen Täter wird wegen fehlendem Wohnsitz in Deutschland eingestellt und der andere nur wegen Verbreitung des Videomaterials zu einer geringen Geldsumme verurteilt. Nein, am Ende wird Gina-Lisa Lohfink wegen angeblicher Falschverdächtigung der beiden Täter auch noch zu einer Geldstrafe von 24.000 Euro verurteilt.

24.000 Euro. Wie soll sich in Zukunft noch irgendeine Frau trauen, eine Vergewaltigung anzuzeigen, wenn sie damit gleichzeitig ihren finanziellen Ruin riskiert? Ihren finanziellen und ihren gesellschaftlichen Ruin, denn wie man an diesem Fall sieht, findet noch eine große gesellschaftliche Verurteilung von Vergewaltigungsopfern dar. Nur weil Gina-Lisa Plastikbrüste hat und gerne feiert, kann es keine Vergewaltigung gewesen sein? She had it coming?

Mehr zum Thema und alle Hintergrundinformationen findet ihr hier, hier und hier.

Der Fall: Brock Turner

In den USA dagegen wurde letzte Woche ein anderer Fall heiß diskutiert: Der 20-jährige Stanford Student Brook Turner wurde wegen Vergewaltigung verurteilt. Zu sechs Monaten. Denn mehr befand der Richter als zu streng gegenüber dem jungen Mann, der als Olympia-Hoffnung galt und ohnehin schon genug verloren habe. Der Staatsanwalt hatte sehcs Jahre gefordert und die Jury hatte ihn einstimmig verurteilt. Und dann nur sechs Monate, weil sein Leben ohnehin schon genug geschädigt sei. Und was ist mit dem Leben des Opfers? In keiner Stellungnahme hatte Brook, seine Familie oder sein Anwalt jemals Reue und Mitleid mit dem Opfer und seiner Familie gezeigt, sondern Brook als jungen Mann dargestellt, dem durch zu viel Alkohol sein Leben ruiniert wurde. „20 minutes of action“ (ein Zitat aus dem offenen Brief des Vaters) rechtfertigten doch keine weiteren Einschnitte in Brook Turners Leben. Das hat beim Richter gewirkt, ist aber Spott und Hohn gegenüber dem Opfer.

Zum Glück hat dieses aber die eigene Stimme nicht verloren beziehungsweise im Laufe des Prozesses mühsam wieder gefunden. Und am letzten Prozesstag einen zwölfseitigen Brief an den Täter verlesen, der das beeindruckendste ist, was ich seit langer Zeit gelesen habe. Ich denke er steht für sich selbst und möchte gerne ein paar Ausschnitte zitieren:    

When I was told to be prepared in case we didn’t win, I said, I can’t prepare for that. He was guilty the minute I woke up. No one can talk me out of the hurt he caused me. Worst of all, I was warned, because he now knows you don’t remember, he is going to get to write the script. He can say whatever he wants and no one can contest it. I had no power, I had no voice, I was defenseless. My memory loss would be used against me. My testimony was weak, was incomplete, and I was made to believe that perhaps, I am not enough to win this. That’s so damaging. His attorney constantly reminded the jury, the only one we can believe is Brock, because she doesn’t remember. That helplessness was traumatizing. Instead of taking time to heal, I was taking time to recall the night in excruciating detail, in order to prepare for the attorney’s questions that would be invasive, aggressive, and designed to steer me off course, to contradict myself, my sister, phrased in ways to manipulate my answers. Instead of his attorney saying, Did you notice any abrasions? He said, You didn’t notice any abrasions, right? This was a game of strategy, as if I could be tricked out of my own worth. The sexual assault had been so clear, but instead, here I was at the trial (…).“

Und weiter:

„The point is, this is everything my family and I endured during the trial. This is everything I had to sit through silently, taking it, while he shaped the evening. It is enough to be suffering. It is another thing to have someone ruthlessly working to diminish the gravity and validity of this suffering. But in the end, his unsupported statements and his attorney’s twisted logic fooled no one. The truth won, the truth spoke for itself.“

Dann kommt sie auf seine Verteidigung zu sprechen:

„You said, I stupidly thought it was okay for me to do what everyone around me was doing, which was drinking. I was wrong.

Again, you were not wrong for drinking. Everyone around you was not sexually assaulting me. You were wrong for doing what nobody else was doing, which was pushing your erect dick in your pants against my naked, defenseless body concealed in a dark area, where partygoers could no longer see or protect me, and my own sister could not find me. Sipping fireball is not your crime. Peeling off and discarding my underwear like a candy wrapper to insert your finger into my body, is where you went wrong. Why am I still explaining this.“

Und schließlich, zur Opferrolle, in die er sich begibt:

„Lastly you said, I want to show people that one night of drinking can ruin a life.

Ruin a life, one life, yours, you forgot about mine. Let me rephrase for you, I want to show people that one night of drinking can ruin two lives. You and me. You are the cause, I am the effect. You have dragged me through this hell with you, dipped me back into that night again and again. You knocked down both our towers, I collapsed at the same time you did. Your damage was concrete; stripped of titles, degrees, enrollment. My damage was internal, unseen, I carry it with me. You took away my worth, my privacy, my energy, my time, my safety, my intimacy, my confidence, my own voice, until today.“

Lest euch den Brief durch, er ist so berührend und gibt den (viel zu) vielen Vergewaltigungsopfern eine laute, mächtige und selbstbewusste Stimme.

Was könnt ihr in Deutschland tun?

Gerade wird im Bundestag über ein neues Sexualstrafrecht verhandelt. Der Gesetzesvorschlag enthält einige Verbesserungen, aber: noch nicht einmal genug, um Forderungen der Europaratskonvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention) in Deutschland ratifizieren zu können!

Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: Wir schaffen es selbst mit dem Schließen der gravierendsten Lücken in unserem Sexualstrafrecht nicht, eine Europaratskonvention zu dem Thema umzusetzen. Das heißt, unser Staat schützt die Hälfte seiner Bürger nicht angemessen. Wer es dagegen schafft? Dänemark, Frankreich, Italien, Niederlande. Aber auch Albanien, Serbien, Bosnien und Herzegowina, Rumänien, die Türkei…

Was könnt ihr also tun? Unterschreibt die Petition #Neinheisstnein. auf change.org. Spendet an den Initiator der Petition bff: Frauen gegen Gewalt e.V. Seid aufmerksam, redet mit euren Familien und Freunden über das Thema, schafft Bewusstsein. Anfangen könnt ihr, indem ihr diesen Artikel teilt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog „Was ich noch erzählen wollte…“. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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