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Weil Eltern-Bashing nervt.

Seit einiger Zeit ist Eltern-Bashing en vogue: Kaum ein gutes Haar wird an Eltern gelassen. Egal was sie tun, sie landen im Kreuzfeuer der Kritik. Wir wollen aufzeigen, dass dabei jedoch oft außer Acht gelassen wird, unter welchen schwierigen Rahmenbedingungen Elternschaft in der heutigen Multioptionsgesellschaft stattfindet und dass alle Eltern eigentlich nur eins wollen: Gute Eltern sein und die besten Voraussetzungen für ihr Kind schaffen.

 

Eltern-Bashing nervt

Seit einigen Jahren lässt sich in den Medien, aber auch im Alltag vermehrt ein Phänomen feststellen, dass sich mit dem Begriff des ‚Eltern-Bashings‘ beschreiben lässt. Kübelweise Häme und Kritik wird über (frisch gebackenen) Eltern ausgekippt, vorzugsweise Mütter sind Zielgruppe  des Tratsches:
Rabenmütter, Tigermums, Fördereltern, Ego-Mums, Stilltanten, Helikoptereltern um nur mal einige Begrifflichkeiten zu nennen. Das Erziehungsverhalten und alle anderen Elterntätigkeiten stehen ständig im Fokus des öffentlichen Blicks. Richtig machen können Mütter und Väter derzeit in den Augen vieler offenbar nicht so richtig viel: sie ernähren ihr Kind zu viel/zu wenig bio, sie fördern ihr Kind zu viel/zu wenig, sie stillen zu lang/zu kurz/gar nicht, sie besuchen zu viele/zu wenige Angebote, sie setzen zu wenige/zu viele Regeln… Die Liste an Vorwürfen ließe sich endlos weiterführen.

Eltern-Bashing ist in, Eltern-Bashing ist hip. Und: Eltern-Bashing nervt gewaltig. Denn es ist zwar einfach, Eltern permanent zu kritisieren, gerechtfertigt ist es jedoch meistens nicht – denn wie neuere Studien zeigen, leisten Eltern in der Regel gute Arbeit, so kann beispielsweise der Rückgang an kindbezogener Gewalt als Erziehungsinstrument durch die Eltern als Indiz für eine bedürfnisorientierte Beziehung von Eltern zum Kind gelesen werden. Zwar ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Eltern mitunter komische Dinge tun und zuweilen extrem verunsichert sind, jedoch kommt dieses Chaos nicht von ungefähr, wenn man sich die Rahmenbedingungen heutiger Elternschaft anschaut. 

Off the beaten tracks – Eltern in der Multioptionsgesellschaft

Die meisten derjenigen, die derzeit kleine Kinder haben, gerade schwanger sind oder sich an der Erfüllung ihres Kinderwunschs probieren, gehören einer Generation an, die nicht mehr im engen Korsett gesellschaftlicher Vorgaben steckt, das noch für ihre Eltern und Großeltern galt. Durch vielfältige sozio-ökonomischen Umbrüche, die u.a. durch die (wieder) zunehmende Anerkennung der Berufstätigkeit von Frauen zum Ausdruck kommen, verfügen sie über deutlich mehr Freiheiten das eigene (Familien-)Leben zu gestalten. Ganz anders noch als die eigenen Eltern, die zumeist das traditionelle Familienmodell lebten – Mutter sorgt sich um Haus und Kinder und Vater ums Einkommen, leben viele der heutigen Eltern anders. In der derzeitigen Multioptionsgesellschaft geben sie sich nicht einfach mit dem zufrieden, was die Generation vor ihnen schon immer gemacht hat, sondern hinterfragen viel und begeben sich gerne mal abseits der ausgetretenen Pfade, um eigene und individuelle Lösungen zu finden. Denn das an sie gerichtete große Versprechen der heutigen Welt lautet: Alles ist machbar – mit nur ein bisschen Mut, Zielstrebigkeit und Glück.

Der Preis dieser Gestaltungsfreiheit? Der immense Druck, alle Möglichkeiten zu ergreifen und dabei erfolgreich zu sein. Und dabei wird es verzwickt, denn auch wenn die heutigen Eltern häufig ausgetretene Pfade verlassen (dürfen und können), zeigt sich, dass die alten Erwartungshaltungen an Mütter, Väter und Familie durchaus noch gesellschaftliche Gültigkeit haben und damit für Eltern Leitplanken darstellen, die sie in ihrem täglichen „doing family“ (Jurczyk 2014) nicht ignorieren können. Vier Bereiche, in denen unter anderem solche Leitbilder bestehen, wollen wir im Folgenden aufzeigen.

Supermums and Superdads – überzogene Elternbilder

In den 1950er Jahren definierte sich Mutterschaft über die Zuständigkeit für die drei großen K: Kinder, Küche, Kirche. Der Vater übernahm währenddessen den Job des Haupternährers und des Oberhaupts der Familie: Bis 1958 besaßen Männer das Bestimmungsrecht für Frauen und Kinder, bis 1962 durften Frauen nicht ohne Zustimmung ihres Ehemannes ein Konto eröffnen, Frauen durften bis 1977 nur mit Zustimmung des Ehemannes arbeiten und bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe kein Straftatbestand. Aus heutiger Perspektive unglaublich! Zwar wurde an diesen äußerst einseitigen Elternbildern in den letzten Jahren – glücklicherweise – ordentlich gerüttelt. Dennoch stellt die heutige Dynamisierung der Geschlechterpositionierungen Eltern aber auch vor neue Herausforderungen. Denn: Von Müttern wird finanzielle Unabhängigkeit erwartet. Sie sollen mindestens in Teilzeit, besser noch in Vollzeit erwerbstätig sein (‚working mum‘). Dies mindert jedoch nicht den gesellschaftlichen Anspruch daran, dass Mütter möglichst viel Zeit mit den eigenen Kindern verbringen sollen (‚24/7-Mum‘). Und zwar nicht nur morgens vor dem Wegbringen der Kinder und abends in der kurzen Zeitspanne zwischen Abholen aus der Betreuungseinrichtung und dem Ins-Bett-bringen – denn dann riskieren sie das Etikett der ‚Rabenmütter‘. Das Problem an der Sache: Die Präsenzkultur beider Bereiche. Diese „doppelte Vergesellschaftung“ (Becker-Schmidt 2008) von Frauen in Familie und Beruf ist mittlerweile zur gesellschaftlichen Norm geworden (Thiessen/Villa 2008), wobei sie in Abhängigkeit des Alters des Kindes schwankt und sorgt dafür, dass Mütter immer weniger Zeit für sich selbst haben, weil sie zwischen diesen Bereichen aufgerieben werden, sondern dass sie auch noch von einem schlechten Gewissen geplagt werden, weil sie ständig das Gefühl haben, dass sie einem der Bereiche nicht gerecht werden. Während für Väter weiterhin eine außerordentlich starke Berufsorientierung und teilweise die Erwartung gilt, möglichst viele Überstunden zu machen, existiert seit einigen Jahren jedoch auch die gesellschaftliche normative Handlungserwartung, dass Väter nicht nur die Familienernährer sind, sondern sich auch um ihre Kinder kümmern, sich Zeit nehmen und partnerschaftlich im Haushalt helfen. Der „aktive Vater“ wird in den Medien seit einigen Jahren als ‚Superheld‘ gefeiert – by the way: dies geschieht ungeachtet der Tatsache, dass die Hauptlast des Haushaltes und des Kümmerns um die Kinder weiterhin von den Müttern geleistet wird. Somit sehen sich auch Väter, wenn auch noch nicht in den gleichen Dimensionen wie Mütter, den Anforderungen dieser doppelten Präsenzkultur gegenüber.


Das bisschen Haushalt…

Hinzu kommt noch, dass mit der Geburt eines Kindes vielfach die eigentlichen Vorstellungen des Zusammenlebens auf den Kopf gestellt werden. Viele der bisher sehr partnerschaftlich und gleichberechtigt eingestellten heterosexuellen Paare organisieren sich aus diversen Gründen für das erste Jahr ziemlich traditionell: Die Frauen kümmern sich ausschließlich um die Kinder, während die Männer mehr oder weniger Vollzeit arbeiten. Ausgenommen ist die erste Zeit nach der Geburt, in der viele Väter fast schon standardmäßig einige Wochen Urlaub oder Elternzeit nehmen. Die Kürze der ausschließlichen Familienzeit schadet den Vätern nicht: Viele Personaler*innen in Unternehmen nehmen ausschließlich Frauen mit kurzer Elternzeit als egoistisch und unsympathisch bzw. als „Rabenmutter“ wahr, so Jutta Allmendinger (2017) vom Wissenschaftszentrum Berlin. Männer bekämen für die gleichen Zeitspannen stattdessen Anerkennung von Vorgesetzten und Kolleg*innen. Die sich in der Regel anschließende Arbeitsaufteilung in der Familie führt häufig dazu, dass die so genannte ‚Traditionalisierungsfalle‘ zuschnappt: Beide spezialisieren sich in den Systemen Erwerbsarbeit und Familienarbeit so stark, dass Frauen die Berufsrückkehr und dem Mann die Fürsorgearbeit schwerfällt und vielfach auch Konflikte vorprogrammiert sind. Problematisch sind jedoch nicht nur die paarinternen Traditionalisierungen, sondern auch die traditionellen Vorstellungen, die sich immer noch durch die Strukturen von Arbeitswelt und Sozialsystem ziehen. Auf dem Arbeitsmarkt beispielsweise sind  Geschlechterungleichheiten vorhanden: Noch immer verdienen Frauen auch im gleichen Job weniger als ihre männlichen Kollegen. Wenn Paare sich haushaltsökonomisch entscheiden, wer die Auszeit aus dem Beruf nimmt, dann sind es in der Regel die Frauen, die, weil gering verdienender – zumindest vorübergehend – aussteigen. Das führt häufig dazu, dass die Unzufriedenheit auf beiden Seiten steigt: Mütter sind meist viel länger und viel mehr Hausfrau als sie das eigentlich wollen, oder bekommen zu wenig Aufstiegsmöglichkeiten, Väter tappen in die Vollzeitfalle, obwohl sie es sich statistisch gesehen anders wünschen, und haben noch weniger Zeit für Familie. Viele Paare leben demnach nicht das Modell, das sie sich eigentlich vorgestellt haben: Ein ewiger Streitpunkt, der Partnerschaft zermürben kann – und der viele Frauen im Alter arm macht, da sie deutlich weniger in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen.

Happy Family

Ein weiteres Ideal der modernen Familie ist das des glücklichen (Eltern-)Paares. Die Partnerschaft soll, direkt nach Familienzuwachs, nicht nur glücklich sein, sondern weiterhin folgende Anforderungen erfüllen: Sie soll zugleich Freundschaft und Rückzugsort sein und immer mit Vertrautheit und sexueller Leidenschaft gefüllt sein – ganz egal wie die Umstände (und Nächte mit Kleinkind) sind. Hämische und irritierte Fragen von Nicht-Eltern nach dem Dauerstillen oder dem „Familienbett“, die (angeblich) jegliche sexuelle Zweisamkeit im Keim ersticken, führen nicht selten dazu, dass Eltern das Gefühl haben, einerseits eine stark bedürfnisbezogene Elternschaft zu führen und anderseits nach außen permanent beweisen zu müssen, dass sie sich als Paar nicht verloren haben. Nicht einkalkuliert wird von vielen, dass sich insbesondere in der ersten Phase mit Kleinkind auch die Partner wieder neufinden müssen, wenn sie plötzlich nicht mehr nur ein eingespieltes Paar sind, sondern nun auch als Eltern handeln und ggf. nicht immer am gleichen Strang ziehen. Erst nach der Geburt, wenn die Romantisierung der Elternschaft durch Schlafentzug, Schreiphase und/oder Stillschmerzen und/oder Abpump-Stress überlagert wird, versteht vermutlich die eine oder der andere, warum es Kurse mit dem Titel „Eltern werden – Paar bleiben“ gibt und diese für viele Eltern durchaus sinnvoll sein können.

Nur das Beste! Begleitung der kindlichen Entwicklung

Auch in Bezug auf die kindliche Entwicklung und dem Anteil der Eltern daran, existieren zwei große Ideale. Zum einen gibt es die ‚Bullerbü-Idee‘, bei der Kinder ganz frei, wild und möglichst ohne Leistungsdruck groß werden können. Zum anderen gibt es das Leitbild der Entwicklungsförderung: Kinder sollen in ihrer Entwicklung optimal gefördert und begleitet werden, um keine Entwicklungseinschränkungen in Kauf zu nehmen. Was das konkret bedeutet, bleibt jedoch in der Regel sehr vage und beschäftigt letztendlich viele Eltern (und mittlerweile auch Großeltern). Vielfach unterscheidet es sich auch je nach Elterngruppen und -milieus. Wir alle kennen diese Fragen und haben uns die ein oder andere als (werdende) Eltern bestimmt schon einmal gestellt: Sollte ich mit meinem Baby direkt mit sechs Monaten einen Pekip-Kurs besuchen? Braucht mein Kind musikalische Früherziehung? Sollte ich mein Baby zum Einschlafen schreien lassen? Sollten meine Kinder zum Babyschwimmen und später zum Kinderturnen, Reiten, Yoga etc. gehen, oder ist das nicht wichtig? Verhätschel ich mein Kind mit ‚feeding on demand‘? Sollte man einen Kindergarten wählen, der bereits englische Angebote integriert oder zumindest einen besseren Personalschlüssel hat? Oder ist eine integrative Kita die bessere Option? Und: Ernähre ich, bzw. die Kita mein Kind ausreichend gesund und vollwertig? Gleichzeitig haben wir alle innerlich auch schon mal die Augen verdreht, wenn uns andere Eltern von der Fülle an Kursen berichten, die ihr Kind besucht und sie die vielfältigen Erziehungsideen (und -ideologien), an denen sie sich orientieren, erklären. Dieses aufs Kind bezogene „impression management“ (Goffman 1959) nervt, auch unter Eltern. Und deutlich wird: Egal wie man sich entscheidet, der Druck wird nicht weniger. Denn andere machen es anders und das könnte vielleicht besser sein. Die gesellschaftlichen Leitbilder erzeugen Druck, aber die ‚ernsten Spiele des Wettbewerbs‘ (Bourdieu 1997) mit anderen ebenfalls. Denn auch wenn wir innerlich die Augen verdrehen, kommen wir natürlich trotzdem ins Grübeln, ob wir es nicht genauso machen sollten. Diese Verunsicherungen werden darüber hinaus durch die massive ‚Verwissenschaftlichung‘ von Elternschaft unterstützt. Unmengen an pädagogischem, psychologischem und medizinischem Wissen wird permanent – für den Hausgebrauch – in Form von Ratgebern aufbereitet und suggeriert Eltern lautstark und plakativ, dass es notwendig ist, dieses zu lesen, wenn sie alles richtig machen möchte. ‚Gute‘ Elternschaft bedeutet dann, sich zu informieren und zu lernen. Genau dies zu tun, kann aber gleichzeitig wieder gegen Eltern verwendet werden, da sie dann zu „verkopft“ handeln und sich nicht auf ihr Bauchgefühl verlassen.

Vom (Optimierungs-)Druck..

Aus diesen vielfältigen, normativen und in sich widersprüchlichen Leitbildern und Idealen von Elternschaft entsteht für Eltern eine permanente Zerrissenheit. Denn vor lauter Sorge, abgehängt zu werden und nicht genug für ihr Kind zu tun, versuchen sie sich an der sprichwörtlichen Quadratur des Kreises und bemühen sich, möglichst vielen Ansprüchen gerecht zu werden. Da dies nicht funktionieren kann, scheitern heutige Eltern permanent an eigenen und fremden Ansprüchen, bzw. sind ständig vom Scheitern bedroht. In ihrem Streben tragen sie sicherlich unbewusst manchmal zu den normativen (Optimierungs-)Ansprüchen bei, deren Urheber*innen sind sie jedoch nicht. Eltern-Bashing nervt also nicht nur, sondern ist auch ungerecht: Eltern versuchen nur – auf die ihnen jeweils ganz eigene und häufig auch  milieuspezifische Art das Beste für ihr Kind zu erreichen. Manchmal schießen sie dabei etwas übers Ziel hinaus – dramatisch ist das aber nicht.

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