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Junge Eltern: Von Müdigkeits-Sex, Popeln und der ungeduschten Wahrheit

Evelyn Holst und York Pijahn sind beide als Journalisten und Buchautoren tätig und beschäftigen sich seit Jahren mit Beziehungs- und Psychologiefragen. In ihrem gemeinsamen Buch haben sie die Unterschiede zwischen Männern und Frauen genau unter die Lupe genommen.

 

Frischgebackene Eltern und Sex

Kurz nach der Geburt eines Kindes ist das Liebesleben mancher Paare nicht mehr so abenteuerlich und leidenschaftlich wie am Anfang der Beziehung. Alles dreht sich nur noch um das Neugeborene und der Schlaf kommt, vor allem in der ersten gemeinsamen Zeit mit dem Baby, viel zu kurz. Das Resultat ist dann nicht nur ständige Müdigkeit, sondern auch sexuelle Lustlosigkeit. Männer und Frauen ticken dabei jedoch sehr verschieden. Während viele Männer Sex als etwas ansehen, das sie vom Stress befreit, müssen Frauen entspannt sein, um überhaupt Lust auf Sex zu bekommen. Das behaupten zumindest Evelyn Holst und York Pijahn in ihrem Buch „Oh Boy, Oh Girl!”, das sich mit Geschlechterfragen vom Sandkastenalter, bis hin zum gemeinsamen Leben im Altersheim beschäftigt. Wir veröffentlichen einen Auszug: 

Windelwahnsinn – Wo ist der Sex nur hin?

Er sagt: Ich wende mich hier an alle Leser, die viel Zeit mit dem Anschauen von Pornofilmen verbringen. Ich hätte da eine Idee für Sie. Und zwar würde ich gern ein eigenes Pornogenre ins Leben rufen, den Müdigkeits-Sex. Ich glaube, man müsste das etwas riffiger als Sleepy Fuck oder Gähnverkehr verkaufen, dann wird das der Burner. Es werden darin unheimlich müde Paare gezeigt, die lustlos miteinander schlafen, die Paare sehen durchweg richtig mies und beige aus. Sie haben diese postkoitale Schlappheit, allerdings schon vor dem Sex. Und es gibt Dialoge wie diese hier: „Sag mal, hast du die Haustür abgeschlossen?” – „Ich weiß nicht, ich fühle mich unheimlich dick, geht dir das auch so?” – „Wäre es okay, wenn ich das Licht ausmache?” – „Hast du beim Einkaufen an die Spülschwämme gedacht?” – „In der Kita haben sie Masern, hattest du eigentlich Masern?” – „Pauls Kacka hat heute komisch gerochen, kommt das vom Lachs? Vielleicht ist das wie Spargelpippi nur als Kacka?” – „Heute nicht umdrehen, nur ein bisschen Schwuckel-Schwuckel, okay?” Ich stelle mir vor, wie sich müde, unausgeschlafene Eltern abends Gähnsexvideos anschauen und sich die Stimmung sofort heben würde. „Guck mal, was die können, schaffen wir doch auch noch. Ist nicht gerade das Feuerwerk von früher, aber ich denke, das ist machbar, oder?” Doch warum haben junge Paare nach der Geburt eines Kindes so wenig Sex? Also, das hat folgende Gründe: 

1. Enthemmung 

Durch die Geburt eines Kindes legen beide Partner jegliche Zurückhaltung ab, die vorher einen Teil ihrer Anziehung ausgemacht hat. Man putzt Kindernasen und bestaunt die dicken Popel, isst Hühnerbrustfilets, die das Kind erst lange gekaut und dann lustlos auf den Wickie-Teller gespuckt hat, einfach selbst, badet mit Kindern, die einem, während sie das Schaumbad umrühren, gestehen, sie müssten mal dringend pillern. Man beginnt das Wochenende ungeduscht, beendet es auch so, entscheidet sich immer öfter gegen Haargel und für eine Mütze, man leiert aus. Meine Freundin hat das mal mit dem Satz zusammengefasst: „Ich sehe aus wie der komische Bruder von jemandem.” 

2. Verkumpelung 

Die Menge der Aufgaben, die plötzlich vom Paar zu erledigen sind, explodiert. Eben war man noch der sexy Partner, der morgens nach dem Aufstehen Sit-ups gemacht hat, um sich dann beim Brötchenholen mit Blumen und dem Versprechen eines langen Nachmittags am Badesee das eigene Hallodritum zu beweisen. Jetzt geht es plötzlich darum, wer den Mottogeburtstag organisiert, das Altpapier wegbringt, den Kitagutschein besorgt. In Westfalen nennt man diesen Zustand: Man ist nur noch am Machen. Und so vollendet sich die Wandlung vom Sexpartner in eine Art WG- Kumpel, der in absurden Momenten vorschlägt, Sex zu haben. 

3. Müdigkeit 

Da Kinder ja wenig bis nie schlafen, bewegt man sich nach einem halben Jahr wie ein Astronaut über die Oberfläche des Mondes, einen vollen Windeleimer unterm Arm. Wenn man dann um 21 Uhr ins Bett geht und sich auf dreimal unterbrochenen Nachtschlaf bis 5 Uhr freut, ist die Frage, ob man jetzt Sex haben will, vor allem eine Frage der Abwägung. Um es in den Worten meiner Freundin zu sagen, die genau wie ich das debile Vokabular unseres Sohnes angenommen hat: „Lieber Schlafi-Schlafi als Bummsi-Bummsi.” Sie merken schon, wie hier auf jede Art von Zwischenton verzichtet wird. Sind Männer und Frauen unterschiedlich, was dieses Themenfeld betrifft? Sie sind es. Als Mann ist „Sex, obwohl man Stress hat oder müde ist” ein schräger Satz. Denn was hat „obwohl” in diesem Satz zu suchen? Man hat Stress, dann hat man Sex, dann hat man keinen Stress mehr. Oder man ist müde, dann hat man Sex, dann ist man noch müder, aber eben postsexmüde. Frauen, so das Ergebnis einer nicht repräsentativen Umfrage unter fünf Damen aus dem Freundeskreis, müssen für Sex entspannt sein, und das sind die ersten Jahre mit Kind ja nun überhaupt nicht.

All das führt bei Männern zu einer unterschwelligen Bockigkeit. Denn wenn man etwas erbsenzählerisch die Veränderungen im eigenen Leben seit der Geburt aufschreibt, fällt einem auf, dass man eine bis dato spektakuläre erotische Beziehung gegen ein sexloses Leben im Astronautenanzug getauscht hat. Klar, man hat jetzt ein Kind, aber – hier das Ergebnis einer nicht repräsentativen Umfrage unter fünf Herren aus meinem Freundeskreis – aber dieses Kind macht am Anfang mehr Ärger als Freude und hat einem vor allem die Frau weggenommen. Die Lösung ist vermutlich das, was mein Kumpel Felix „sexuelle Abrüstung” nennt, also weniger komplizierter Sex, Felix nennt das „Kumpelbumsen”, was ich etwas eklig finde, aber vielleicht den Kern der Sache ganz gut trifft, weil man plötzlich mit dem Menschen Sex hat, mit dem man jeden Tag Seite an Seite in die Schlacht des Alltags zieht. Aus welcher man dann abends müde zurückkehrt, für eine Runde Gähnverkehr. „Du musst aber auch schreiben, dass das nach der Anfangszeit wieder besser wird, das ist ja sonst einfach nur ätzend!” Das ist meine Freundin, die mir beim Schreiben manchmal über die Schulter guckt. Wie meistens hat sie recht. Denn es kommt der Tag, an dem das Kind pennt oder bei Oma übernachtet, und einer sagt: „Wir könnten uns ja ein bisschen hinlegen?” Und das fühlt sich dann wild und verboten an. Und man denkt: Oh. Und Wow. Und: Wahnsinn, ist das lange her. Und dann ist tatsächlich kurz alles wie früher. Und man sagt danach, glücklich wie ein entkommener Bankräuber: „Das sollten wir öfter machen.” Und von der anderen Seite des Bettes antwortet eine müde Stimme: „Ja … ich dich auch.”

Evelyn Holst und York Pijahn: Oh Boy, oh Girl!: Eine Gebrauchsanleitung für Männer und Frauen, August 2016, 254 Seiten, 12,99 Euro (Goldmann Verlag)

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