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Pflegezeit

und was ich dabei lerne

 

Die Coaches und Lebensberater haben schnell lockere Sprüche parat: Lebe wild und unersättlich, lebe im Hier und Jetzt. Dabei ist das gar nicht so einfach. Oft
warten wir ab mit “dem richtigen Leben”, bis wir endlich wieder in
Kleidergröße 38 passen, bis wir endlich wieder einen Partner gefunden
haben, bis endlich mal wieder die Sonne scheint, bis endlich der Pickel
abgeheilt ist, usw.

Wie kurz das Leben ist und wie unvermittelt dann doch das Ende kommt, erlebte ich mit Mutters Demenz-Erkrankung. Heute noch die fitte Seniorin, die in den Alpen die höchsten Gipfel erklimmt, doch bald schon so verwirrt, dass die gesagten Worte schon vergessen sind, nachdem sie den Mund verlassen haben.

Meine Mutter erlebte mit den Jahres des Wirtschaftswunder, dass es immer bergauf geht. Trotz vieler Entbeerungen gab es viele Erfolge und an ein Ende dieses Aufwärtstrends hat sie nie gedacht. Doch dann die Diagnose Demenz. Die Gedächtnisleistung nimmt stark ab, die Freude ziehen sich zurück und schnell ist man nicht mehr gesellschaftsfähig.

Für mich als Tochter sind die
regelmäßigen Besuche und das Kümmern sehr anstrengend. Andererseits – ich lerne jedes Mal auch
wieder etwas für mich.

Zunächst die Entschleunigung. Wie angenehm ist das Leben im Alter. Warum leben wir nicht jetzt schon so beruhigt und soviel aufmerksamer und bedächtiger. Jeder Schritt ist bewusst, im Rhythmus meines Atems und dabei spüre ich wie meine Füße fest auf der Erde stehen.

Die Welt dreht sich weiter – und
ich habe dabei alle Zeit der Welt. Alles ist möglich. Was
zählt ist das Hier und Jetzt. Nichts anderes. Schmeckt der Saft, duftet der Kaffee, mundet der Kuchen. Drückt der
Schuh. Leuchtet die Blume. Scheint die Sonne oder regnet es. Macht der Film Spaß oder nicht. Ist der Witz lustig oder nicht.

Früher haben wir in Gesprächen gerne mal über den letzten
Restaurantbesuch oder den letzten Sommer gesprochen, doch mit der Demenz
verschwindet die Erinnerung. Andererseits, über zukünftige Termine und
Veranstaltungen zu sprechen, macht auch keinen Sinn, denn das Gesagte
gerät direkt in Vergessenheit. Was zählt ist das Hier und Jetzt.

Genauso für mich.
Plötzlich wird es noch einmal greifbarer, was es bedeutet, den Moment zu genießen. Ja, er könnte für immer vorbei sein. Er könnte für immer vergessen sein.

So
anstrengend die Besuche im Seniorenparadies für mich sind, so
dankbar bin ich für diese Lehre. Auf Neudeutsch nennt man das heute Achtsamkeitstraining. Ja, so etwas in der Art ist das. Man schaut nur auf den Moment. Egal ob die Frisur sitzt oder was Morgen ist.

Lebe! Jetzt und sofort.

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