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Ständige Erreichbarkeit stresst und belastet uns – was wir dagegen tun sollten

Wer schafft es schon, für längere Zeit seine Nachrichten nicht zu checken? Wäre aber besser. Ein Plädoyer für einen klugen Umgang mit dem Thema Dauererreichbarkeit.

 

Dauerstress durch ständige Erreichbarkeit

Kathrin Saheb ist Inhaberin des Beratungsunternehmens Saheb Consulting. Sie ist spezialisiert auf Training und Coaching zu Lean Management und Veränderungsprozessen. Für unseren Partner Capital schreibt sie über den Stress, dem wir durch ständige Erreichbarkeit ausgesetzt sind.

Unbestritten verschaffen uns die neuen Kommunikationsmöglichkeiten einen Zuwachs an Eigenverantwortung  und Flexibilität. Es stellt sich aber die Frage, ob wir dafür nicht einen sehr hohen Preis bezahlen. Laut Krankenkassen ist die Zahl von Krankschreibungen aufgrund eines Burnout-Syndroms in den letzten Jahren um das 8-Fache gestiegen. Die Zusammenhänge sind zwar noch nicht ganz geklärt, aber sicher ist, dass Zeiten der Ruhe und des Leerlaufes notwendig sind zur Regeneration und zum Erhalt der physischen und psychischen Gesundheit. Auch neue Ideen und Geistesblitze entstehen oft in Momenten des Nichtstuns, man denke beispielsweise an die Erfindungen der Gravitationstheorie durch Isaac Newton beim Spaziergang in seinem Obstgarten. Und je mehr Reize das Gehirn verarbeiten muss, desto schwerer fällt es, konzentriert zu bleiben und sich in eine Aufgabe zu vertiefen – was uns die Hirnforschung in den letzten Jahren immer eindrucksvoller beweist.

Natürlich ist heutzutage fast jedes Unternehmen darauf angewiesen, dass Mitarbeiter auch außerhalb von Kernarbeitszeiten für Kunden oder Geschäftspartner erreichbar sind. Aber wie so oft entscheidet die Dosis über giftig oder gesund und wenn es gelingt, die ständige Erreichbarkeit auf ein gesundes Maß zu begrenzen, muss mit Einbußen an Kreativität und Produktivität gerechnet werden. Nicht ohne Grund werden einige Unternehmen bereits aktiv und schalten beispielsweise E-Mail-Server nach Feierabend ab oder lassen E-Mails während Urlaubszeiten löschen. Fraglich ist aber, ob durch den zeitweiligen Stopp des E-Mail-Verkehrs das Problem wirklich gelöst wird. Es hilft nicht viel, wenn man zwar nachts keine Mails bekommt, aber dafür am nächsten Morgen wieder das Postfach überquillt. Immer mehr Personaler berichten inzwischen auch davon, dass Mitarbeiter im Bedarfsfall dann ihre privaten E-Mail-Accounts am Feierabend nutzen.

Echte Auszeiten gönnt man sich kaum noch

Der Stress durch Dauerreichbarkeit hat mehrere Ursachen. Einmal sind da unsere individuellen Verhaltensmuster. Nicht nur im Beruf, sondern auch oft noch in der Freizeit dominieren Smartphones mit E-Mail, Facebook, Twitter den Tagesablauf. Echte Auszeiten gönnt man sich kaum noch und wer schafft es schon, mal längere Zeiten keine Nachrichten abzurufen? Hinzu kommt die Situation am Arbeitsplatz. Wenn dort Dauererreichbarkeit der Stressfaktor ist, hilft ein persönlich bewussterer Umgang und das Erlernen von Entspannungstechniken wenig. Hier sind die Unternehmen gefordert im Rahmen ihrer Fürsorgepflicht die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass die Dauererreichbarkeit nicht zur Belastung wird. Übrigens denkt bereits die Politik über ein sogenanntes Antistressgesetz nach und lässt derzeit prüfen, ob des dazu konkrete Belastungsgrenzen geben könnte.

Es wird deshalb jedem Unternehmen dringend empfohlen, sich mit dem Thema zu befassen und  zu überprüfen, ob eine Belastung durch Dauererreichbarkeit vorliegt – und das, bevor man Maßnahmen nach dem Gießkannenprinzip umsetzt. Sicherlich ist es auch manchmal schwierig, die Grenze zu ziehen zwischen der Überlastung aufgrund der realen Arbeitsbedingungen und einem unter Umständen problematischen persönlichen Umgang bei der Einhaltung von Pausen und Auszeiten.

Wenn es eine erkennbare Belastung gibt, sollten im nächsten Schritt die Ursachen analysiert werden. Diese sind von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich und können auch innerhalb des Unternehmens variieren. Meistens sind es bestimmte Mitarbeitergruppen, die besonders stark betroffen sind. Erst wenn die Ursachen geklärt sind, können Maßnahmen für eine nachhaltige Lösung entwickelt werden. Dabei sollten dann auch strategische Aspekte mitberücksichtigt und die Frage geklärt werden, welche Form der Erreichbarkeit für die Realisierung der Unternehmensziele notwendig ist. Auf dieser Basis kann dann ein Konzept erstellt werden, in dem die Rahmenbedingungen für die Erreichbarkeit ausgearbeitet und verbindlich festgelegt werden.

Der Erreichbarkeitscheck zeigt hierzu die systematische und strukturierte Vorgehensweise:

Systematisch Vorgehen mit den ErreichbarkeitscheckSystematisch Vorgehen mit den Erreichbarkeitscheck

Das Ergebnis des Erreichbarkeitschecks sind Transparenz sowie eindeutige Festlegungen, welche Mitarbeiter wann und in welchem Umfang erreichbar sein müssen. Eines ist gewiss: Nicht die gelegentliche Erreichbarkeit außerhalb fester Arbeitszeiten verursacht Stress und schadet der Gesundheit, sondern die fehlenden Regeln und Organisation dieser Erreichbarkeit. Viele Berufe mit Bereitschaftsdiensten kann man auch jahrzehntelang ausüben ohne Schaden zu nehmen, weil diese Erreichbarkeit sinnvoll und transparent organisiert ist.

Störungen lassen Produktivität sinken

Eine Variante ist die ständige Erreichbarkeit während der normalen Arbeitszeit.Viele Angestellte kommen aufgrund ständiger Störungen, Rückfragen und sonstiger Unterbrechungen kaum noch zum konzentrierten Arbeiten. Dadurch sinkt die Arbeitsleistung erheblich mehr als beispielsweise durch den Konsum von Marihuana – das haben Wissenschaftler am Londoner King’s College eindrücklich bewiesen. Und auch die Wissenschaftlerin Gloria Mark hat empirisch erhoben, dass es im Schnitt 24 Minuten dauert, bis man nach einer Unterbrechung wieder dort anfängt zu arbeiten, wo man aufgehört hat.

Wenn man sich diese Erkenntnisse vor Augen hält, bekommt man eine Ahnung, wieviel Arbeitsleistung und Produktivität täglich in den Unternehmen durch Störungen und Unterbrechungen verloren gehen.  Aber hier können die Unternehmen gegensteuern, indem Sie ihre Prozesse verbessern und verschwendungsfrei gestalten. Eine derartige Organisationsoptimierung ist sicherlich nicht trivial, führt aber insgesamt zu einer Steigerung der Leistungs- uns Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens.

Fazit: Kaum ein Unternehmen wird es sich in Zukunft leisten können, die negativen Folgen der Dauerreichbarkeit zu ignorieren. Dazu reicht es nicht aus, den E-Mail-Verkehr zeitweise zu unterbinden. Nachhaltige Lösungen setzen voraus, dass man sich mit den eigentlichen Ursachen für die Dauererreichbarkeit auseinandersetzt, die oft in den organisatorischen Rahmenbedingungen zu finden sind.

HINWEIS: Die Veröffentlichung des Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Capital – das Online-Portal des Wirtschaftsmagazins Capital mit Reportagen, Analysen, Kommentaren aus der Welt der Wirtschaft und der persönlichen Finanzen.

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