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Superhype Feminismus – Aus Globalem Blickwinkel

Es läuft in Sachen Feminismus, könnte man meinen. Doch leider nur aus westlicher Sicht.

 

Die Medien geprägt von Gleichberechtigungsdebatten, sexualisierte Gewalt scheint ein omnipräsentes Thema, der feministische Diskurs auf Höchsttouren – ja, es liegt Veränderung in der Luft. #me too und Co haben uns geprägt. Es scheint zu laufen, könnte man meinen.
Leider nein. Denn was wir derzeit beobachten können, ist gleichzeitig auch ein Höchstmaß an kapitalistischen Ausschweifungen.

And Ain´t I A Woman?

Sich als Feminist*in zu bezeichnen, das ist mittlerweile wieder en vogue.
Ein Bestseller nach dem Anderen dreht sich um diese Thematik, Dior verkauft für 600 Dollar „we should all be feminists“-Shirts, in den Talkshows dominieren starke, feministische Frauen die Gespräche und werden ernst genommen. Feminismus ist in der breiten Masse beinahe Selbstverständlichkeit geworden. Was genau eine solche Positionierung beeinhaltet unterscheidet sich, aber das der Feminismus eine gute Sache ist, da ist man sich einig.
In erster Linie geht es darum, Gleichheit als gerecht zu empfinden. Und natürlich Gerechtigkeit als etwas Erstrebenswertes. Wie sehr Einzelne wirklich die Komplexität der Problematik durchstiegen haben bleibt dabei vorerst irrelevant. Fakt ist, der Weg zur egalitären Gesellschaft, zur Utopie der Feminist*innen, einer Gesellschaft ohne jegliche Kategorisierungen, scheint immer mehr geebnet zu werden. Es ist lange her, dass der Feminismus eine so weitreichende Aufmerksamkeit erhalten hat. Wo liegt also das Problem?

Die neue feministische Cyber-Bewegung, ausgelöst durch öffentliche Debatten wie #metoo beschränkt sich größtenteils auf eine bestimmte Gruppe Menschen: Westliche, heterosexuelle Frauen.
So sehr einen die bisherigen Entwicklungen erfreuen dürfen, so kritisch sollten diese auch betrachtet werden. Denn eine sehr großer Anteil der Betroffenen wurde dabei ausgelassen.

Die weiße, europäische, heterosexuelle Frau stellt eine nach wie vor diskriminierte Minderheit dar, keine Frage. Aber wie es schon Sojourner Truth vor fast zwei Jahrhunderten tat, könnten auch heute zahlreiche Menschen sinnbildlich fragen: „And ain´t I a woman?“
Angefangen mit den schwierigen Machtverhältnissen in Hollywood, hat sich #metoo erst auf die allgemeine Medienbranche ausgeweitet und sich dann zu einer allgemeinen Plattform für Frauen mit Diskriminierungserfahrung gewandelt. Weiter ging es jedoch nur spärlich.

Es geht um Frauen weltweit, Women of Color, homosexuelle Frauen, trans-Frauen, Frauen ohne Zugang zu Internet, Frauen, die in Gesellschaften leben, die von viel primitiveren Sexismen dominiert werden, die in diesen Diskurs nicht mit eingebunden werden.
Vor wenigen Wochen, lange nachdem man hierzulande das einjährige Jubikäum von #metoo zelebrierte, wurde die Debatte das erste Mal in den indischen Medien thematisiert. Davor ging der Hashtag kaum über die westlichen Grenzen hinaus.
Doppelminderheiten sind immer auch Doppeldiskriminierungen ausgesetzt. Und sind dadurch, in diesem feministischen Diskurs, beinahe völlig untergegangen. 

Kapitalistischer Sexismus

Was gerade passiert ist wichtig und gut. Aber nicht genug.
Das hier ist kein whataboutism. Sondern ein Aufruf dazu, intersektionale Minderheiten stärker mit einzubeziehen. Die Frauenquote hat der Durchschnittsfrau aus der Mittelschicht, die nie in einer Führungsposition arbeiten wird, nichts gebracht, #metoo hat die südliche Hemisphäre nie erreicht.
Das bedeutet nicht, das solche Instrumente nicht gut und wichtig sind. Sie sind aber eben nicht genug.

Die meisten FeministInnen haben den Kapitalismus richtig als einen der Mitgründe für die andauernden unfairen Verhältnisse herausgestellt, als einen der Ursprünge für Rassismus und Sexismus. Ein System, das zu Egoismus und Gier erzieht, hält die Unterdrückten unten, wo es Gewinner*innen gibt, mus es auch Verlierer*innen geben. Feminismus und Kapitalismuskritik gehen also Hand in Hand, in der Regel ist das allgemeiner Konsens.
Aber sind wir nicht Teil des Problems, wenn eine ganze feministische Welle nur den Bevorteilten dieses Wirtschaftssystems zu Gute kommt?

Feminismus im Kontext des globalen Wandels

Die Welt steht derzeit auf der Kippe. Soziale Disparitäten weiten sich, der Klimawandel droht, der Menschheit Henker zu werden und die gesellschaftliche Mitte rutscht weltweit nach rechts.
Kurz, der Kapitalismus zeigt sein lang geahntes Ausmaß.

Doch in einer Hinsicht scheint sich etwas zu bewegen. Die Frauenbewegung blüht neu auf.
Ein Grund zur Freude. Doch eben auch zur Obacht!
Wenn der Fokus so einseitig bleibt wie bisher, bewegt sie sich nicht außerhalb der Schranken kapitalistischer Systeme und unterstützt diese dadurch. So ist er quasi wieder Teil des Problems.

Wenn ich eine Frau sagen höre, sie brauche den Feminismus nicht, denn sie habe einen guten Job und keine Probleme, dann ist das ein bisschen so, als würde ein Mensch mit dunkler Haut, der in einem toleranten Umfeld lebt sagen, er*sie habe kein Problem mit Rassismus, denn ihn*sie betreffe es ja nicht. Sich nicht klar gegen Rassismus zu positionieren ist schlimm, richtig schlimm.
Das sehen alle so, auch Menschen mit weißer Haut. Bei anderen Diskriminierungsformen sollte das nicht anders sein.
Abgesehen davon, dass ich mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, dass jede Frau und auch jeder Mann noch immer in irgendeiner Form von sexistischen Strukturen und Machtverhältnissen betroffen ist, ob bewusst oder nicht, sollte Solidarität das Stichwort sein. Solange wir wissen, dass es noch Menschen auf der Welt gibt die unter dem Patriachat leiden oder stärker darunter leiden als wir, ist der Kampf nicht beendet.
Wir können uns nicht freuen wie toll es läuft mit dem Feminismus und wie medial präsent die Thematik ist, wenn es weiterhin Menschen auf der Welt gibt, an denen all die Befreiungskämpfe bisher komplett vorbeigegangen sind und an deren prekärer Situation sich nach wie vor nichts geändert hat.
Eine Bewegung die gegen Ausgrenzung kämpft, ist wenig authentisch, wenn sie selbst die Bedürfnisse bolivianischer Frauen, trans-Menschen oder nicht heteronormative Frauen ignoriert.
In Zeiten der Globalisierung, in denen die Welt ökonomisch und kuturell zusammenwächst, ist es leichter denn je sich mit anderen Menschen an anderen Orten, in anderen Situationen zu verbinden und sich gegenseitig zu unterstützen.

Also, an alle Kämpfer*innen da draußen: Feminismus geht nur konsequent!

Gegen Ausgrenzung zu sein, heißt im Umkehrschluss auch zu versuchen alle mit einzubeziehen. Und feministisch zu sein muss immer auch bedeuten anti-rassistisch, gegen Homophobie zu sein zu sein, sich gegen jede Form der Diskriminierung zu stellen.
Es ist wichtig, alle Betroffenen zu erreichen und ihre Problematiken mit einzubeziehen. Denn nationale Emanzipation ist ausgrenzend und bringt im größeren Kontext absolut gar nichts.

 

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