Foto: Kimi Palme portraits

Thelma Buabeng: „Es sind viele Dinge nicht so passiert, wie ich mir das vorgestellt habe“

Kund*in
Netflix
Autor*in
EDITION F studio
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Schwanger mit 26, ein fester Partner an ihrer Seite, ein reibungsloser Start ins Schauspielerinnen-Leben. Thelma Buabeng hatte als Jugendliche klare Vorstellungen, wie ihr Leben mit Ende 20 auszusehen hat. Sie lässt uns teilhaben an ihrem Prozess des Loslassens von alten Ideen hin zu einer Realität, die nicht weniger spannend ist.

Sich auf neue Lebensentwürfe einzulassen, das ist leichter gesagt als getan. Auch für Alice und Niklas aus dem neuen Netflix Film „Was wir wollten“ (gespielt von Lavinia Wilson und Elyas M’Barek), deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Wir alle kommen aus den unterschiedlichsten Gründen immer wieder an den Punkt, an dem das Loslassen notwendig ist, um den nächsten Schritt zu tun.

Auch die Schauspielerin Thelma Buabeng musste in ihrem Leben immer wieder „loslassen“, um ihren eigenen Weg zu finden:

„Wenn ich den Fernseher anmache, dann sehe ich niemanden, der so aussieht wie du.“ Den Satz habe ich von meiner Mutter zu hören bekommen, als ich ihr mit 16 von dem Schauspiel-Workshop erzählt habe, an dem ich unbedingt teilnehmen wollte. Meine Mutter hatte immer Angst, dass ich in der Schauspielbranche nicht bestehen kann. Und damals war das wirklich noch so: Schwarze hat man im deutschen Fernsehprogramm kaum gesehen. Zum anderen hätten sich meine Eltern natürlich gewünscht, dass ich Anwältin oder Ärztin werde – einen Job ausübe mit etwas mehr Sicherheit. Das war definitiv das erste Mal, dass ich mich durchsetzen und selbstbestimmt agieren musste. Ich wollte das unbedingt machen.

Im Nachhinein eine bedeutende Entscheidung, denn nach dem Workshop war ich ,hooked‘ und wollte unbedingt Schauspielerin werden. Allerdings habe ich mich, eben wegen mangelnder Diversität im deutschen TV, nicht getraut, direkt auf eine Schauspielschule zu gehen. Nach ein paar Ausflügen zu Viva, in die Musikbranche und ins Medienmarketing habe ich es mit 24 doch gewagt. Ehrlicherweise bin ich im Nachhinein ganz froh, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr so jung und dafür stark genug war, um nicht Gefahr zu laufen, gebrochen und neu zusammengesetzt zu werden – das, was damals auf Schauspielschulen üblich war. Doch auch während der Ausbildung wurde mir immer wieder vor Augen geführt, dass es für mich am Theater und im Fernsehen schwierig werden könnte. Was würde ich denn da spielen wollen? Schließlich würde auch Othello schwarz angemalt werden. Ich solle es doch mehr in Richtung Film versuchen.

Angst davor, wie alles weitergeht

Natürlich hat mir diese Konfrontation mit der Realität Angst gemacht. Es ist sowieso für jeden Menschen schwierig, Schauspieler*in zu werden, weil es einfach ein harter Beruf ist. Dass ich dazu noch eine schwarze Frau bin, hat das Ganze natürlich nicht einfacher gemacht. Dazu kam, dass ich auf einer privaten Schule war und teilweise fünf Jobs nebenbei gemacht habe, um irgendwie meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich hatte Angst vor Rechnungen, davor, meinen Strom nicht bezahlen können und ich hatte auch Tage, an denen ich in Embryostellung im Bett lag und nur geheult habe. Jede*r hat ein Superheld*innenkostüm, das man nach außen trägt, und trotzdem auch die eigene Realität, in der alles ganz normal und manchmal auch total scheiße ist.

Ich habe immer gedacht, dass ich das erste Mal mit 26 oder 27 schwanger bin. Die Idee im Kopf, eine junge Mutter sein, fand ich immer cool. Und natürlich war ich in meiner Vorstellung in dem Alter schon längst in der Branche tätig und habe genug verdient, dass ich davon leben kann. Aber das war natürlich mit 26 überhaupt nicht so. Da war ich noch mitten in der Ausbildung, hatte Jobs im Kiosk, im Fitnessstudio, in einer Bar, habe Babysitting angeboten und Flyer verteilt. An Familie und Festigkeit im Leben war nicht zu denken.

Wenn dir nichts anderes angeboten wird, was willst du machen?

In meinen ersten Jobs haben sich all diese Klischees, vor denen ich gewarnt worden war, bewahrheitet. In meiner ersten Rolle in der Lindenstraße habe ich eine aidskranke Nigerianerin gespielt, danach kamen Sklavin, Refugee, Prostituierte. Klar war mir das bewusst. Aber so ein bisschen hat sich dann bei mir auch das Motto „von der Tellerwäscherin zur Millionärin“ eingestellt. Letztlich hatte ich keine andere Wahl. Ich habe immer gedacht: Wenn ich das nicht spiele, habe ich nichts in meiner Vita stehen. Und wenn da nichts steht, habe ich auch kein Material für mein Showreel. Und wenn ich das nicht habe, dann sieht mich kein*e Caster*in und ich werde definitiv nicht besetzt. Wenn dir in deiner Figur, mit deiner Hautfarbe, mit dem, was du mitbringst, nichts anderes angeboten wird als all die Klischees – was willst du machen? Und trotzdem habe ich immer meinen Mund aufgemacht und nach dem Dreh zu den Caster*innen und Autor*innen gesagt: So, ihr habt mich ja jetzt kennengelernt, ich spreche perfekt deutsch, also, wenn ihr mal was schreibt, wo es nicht explizit um meine Hautfarbe geht, wäre es supercool, wenn ihr auch mal in dem Kontext an mich oder meine Kolleg*innen denkt.
Glücklicherweise ändert sich in der Hinsicht ja gerade total viel: Die Werbung wird diverser, du siehst viel mehr Schwarze auf Plakaten oder im Fernsehen. Mittlerweile traut sich kein*e Caster*in mehr, mich für Rollen anzufragen, in denen meine Hautfarbe explizit thematisiert wird. Was in meinen Augen auch wieder keine langfristige Lösung ist. Natürlich spiele ich auch andere Rollen, solange es eine Rolle ist, die eine Geschichte erzählt.

Jeder Mensch ist Teil des Ganzen

Schon immer habe ich versucht, reflektiert zu sein. Ich hatte früher bereits das Bild im Kopf, wie ich auf einem Dach stehe und nach unten schaue auf eine Menge, also uns Menschen, aber mich selbst auch als Teil dieser Menge sehe. Die Verbindung zwischen dir dort oben auf dem Dach und dir als Teil dieser Menge ist letztendlich das, was uns zusammenbringt. Zu begreifen, dass man Teil des Ganzen ist und sich zugleich als Individuum mit all seinen Macken und Fehlern akzeptieren muss.

Und das bedeutet auch Loslassen für mich: Zu sich zu stehen und sich zu lieben, das ist das Allerwichtigste. Im Nachhinein hätte ich das gerne früher für mich realisiert. Ich hätte mich gerne noch früher getraut, mit den Dingen loszulegen. Ich habe mich nie für meine Hautfarbe geschämt oder hätte mir gewünscht, dass ich lieber weiß als schwarz wäre. Trotzdem lerne ich gerade Frauen Mitte 20 kennen, die so viel Feuer im Hintern haben, ihre Identität und Wurzeln feiern, so wie ich das nicht konnte, weil ich gar nicht dieses Bewusstsein hatte. Was gar nicht schlimm ist. Und doch, wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich dieses „Zu-sich-stehen“, was die jungen Frauen heute mitbekommen, früher auch gerne gehabt. Das bewundere ich.

Es sind viele Dinge nicht so passiert, wie ich mir das vorgestellt habe. Ein aufreibender Start in der Schauspielbranche mit vielen Höhen und Tiefen, kein Kind mit 26, keinen festen Partner an meiner Seite seit elf Jahren. Auch etwas, das ich mir früher nie hätte vorstellen können. Auf der anderen Seite sind ganz viele tolle Sachen passiert, mit denen ich nie gerechnet habe. Ich will jetzt gar nicht mehr 26 sein und ich bin froh, das ich erlebt habe, was ich erlebt habe. Nächstes Jahr werde ich 40. Und ich muss sagen, ich bin ziemlich happy gerade.

Loslassen – der Podcast zum Film „Was wir wollten“

Zeitgleich zum gerade neu erschienenen Netflix Film „Was wir wollten“ erscheint der Podcast von Friedemann Karig, der mit den hochkarätigen Gäst*innen Mirna Funk, Andrea Petković, Tarik Tesfu, Anna Wilken und Charlotte Würdig über ihre ganz persönliche Definition des Loslassens spricht: Wo hat der Plan des Lebens nicht mit dem eigenen Plan für das Leben zusammengepasst? Wie haben sie gekämpft, erkannt, akzeptiert und danach weitergemacht? Wann hat so ein Abschied wehgetan und wann fühlte er sich befreiend an? – Neugierig? Alle Podcast-Episoden findet ihr dort, wo es gute Podcasts gibt. Hört rein!

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