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„Toddler’s Top Ten“ – wenn Kindermusik nervt

Elternsein ist eine Herausforderung. Dies gillt auch für die Ohren, die jeden Tag die „Top Ten“ des Nachwuchses von „Mein Auto macht tut-tut“ über die Endlosmelodie von Bobo Siebenschläfer bis hin zu Rolf Zuckowski und Konsorten ertragen. Bekenntnisse einer ohrwurmgeschädigten Kleinkindmutter.

 

Meine Tochter wird bald zwei Jahre alt und ist in einen kleinen, frechen Siebenschläfer namens Bobo verliebt. Doch dies erwähnte ich ja bereits in einem vorherigen Blogartikel. Abgesehen von der heilen rosa Seifenblasenwelt, in der die Helden der Kleinsten ihre Wattebauschrevolution starten, haben Eltern noch weitere ernstzunehmende mediale Endgegner – unter anderem diese fiesen, eingängigen Ohrwürmer, die sich unaufhaltsam durch den Gehörgang fressen und sich im Melodiegedächtnis festsetzen. Die Titelsongs beliebter Kinderserien und die Endlos-Jingles entsprechender Apps und Spielzeuge haben also eine gewisse Ähnlichkeiten mit den berüchtigten „Sommerhits“, die im Radio in Dauerschleife laufen und in der Disco die Massen auf die Tanzfläche holen. Auch, wenn sich ein paar Jahre später kein Mensch mehr daran erinnern kann, warum gerade dieser 0815-Sound denn nun so „funky“ gewesen sein soll. Abschreckende Beispiele, wie Erwachsene massenhaft einem Ohrwurm mit einfachem Text (auch nach dem zehnten Bier noch einfach zu merken) , eingängiger wiederkehrender Melodie und bekloppt anmutenden Tanzbewegungen zum Opfer fallen, gibt es zuhauf. Um die Wirkung von Alkohol, Urlaubsstimmung und Gassenhauern zu untersuchen, muss man nur mal eine Woche am Ballermann oder auf dem Oktoberfest verbringen.

„Hallo, hallo, ich bin dein Ohrwurm“

… singen die „Wise Guys“ (neuerdings unter dem Bandnamen „Alte Bekannte“ auf Deutschlands Bühnen unterwegs) und dieses ohrwurmartige Mantra in A-Capella bringt die Problematik rund um Krabbelgruppenlieder und Endlosmelodien auf den Punkt. Unser Gehör und Melodiegedächtnis sind darauf ausgelegt, sich besonders die Geräusche einzuprägen, die stumpf, laut und einfach sind. Den Knall einer Silvesterrakete zum Beispiel, den lauten Bass aus dem Cabrio nebenan an der Ampel oder eben den Refrain eines typischen Gassenhausers. Das erste Problem besteht darin, dass man im Grunde niemanden dafür verantwortlich machen kann, diesen Floh oder besser: Wurm ins Ohr gesetzt bekommen zu haben. Denn derjenige, der den bescheuerten Sommerhit oder „Aber scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“ als Beifahrer im Auto summt, hat sich das oft auch nicht ausgesucht und wurde nur „Opfer“ des gleichen, wiederkehrenden Klangmusters. Das zweite Dilemma besteht darin, dass jeder Mensch einen anderen Erfahrungsschatz in Sachen Geräusche und Musik mitbringt, individuelle Vorlieben und Abneigungen zeigt. Manche böllern zum Beispiel nicht und ärgern sich jedes Jahr erneut über die Silvesterknallerei, bei der aus ihrer Sicht bares Geld inklusive Massen an Feinstaub in die Luft gejagt wird. Mein Mann und ich gehören zu dieser Unterspezies Mensch, die den alljährlichen Feuerwerk-Hype nicht verstehen und die immer wieder die armen Haustiere bemitleiden, die den Krach mit ihrem viel feineren Gehör aushalten müssen. Auch Schlagermusik halte ich nur im angetrunkenen Zustand aus, ohne dabei aggressiv zu werden. Ich „rocke“ eben lieber oder höre Musik aus aller Welt, die nicht alle Viertelstunde durchs Radio dudelt. Auch das mögen manche geschmacklos oder total schräg finden. Bei Radiowerbung von Möbelhäusern denke ich jedes Mal an der roten Ampel: „Vermöbelt euch doch einfach mal gegenseitig!“ und die immergleichen Kinderlieder und Endlosmelodien von Bobo Siebenschläfer, „Little Baby Bum“ und „Kikaninchen“ nerven uns als Eltern vor allem, weil sie so einfach und (klein-)kindlich gestrickt sind, dass sie garantiert im Unterbewusstsein hängenbleiben. Da erwischt man sich in der Stadt, im Supermarkt oder zu Besuch bei der entfernten Verwandtschaft leider hin und wieder dabei, einen dieser Ohrwürmer nachzusummen. Auf eine Art unüberlegt und etwas peinlich – andererseits total normal, so oft, wie wir die „Toddler’s Top Ten“ sprichwörtlich um die Ohren gehauen bekommen.

Es ist nur eine Phase!

Wenn es um Kinder und konfliktgeladene, wiederkehrende Situationen geht, wird oft tröstend und zutreffend von der Umwelt festgestellt: „Es ist nur eine Phase!“. Dieses Mantra kann man sich gut vor Augen halten, wenn die Lieblingsmelodien unserer Kleinsten, produziert von elektronischem Spielzeug oder hervorgerufen durch exzessiven (Co-)Konsum von Kleinkinderkanälen auf Youtube, uns einmal mehr auf die Palme bringen. Denn irgendwann wird Bobos heile Welt zu klein für den Wissensdurst eines Vorschulkindes werden, harmloses musikalisches Geplätscher mit niedlichen, aber sinnlosen Texten („Drei Kleine Kätzchen verloren ihre Handschuh‘ und fingen an zu weinen, weil sie deswegen keinen Kuchen bekamen“) weicht monotonen, lauten Synthieklängen, Ghettosprache („Yo, Bitch! Yo, Motherf*** !“). Oder, noch schlimmer, wenn pubertierende Jungs Dinge wie „Ich muss durch den Monsuuuuuun hinter die Weeeelt“ ins Mikrofon heulen und unsere Töchter darauf abgehen wie Schmitz‘ Katze, hoffen wir vielleicht noch mehr, dass das Ganze „nur eine Phase“ ist. Und mal ehrlich: So viel „besser“ war meine Teenagergeneration dann auch nicht. Ich erinnere nur an Tic Tac Toe mit ihrem Superhit „Ich find dich sch …“ und die ganze Nervpalette an Jamba-Klingeltönen für das Nokia 3210. Unsere Eltern müssen uns dafür verflucht haben, und auch ich werde mir wahrscheinlich in knapp einem Jahrzehnt wünschen, mein dann rotzfrecher Teenie wäre bei „Bobo Siebenschläfer“ geblieben, anstatt sich sexistische Musikvideos mit halbnackten, wackelnden Frauenhintern anzusehen. Doch dies ist wie so vieles reine Zukunftsmusik. Bis dahin bleibt das Versprechen, frei nach den „Toten Hosen“: „Alles wird vorübergehen!“ und auch Geschmäcker bleiben unterschiedlich. Zum Glück.

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