Foto: privat

Videos gegen Wohnungskrieg

Zwei junge Frauen sagen dem Berliner WG-Chaos den Kampf an. Ihre Waffe: Eine Videokamera

 

Frust. Verzweiflung. Erschöpfung. Wer schon einmal versucht hat, in Berlin eine Wohnung zu finden kennt diese Gefühle nur zu gut.
Auch Anne Pehla hat das durchgemacht.
Zusammen mit ihrer besten Freundin Desireé Städter will sie 2016 zum Studieren in die Hauptstadt ziehen.  Doch der Traum von der eigenen Wohnung wird schnell zum Albtraum.
„Wir waren super optimistisch am Anfang. 

Bei den Wohnungsbesichtigungen standen wir dann aber mit gefühlt 80 Leuten im Hausflur,“ 

erzählt die 21-Jährige.
Die Fassungslosigkeit über ihre Notlage verwandelt sich in Wut – die Wut in Tatkraft. Als Protest gegen den überlaufenen Wohnungsmarkt möchten die Freundinnen aus dem Spreewald einen Videoaufruf starten. Doch dann kommt die zündende Idee: Warum das Ganze nicht größer aufziehen?
Ihre Vision: Ein Wohnungssuche-Portal in dem die Persönlichkeit im Mittelpunkt steht. Junge Menschen, die sich in persönlichen Videos vorstellen und aufgrund dessen mit den passenden WGs gematcht werden. 

Eine Art Video-Wohnungs-Tinder.

Die Idee zum Start-Up ist geboren. „Wir haben uns vier Tage mit einer befreundeten Grafikerin in der Wohnung eingeschlossen und alles durchdesignt. Herausgekommen sind der Name, das Logo, und die ganze App-Navigation“ sagt Anne. WOVIVI soll ihr Projekt heißen – Wohnen Via Video. Auf dem Plan stehen eine Website und eine App. Mit ihrem Grundsatz, bei dem Portal die Persönlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen, möchten sie anderen Wohnungssuchenden die eigenen Schreckenserfahrungen ersparen. 

Bei all den Wohnungsbesichtigungen dachten wir uns nur: Das schaffen wir nie. 

Wir können bei den Maklern einen Eindruck hinterlassen, wie wir wollen – letztendlich zählen nur die Papiere,“ schildert Anne.                                Angespornt von diesem Erlebnis der Ohnmacht geht die Website online. Doch zur Vermittlung fehlt den Gründerinnen noch das Wichtigste: Die Wohnungssuchenden.

Bei der Kundengewinnung haben die beiden einen Vorteil: In den Facebook-Gruppen zur Wohnungssuche in Berlin sind sie immer noch Mitglieder. Über die vielen Wohnungssuchenden, die sie vorher zu Verzweiflung getrieben haben freuen die beiden sich jetzt – als potenzielle Kunden. Sobald jemand ein Wohnungsgesuch hochlädt schreibt das Team die Person an und
versucht sie für das Projekt zu begeistern.                                                                Das Angebot: Ein kostenloser Videodreh und verbesserte Chancen auf dem Wohnungsmarkt.

Als Marina die Nachricht bekommt ist sie erleichtert: Nach ihrem Asien-Trip hat sie nur zwei Wochen Zeit um eine Unterkunft in Berlin zu finden – ansonsten muss sie obdachlos ins Studium starten. Zig Bewerbungen bei WGs über die üblichen Portale wie „WG gesucht“ werden abgelehnt – oder bleiben komplett unbeantwortet.                                                                                                         Sofort macht Marina einen Termin mit Anne und Desireé aus. Nur wenige Tage später treffen sich die drei zu einem Vorgespräch. Noch am selben Tag ist das Video im Kasten.           

                                                                                            

  „Ich habe mich nicht mal vorbereitet“, erzählt Marina und lacht. „An einer Stelle sollte ich spontan einen Witz erzählen. Da ist mir dann nur so ein dämlicher von früher eingefallen. Es hat echt Spaß gemacht“, sagt sie.

Dass die Wohnungssuchenden mit ungewöhnlichen Fragen aus dem Konzept gebracht werden ist volle Absicht. „Je authentischer die Reaktion, desto besser kommt das bei den WGs an.

 Auf die eigentliche Antwort kommt es gar nicht so sehr an“, 

erzählt Anne.
Annes Erfahrung bestätigt sich. In den folgenden Tagen bringt Marinas „dämlicher“ Witz ihr gleich vier Einladungen ein. Darunter auch eine von ihrer jetzigen WG. „Es hat direkt funktioniert zwischen uns. Jetzt fühle ich mich richtig zu Hause“, erzählt sie. Marina ist eine von elf Leuten, die
 seit September 2017 von WOVIVI vermittelt wurden. Sieben sind allerdings noch auf der Suche.
Um diese Zahlen in Zukunft noch zu steigern arbeitet der Programmierer des Gründertrios an der WOVIVI-App. Mit der soll sich jeder Wohnungssuchende und jede WG selbst Profil und Video erstellen können. Anstatt hunderte Bewerbungen zu durchforsten sollen sich WGs einfach direkt
jemanden aussuchen können, mit dem die Chemie stimmt. 

Doch die Vision des Teams reicht noch weiter. Sie planen eine Stadtkarte, auf der alle WGs markiert sind. Zu WG-Workshops, wie zum
Beispiel „Veganes Kochen“ können sich die WGs dann gegenseitig einladen und kennenlernen.
Nicht nur wegen ihrer neuartigen Ideen stechen Anne und Desireé in der Berliner Gründerszene heraus. „Die meisten Gründer sind männlich – und so gut wie alle älter als wir“, berichtet Anne.

Doch einschüchtern lassen sie sich davon nicht.

Im Gegenteil: „Viele kommen interessiert auf uns
zu. Und Tipps von erfahrenen Gründerinnen und Gründern können wir immer gut gebrauchen“, sagt sie.
Im Moment refinanziert sich WOVIVI noch nicht. Die beiden müssen sich mit Nebenjobs über Wasser halten und den Rest der Zeit in ihr Start-Up investieren. Das ist oft anstrengend. Aber aufgeben wollen Anne und Desireé nicht:

 „Wir werden es einfach durchziehen.“

https://wovivi.de/

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