Foto: Charlotta Sieve

Vom geplanten schönsten Tag

Immer und immer wieder begegnet sie mir – diese Einheit in sozialen Medien. Gibt es eigentlich jemanden, der/die sein/ihr Leben für den Moment und nicht für das Foto lebt?

 

„Wir möchten, dass das der schönste Tag unseres Lebens wird.“ Bei einem Blick durch die sozialen Medien finde ich unter #weddingwednesday oder #weddinggoals nur perfekt gestylte Bräute mit der passenden Blumendeko zum Lippenstift und Brautjungfern in einem einheitlichen Pastell-Kleid. Nicht selten haben die Brautjungfern sogar alle ein gesamt-einheitliches Kleid an. Drei von ihnen an jeder Seite der Braut, am besten noch seitlich oder sogar mit dem Rücken zur Kamera und vielleicht lachen sich alle nochmal wahnsinnig laut und ausgiebig an, damit es so aussieht, als seien sie alle ganz verrückte Hühner und sprudeln vor Glück und #happiness. Aber bevor auch nur eines dieser Bilder bei Instagram gepostet werden kann, muss natürlich noch ein Filter drüber, weil es sonst nicht aussieht, wie bei all den anderen Hochzeitsfotos, die sich so im Netz finden lassen.

Perfektion im Chaos

Ich möchte niemanden verurteilen, der seine Hochzeit so gestaltet und dem tolle Fotos wichtig sind. Ich bin noch nicht verheiratet, weiß aber, dass ich auch sehr gerne schöne Fotos anschaue und mich an tolle Momente erinnere. Wenn ich solche Fotos allerdings in der Hand habe, sehe ich selten Einheit und viel häufiger ein Chaos. Ich sehe Dinge, die nicht nach dem Plan gelaufen sind, den ich mir vorher ausgedacht habe. Ich sehe Erlebnisse, die ganz spontan entstanden sind. Ich sehe einen Sonnenaufgang am Meer, zu dem ich mich zusammen mit meinem Partner nachts um halb eins entschieden habe. Ich sehe lachende Gesichter, weil hinter der Kamera irgendetwas außerhalb des Plans passiert ist, jemand einen schlechten Witz gerissen hat oder weil wir in dem Moment einfach glücklich waren.

Wenn ich überlege, in welchen Momenten in meinem Leben ich bisher am glücklichsten war, dann kann ich sehr viele aufzählen. Kein einziger von denen entstand aber unter Zwang. Ich konnte in den Momenten sein, wer ich bin, habe nicht auf Äußerlichkeiten geachtet, mich nicht in irgendein Outfit gezwungen, das mich gar nicht widerspiegelt, habe keine hohen Schuhe angehabt, weil alle hohe Schuhe anhatten, habe kein kurzes Kleid getragen, weil alle kurze Kleider trugen, habe nicht gelacht, weil alle gelacht haben, habe nicht irgendwas studiert, weil es alle studiert haben… kurzum: in den Momenten, in denen ich bisher am glücklichsten war, habe ich etwas gemacht, weil ich es wollte. Das bedeutet nicht, dass ich nicht auch Dinge mache, die Menschen in meinem Umfeld auch machen. Aber ich mache sie nicht, weil die anderen es machen.

Ideale

Ich möchte nicht zur absoluten Rebellion aufrufen (es sei den, das ist das, was du möchtest). Ich möchte dazu anregen, dass wir viel mehr auf uns hören und weniger auf andere. Ich möchte, dass wir aufhören irgendwelchen unrealistischen Idealen nachzueifern, nur weil es Ideale sind. Ich möchte, dass wir aufhören uns immer und andauernd mit anderen Menschen zu vergleichen. Sei es bei Hochzeiten, bei Geburtstagen, beim Aussehen oder in dem, was wir unternehmen.

Der geplante schönste Tag

„Ich möchte, dass das der schönste Tag unseres Lebens wird“. Wie absurd. Meinen persönlichen Schätzungen zufolge sind viele Menschen, die heiraten irgendwo in einem Alter zwischen 25 und 35 Jahren (Angaben ohne Gewähr). Wieso genau sollte ich dann schon den schönsten Tag meines Lebens erlebt haben wollen? Im Idealfall heirate ich doch gerade den Menschen, den ich liebe und mit dem ich mein Leben gemeinsam leben möchte. Da sollten doch noch ganz viele potentielle „schönste Tage unseres Lebens“ darauf warten, erlebt zu werden. Und außerdem: Wer sagt denn, dass es nur den einen schönsten Tag geben kann? Werde ich irgendwann auf meinem Sterbebett liegen und muss ein Quiz über mein Leben bestehen, in dem ich gefragt werde, was mein schönster Tag war, was mein schlimmster Tag war, wo ich am liebsten gewohnt habe und welchen Urlaub ich am gelungensten fand? Falls das so sein sollte, freue ich mich, wenn mir das jemand mitteilen könnte. Dann müsste ich mein Leben nochmal überdenken.

Und noch etwas finde ich sehr absurd. Die Vorstellung, meinen „schönsten Tag“ planen zu können. Entstehen die Erlebnisse, an die ich mich noch lange grinsend zurückerinnere nicht meistens in Momenten, in denen ich nichts geplant und überhaupt nicht damit gerechnet habe? Sind es nicht die Abende, an denen alle noch so viel zutun haben, „eigentlich auch gar nicht so lange bleiben wollen“ und am Ende doch mit einem Glas Wein irgendwo auf den Küchenarbeitsplatten, Fensterbänken und Böden sitzen und Küchenphilosophie betreiben? Die Momente, in den das Radio kurzfristig ganz laut aufgedreht und mit Kochlöffeln und Haarbürsten als Mikrofon in der Hand durch die Wohnung getanzt wird, als läge einem die Welt zu Füßen? Sind es wirklich die durchgeplanten Momente, in denen ich alle sechs oder acht (Hauptsache eine gerade Anzahl) meiner Brautjungfern in das gleiche Kleid zwinge, damit nachher auf dem Foto alle einheitlich aussehen? Sind es die Momente, in denen ich eine feste Abfolge habe und akribisch darauf achte, dass diese auch eingehalten wird? Sind die schönsten Momente wirklich die durchgeplanten? Sind es nicht doch viel mehr die, in denen ich so sein kann, wie ich bin und andere so sein lasse, wie die sind?

Vielleicht sollten wir alle mal ein wenig durchatmen und unsere Leben nicht nach den fototauglichsten Momenten beurteilen sondern nach den glücklichsten.

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