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Von Frau zu Frau

Warum ein Seelenstriptease nach einem One-Night-Stand nicht sexy und schon gar nicht feministisch ist

 

Ich liebe es, zu tanzen. Ich liebe Musik. Und ich liebe Clubs. Mittlerweile hat das aber andere Gründe als noch vor zehn Jahren. Mit Anfang dreißig ziehe ich es häufiger vor, die Menschen in Alltagssituationen zu beobachten und sozio-psycho-kulturelle Thesen zu bestätigen, zu hinterfragen oder gänzlich neu aufzustellen. Heute Abend heißt das Setting eben „Club“. Ich lehne entspannt mit meinem Mann und seinem besten Freund an einem Tisch gegenüber der Bar. Wir haben den Eingang perfekt im Blick. Niemand kann dem Sozialexperiment entkommen. 

Mitten in einer intensiven Diskussion über die hierarchische Rollenverteilung der feierwütigen Gruppe schräg vor uns, kommt eine mir Unbekannte an unseren Tisch und stellt sich neben den besten Freund meines Mannes. Zwischen ihn und mich. Ohne mich eines Blickes zu würdigen. In ihren Augen existiere ich nicht. Ihre riesige Handtasche (eine solche verwende ich als Weekender) gibt ihrer Meinung über meine Nichtexistenz Recht und stößt mich noch ein Stück näher zur Bar. Ich sehe meinen Mann, der mir gegenüber steht, fragend an. Er zieht bedeutungsschwer seine rechte Augenbraue hoch. 

Fassungslos schüttel ich den Kopf. Mein Anstand hätte es mir abverlangt, mich in der selben Situation allen Umstehenden vorzustellen oder sie zumindest freundlich zu grüßen, bevor ich den Gesprächspartner meiner Wahl von seinen Freunden abkapsel. Aber gut. Ich versuche meinen Standplatz gegen den Weekender zu behaupten – Ellenbogeneinsatz ist gefragt – und unbeteiligt auszusehen, während ich krampfhaft probiere, den dröhnenden Bass auszublenden, um mitzukriegen, worüber die Unbekannte mit dem Freund meines Mannes sprechen möchte. Tatsächlich kann man das kein Gespräch oder einen Dialog nennen. Die Unbekannte redet pausenlos, untermalt das Gesagte mit ausladenden Gesten und theatralischer Mimik. Der Freund meines Mannes steht beinahe teilnahmslos daneben und lässt den Wortschwall über sich ergehen. 

An mein Ohr dringen nur Wortfetzen. Aber das, was ich mitbekomme, macht mich wütend. Nachdem die Unbekannte augenscheinlich alles losgeworden ist, was sie loswerden wollte, frage ich: „Wer war das denn?“. Ich versuche, nicht zu neugierig zu klingen. Gelingt wohl nicht so, denn der Freund meines Mannes schaut mich amüsiert an und sagt: „Ich hatte mal was mit ihr.“ Das hatte ich mir aus den Wortfetzen schon zusammenreimen können. 

Long story short: der Freund meines Mannes und die Unbekannte hatten sich vor einiger Zeit getroffen und einen One-Night-Stand. Wobei es angeblich kein „richtiger“ gewesen sei, weil kein „echter Sex“. Was „echter Sex“ ist und was die beiden gemacht haben – ich habe es irgendwann nicht weiter hinterfragt. Fakt ist, dass irgendwas zwischen den beiden einvernehmlich gelaufen ist. Soweit sogut. Allerdings hat die Unbekannte dann einen Tag später per WhatsApp einen Seelenstriptease hingelgt. Von „normalerweise mache sie soetwas ja nicht“ bis hin zu „Du bist so ein Arschloch. Ich will dich nie wieder sehen“. Für den besten Freund meines Mannes war das zu viel Drama. Er hat den Kontakt abgebrochen. 

Und jetzt sieht sie ihn im Club und alle Anschuldigungen sind wie weggeblasen. Obwohl sie sich über sich, über ihn, über alles so aufgeregt hat, ihn abgrundtief hasste, gesteht sie ihm an besagtem Partyabend, dass sie ihn ja doch eigentlich ganz gerne mag, obwohl er ja so scheiße zu ihr war und den Kontakt abgebrochen hat. Mir fehlen die Worte. Wenn zwei Menschen einvernehmlich Sex miteinander haben, einfach weil sie sich anziehend finden, weil sie Lust darauf haben oder was auch immer die Gründe für diesen One-Night-Stand sein mögen, bitteschön! Aber warum zum Teufel muss frau betonen, dass sie sowas normalerweise ja nicht macht?! 

Schwester, du bist wunderschön, frei und wild und musst dich für dein Sexleben weder entschuldigen noch erklären. Wir Frauen dürfen Sex haben – auch ohne feste Beziehung. Daran ist nichts falsch oder verwerflich. Entscheide bitte selbst und unterwirf dich nicht irgendwelchen gesellschaftlichen Moral- und Wertevorstellungen. Es ist dein Körper, dein Leben, du bestimmst. Es ist nicht sexy, einen Seelenstriptease nach einer gemeinsam verbrachten Nacht abzulegen. Selbst wenn dein schlechtes Gewissen dich plagt (was es nicht sollte!). Das ist nicht nur nicht sexy, sondern vor allem ist es nicht feministisch und emanzipiert. Insbesondere dann nicht, wenn du einige Zeit später zu ihm hingehst und signalisierst, dass du doch nicht abgeneigst wärst, dich nochmal zu treffen. Diesmal für „richtigen Sex“. Wenn Frau nicht frei für sich über ihr Sexleben entscheiden kann, wie soll Mann verstehen, dass wir gleichberechtigt sind, auf allen Ebenen und insbesondere auf dieser?! Dass Frau selbstbestimmt entscheidet, was sie will und was nicht? Dass sie sich dafür nicht rechtfertigen muss? Dass sie mehr ist, als ein leider immer noch viel zu häufig sexualisiertes Objekt? 

Auch wenn mich die Beziehung zwischen der Unbekannten und dem besten Freund meines Mannes nichts angeht, ist sie für mich ein deutliches Beispiel für die nachwievor nicht erreichte Gleichstellung und Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern in unserer Gesellschaft. Dazu tragen leider auch wir Frauen selbst einen großen Teil bei, indem wir uns für unser Verhalten entschuldigen oder rechtfertigen. Oder indem wir Frauen, die beim Feiern ein kurzes Kleid tragen, als „schlampig“ oder „nuttig“ bezeichnen. Ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig mehr unterstützen und uns miteinander solidarisieren. Wir dürfen und können alles sein, was wir wollen! Wir dürfen und können alles machen, was wir wollen! 

Bitte liebe Unbekannte, überleg dir ehrlich was du willst, und dann tu es aus vollem Herzen. Hab Spaß dabei, fühl dich schön – denn das bist du! Und hab nachher kein schlechtes Gewissen, denn du machst das, was du möchtest und womit du dich wohlfühlst, und nicht das, was eine andere Person oder die Gesellschaft von dir erwartet! 

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