Foto: Luisa Hanke

Warum ich mir mehr wünsche als einen Muttertag mit Blumen und selbstgebastelten Geschenken

Heute feiern wir unsere Mutterschaft mit Frühstück, Blumen und selbstgebastelten Geschenken. Das darf aber noch lange nicht alles sein.

 

Dieser Tag wird medienwirksam zelebriert aber anstatt gegen familienunfreundliche Strukturen aufmerksam zu machen und eine Verbesserung für vereinbarkeits- und bedürfnisorientierte Mutterschaft zu fordern, werden die Herausforderungen und häufig auch der Stress, den die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit sich bringt fast gänzlich ausgeblendet.

Unsere Kinder werden bereits in Kita und Schule darauf getrimmt, diesen einen Tag zu würdigen, wenn sie hingegen aus ihren ganz eigenen Impulsen heraus, tagtäglich mit kleinen Gesten ihre Liebe zeigen und uns Mamas feiern. 

Genauso sollten auch wir tagtäglich unser Wohlbefinden in unserer Mutterschaft zelebrieren, mit Achtsamkeit und Selbstfürsorge und indem wir uns für einen Kulturwandel stark machen, für gesellschaftliche Strukturen die Mütter und Eltern wertschätzen, unterstützen und stärken und so Vereinbarkeit von Familie und Beruf lebbarer machen.

Denn unsere Kinder erfahren unsere Liebe und Zuneigung am stärksten wenn wir in unserer Kraft sind. Wir finden aber zwischen Beruf, Haushalt und der Betreuung unserer Kinder, zwischen all den Herausforderungen und Ansprüchen an uns selbst, kaum noch Zeit, um zur Ruhe zu kommen, die Seele baumeln zu lassen und Kraft zu tanken.

Wir lernen Stress und Erschöpfung in unseren Alltag einzubauen, ihn in unser Selbstbild zu integrieren. Wir nehmen hin, dass unser Wohlbefinden und unsere Beziehungen darunter leiden und machen uns gleichzeitig immer mehr Vorwürfe. Wir zweifeln ständig daran ob wir als Mütter gut genug sind, als Arbeitskraft leistungsstark genug, und wissen oft nicht, wie wir all die To Dos, all den Mental Load eines Tages, einer Woche, eines Monats und letztlich eines ganzen Jahres wuppen sollen.

Und oft sind wir zu erschöpft um etwas zu ändern. Wenn wir aus diesem Stressmodus aussteigen wollen, müssen wir aufhören Stress zu glorifizieren, so schreibt Susanne Mierau, Diplom-Pädagogin und Familienbegleiterin, in ihrem aktuellen Artikel über die Glorifizierung von Müttererschöpfung. Wir müssen aufhören auschließlich zu bejubeln, was wir alles schaffen, wie sehr wir an unsere Grenzen gehen können und darauf aufmerksam machen, worin wir Unterstützung brauchen. Wir müssen anfangen achtsam, wohlwollend und bedürfnisorientiert mit uns selbst und wertschätzend mit anderen Müttern umzugehen und wir müssen starke Gemeinschaften bilden.

ICH FRAGE MICH, WARUM WIR DEN MUTTERTAG SO SORGENFREI ZELEBRIEREN

Um als berufstätige Mütter Erfüllung im Familien- und Berufsleben zu finden, brauchen wir mehr als einen Muttertag mit Blumen und selbstgebastelten Geschenken. Dazu braucht es einen Mindshift und gesellschaftlichen Wandel.

Wir brauchen Arbeitgeber*innen, die ein familienfreundliches und attraktives Arbeitsleben anbieten, damit sie für berufstätige Mütter zukünftig sinnstiftend, soziales Umfeld und Teil eines bereichernden Alltags sind. 

Wir brauchen familienfreundliche Ausbildungs- und Arbeitsstrukturen die unser gängiges Arbeits- und Erfolgsverständnis mit achtstündiger Präsenzarbeitszeit, spät angesetzten Meetings und Überstunden oder im Kontrast dazu, die klassischen Mütter-Teilzeitfalle, hinterfragen, neue Modelle bieten und kollegiales Verständnis, gegenseitige Wertschätzung und Teamgeist fördern. Und zwar nicht als Ausnahme sondern als die neue Norm.

Wir brauchen flexible Arbeitsstrukturen die berufstätige Mütter, die so häufig ihren Job als Teil ihrer Selbstverwirklichung ansehen und dafür vollen Einsatz und vor allem Effektivität bieten, mehr wertschätzen, im Wiedereinstieg unterstützen und ihnen attraktive, neu gedachte Zukunfts- und Karriereperspektiven bieten.

Wir brauchen viele Alternativen zu den aktuell noch so weit verbreiteten alten Rollenbildern, den Unconscious Bias, der ungleichen Aufteilung von Arbeitszeit, Haus- und Carearbeit und der ungleichen und ungerechten finanziellen Entlohnung dafür. 

Wir brauchen gesellschaftliche Rahmenbedingungen die durch ein Ende des Gender Pay Gap eine Gleichstellung von Frauen und Männern ermöglichen und – durch die stärkere Positionierung von Müttern in ihren Berufen – auch eine größere Selbstverständlichkeit von Männern, die Elternzeit nehmen und sich aktiver und nachhaltiger am Familienleben und Haushalt beteiligen.

Wir brauchen das Ende des Gender Pay Gap, damit berufstätige Mütter nachhaltig finanziell unabhängig sind, ihre Familien – auch als Alleinerziehende – finanziell gut versorgen können und und sich effektiv um ihre Altersvorsorge kümmern können um – angesichts der aktuell prognostizierten 50% niedrigeren Rente gegenüber berufstätigen Vätern -nicht in Schockstarre und später in die Altersarmut zu verfallen.

Wir brauchen Mütter, die 21% mehr – und somit ein faires Gehalt verdienen – und sich durch ein gleichberechtigtes Einkommen die so häufig erwünschte Unterstützung in Form von zusätzlicher Kinderbetreuung, Haushaltshilfe oder der Lieferung der wöchentlichen Einkäufe leisten können.

Wir brauchen ein faires Gehalt für berufstätige Mütter, damit sie in sich selbst, in regelmäßige Ausgaben für ihre Interessen, Weiterbildungen, Veranstaltungen, Reisen, Wellness, Gesundheit – kurz in ihr mentales und körperliches Wohlbefinden investieren können. 

Wir brauchen eine transparente und gerechte Familienpolitik, fordert auch Jenna Behrends in ihrem Buch „Rabenvater Staat“ die Familien nicht nur im Sinne der nächsten Wahlkampagne medienwirksam zelebriert, sondern die Familien schon auf kleinsten politischen Ebene durch Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik, durch Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik fördert und durch ein faires Steuersystem finanziell entlastet.

Wir brauchen eine Familienpolitik und ein Steuersystem, die berufstätige Mütter (und Väter) in einer erfüllten und starken Elternschaft fördern. Wir brauchen Gleichberechtigung für alle Familienformen – die alleinerziehende, getrenntlebende und unverheiratete Eltern gegenüber verheirateten Eltern aufgrund des Ehegatt*innen-Splittings nicht weiterhin diskriminiert.

WIR BRAUCHEN ZEIT UND RAUM ZUR SELBSTENTFALTUNG

Wir brauchen starke Mütter die den öffentlichen Diskurs über Selbstfürsorge, Rollenbilder, Arbeitsstrukturen, gesellschaftlichen Druck und über Zeit – wertvolle Zeit die wir brauchen um füreinander dazusein und uns selbst zu verwirklichen – aktiv gestalten und immer weiter voranbringen.

Wir brauchen Zeit und Raum und die finanziellen Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Die Möglichkeit uns als Menschen mit unseren Bedürfnissen, Interessen, unserem Engagement und unseren Visionen zu entfalten, um den Beitrag im Leben leisten zu können, den wir von Herzen leisten wollen: als Mensch, Mama, als Frau, als Tochter, Schwester, Freundin, als Vorgesetzte oder Kollegin …

Wir müssen die Rush-Hour des Lebens durch eine neue Selbsterkenntnis, neue Forderungen und Strukturen transformieren.

Wir müssen der Panik vor der Familiengründung, dem Wiedereinstieg, dem Karriereende und der Altersarmut durch ein neues Selbstbewusstsein darüber, dass Familie und Beruf in Zukunft möglich sind – ohne Burnout, ohne Altersarmut – gegenüber stellen.

Dazu brauchen wir auch einen ehrlichen Realitätscheck und Offenheit darüber, dass wir nicht perfekt sind, dass wir nicht alles schaffen, nicht alles vereinbaren können sondern Prioritäten setzten müssen. 

Weil aktuell zu viele von uns gefühlt mit jeder zweiten Wäscheladung überfordert sind, weil 2 Millionen Mütter deutschlandweit kurbedürftig sind und das Mütter-Burnout mittlerweile als gängiger Bestandteil gesundheitsfördernder Maßnahmen in Personalabteilungen mitgedacht wird.

Wir müssen aufhören uns untereinander für unser Verständnis und unsere Wahl von Erziehung, Beziehung und Familienmodellen zu kritisieren sondern die Vielfalt darin wertschätzen. Wir müssen aufhören uns zu vergleichen und anfangen uns gegenseitig zu inspirieren, uns zuzuhören und zu unterstützen.

Vereinbarkeit und Erfüllung fängt bei uns selbst an, keine Frage. Deshalb glaube ich an Achtsamkeit im Alltag, an Persönlichkeitsentwicklung, psychologische Beratung und Coachings. Aber wenn wir uns ständig nur selbst optimieren und nicht auch die gesellschaftlichen Strukturen, schwimmen wir immer weiter gegen den Strom.

Eine starke und erfüllte Mutter- und Elternschaft ist die Grundlage für ein nachhaltig gesundes und erfülltes Familienleben. Familien sind die kleinsten Einheiten unserer Gesellschaft die Liebe, Fürsorge, Verständnis, Offenheit und Zusammenhalt als so wertvolle und existentielle Werte leben. 

In der Familie erleben wir idealerweise die Möglichkeit uns frei zu entfalten denn wir erfahren Sicherheit, Beistand, Unterstützung und lernen den Glauben an uns selbst. Deshalb ist es so wichtig, dass Mütter und Väter – als Basis eines ausgeglichenen und erfüllenden, gesunden Familienlebens – Wertschätzung und Stärkung durch zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Strukturen erfahren.

Berufstätige Mütter und Väter sind eine wesentliche, tragende Instanz unserer Gesellschaft. Auf ihnen und ihren Kindern basiert unser steuerliches System der Umverteilung. Auf ihnen ruhen unsere sozialstaatlichen Strukturen. Es wird Zeit, dass wir auch das anerkennen und uns für mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf stark machen. Denn wir müssen es uns weiterhin leisten können Familie zu leben – sowohl mental, körperlich als auch finanziell.

WIR BRAUCHEN GELEBTE GEMEINSCHAFT IN ALLEN LEBENSBEREICHEN

Es heißt, es braucht ein Dorf um ein Kind großzuziehen. Ebenso braucht es ein Dorf um Mütter und Väter zu stärken. Es braucht ein starkes Netz an liebevollen, wertschätzenden, sich gegenseitig unterstützenden Menschen und Strukturen. 

Wir können diese Menschen und Strukturen in unseren diversen Familienkonstellationen, in Freund*innenschaft, in Nachbar*innenschaft, in den Beziehungen zu unseren Kommilliton*innen und Kolleg*innen, in Mentor*innen, und Vorgesetzten, in familienfreundlichen Ausbildungsstätten, Universitäten und Unternehmen und in den häufig völlig ausgelasteten Kitas, den Schulen und Hortbetreuungen finden.

Wir brauchen Zeit und Raum um diese Strukturen, diese Netzwerke zu pflegen und zu stärken denn Beziehungen leben von Präsenz, von Austausch auf Augenhöhe, von füreinander dasein. Wir brauchen den Mut um über unsere Herausforderungen zu sprechen und aktiv nach Unterstützung zu fragen und Veränderung zu fordern.

Ich liebe den Muttertag, den ich mit meiner Tochter verbrige und mich über ihre Fürsorge, ihre Liebe und ihre selbstgebastelten Geschenke freue.

Aber ich wünsche mir mehr für uns Mütter. Ich wünsche mir mehr Möglichkeiten für gelebte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Deshalb mache mich von Herzen stark für eine Gemeinschaft von gut vernetzen Müttern, die über ihre Bedürfnisse und Visionen sprechen, sich dafür in allen Bereichen unserer Gesellschaft stark machen. Wir brauchen eine Bündelung unserer Expertise und Verbindungen um stark nach aussen aufzutreten. Wir brauchen noch mehr Gehör.

Und wir brauchen Sanftheit und Herz um gut auf uns selbst und aufeinander achten zu können – in einer uns alle verbindenden Sisterhood. 

Wir kommen um den gesellschaftlichen Wandel um den gesamtgesellschaftlichen Fokus auf unsere Menschlichkeit nicht herum.

Lasst uns zusammenfinden, lasst uns Zeit finden, um präsent zu sein, um einander unseren Herzenswünschen und Forderungen zu lauschen, um uns für das einzusetzen was uns heute und für die Zukunft wichtig ist, um Veränderung voranzubringen.

Wir geben alle unser Bestes, wir teilen alle den Wunsch nach einem erfüllten Leben mit Familie und Beruf und genau das haben wir alle verdient. 

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Alles Liebe

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