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Warum ich nicht jede schäbige Anmache hinnehmen muss

Als junge Frau in der Großstadt ist man einiges gewöhnt – auch, dass an jeder Ecke ein Creep lauert.

 

Ich habe mir in diesem neuen Jahr eine neue Routine zugelegt, auf die ich sehr stolz bin. Wenn ich genügend Zeit habe, gehe ich täglich 1-2 Stunden spazieren – alleine. Für viele wohl kein großes Ding, für mich aber schon. Ich wollte mir schon lange angewöhnen auch mal Dinge alleine zu machen und nicht immer Freund oder Freund*innen mitzuschleppen. Emanzipation und so. Deswegen habe ich mir gedacht, dass ich doch mit kleinen Dingen anfange und mich langsam steigere: spazieren gehen, alleine im Café sitzen, dort lesen und irgendwann dann Kino. 

Auch an diesem Tag war es wieder so weit. Ich packte mich warm ein, lud mir meinen Lieblingspodcast runter, steckte Kopfhörer in meine Ohren und marschierte los. Einfach los, raus, ohne Ziel. Auf dem Weg habe ich mir einen 4-Euro-Matcha-Latte gegönnt und bin durch die
Berliner Straßen flaniert. Das Wetter war so lala, aber das war mir egal – ich habe meine Spaziergänge lieben gelernt. Doch dieser wurde mir versaut, weil ich eine Frau bin oder besser gesagt, weil (manche) Männer, Männer sind. 

Ich lief die Straße herunter, wechselte die Seite, das Ziel war ein Buchladen – was gibt es Schöneres als neue und alte Bücher zu entdecken? Mittendrin hielt mich ein Mann an, der
mindestens doppelt so alt war wie ich. Dazu muss ich anmerken, dass ich zu dem Zeitpunkt
ungeschminkt war und deswegen nochmal circa 5 Jahre jünger aussah (also war ich satte 17 Jahre alt). Gleich am Anfang hatte ich ein seltsames Gefühl. Er war nervös, fahrig, ungepflegt und sein Haar schuppig. Er fragte mich auf Englisch, wie man denn ins Zentrum kommt. Nach meiner Nachfrage, welchen Ort er genau meint, entgegnete er nach einem hin und her, dass er Tourist sei und einen großen bekannten Platz sucht. Also erklärte ich ihm wie er zum Alexanderplatz kommt, der fiel mir in dem Moment ein – pls, don’t judge me.  

Man merkte dem Mann an, dass er noch weiterreden wollte und ich wollte nicht unfreundlich sein. Ich hatte aber null Interesse und ging immer wieder einen Schritt weiter, worauf er eine weitere Frage hinterher schob. Dann wurde es ohne Umschweife persönlich. Was ich in Berlin mache und wo ich hingehe. Ich stammelte nur, irgendwie überfordert mit der Situation, ein „It’s okay!“, ging weiter und drehte mich nicht mehr um.  

Auch beim Stöbern im Buchladen ließ mich die Situation aus irgendeinem Grund nicht mehr los. Ich fand kein Buch, ging wieder raus und machte mich auf den Heimweg. Währenddessen schaute ich mir wieder die Läden von draußen an, blickte in die Cafés und wer saß da, in einem
Café, 100 Meter entfernt von dem Ort, wo diese seltsame Konversation stattfand? 

Dieser Typ. Er starrte mich an. Jetzt wurde mir klar, dass er nicht das Stadtzentrum suchte, er wollte mich wahrscheinlich einfach anmachen. Eigentlich ist es mir auch egal, was er
suchte oder wollte.  

In diesem Moment gingen mir so viele Sachen durch den Kopf, vor allem die Geschichten, die man immer wieder von Freund*innen hört. Schauerberichte von blöden Anmachen im Park, über
Verfolgungen nach einer Party bis hin zu Vergewaltigungsversuchen. Ja, das klingt vielleicht dramatisch und ich glaubte auch nicht daran, dass mir dieser Typ das antun wollte. Trotzdem streiften diese Horrorszenarien durch meine Gedanken, weil sie eben nicht nur Szenarien sind, sondern wirklich passieren – jeden Tag. Ich ärgerte mich selber, dass ich überhaupt die Straßenseite gewechselt und die Konversation nicht viel früher abgebrochen hatte. Ich lief schnell weiter, drehte mich nicht um und hatte wirklich Angst.  

Ich schäme mich zuzugeben, dass ich mir ein Taxi nach Hause nahm. Mein geliebter Spaziergang war mir egal, ich wollte mich einfach wieder sicher fühlen in einer vertrauten Umgebung – meiner Wohnung. Wieso hat mich diese Situation so irritiert? Eigentlich ist ja nichts passiert, aber irgendwas war doch geschehen. Er hat mich in meiner Zeit, in meinem Prozess, gestört.

Vielleicht wollte der Typ mich auch nur auf einen Kaffee einladen, das lässt sich aus jetziger Sicht aber nur vermuten. Eins ist klar: Die Art, wie er das angegangen ist, hat mich extrem verunsichert. Ich wollte nicht durch seine aufdringliche Weise verängstigt werden. Ich habe ein Recht darauf allein zu sein und wenn ich das signalisiere, muss das akzeptiert werden.

Vielleicht bin ich empfindlich, aber vielleicht sollte Mann seinen eigenen Willen manchmal hinten anstellen und eine Frau in Ruhe lassen. Viele Männer werden jetzt denken: „Aber darf man denn heutzutage keine Frau mehr auf der Straße ansprechen?“ Darauf habe ich keine allgemein geltende Antwort, weil jede Frau das unterschiedlich betrachtet. Auch wenn Anmachen alltäglich sind und es dazu „How-to“-Ratgeber gibt, sollte Mann sich hinterfragen. Und wie viele Frauen gehen im Schnitt schon auf eine Anmache auf der Straße ein? So eine Geschichte ist mir jedenfalls (noch) nicht untergekommen. 

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