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Wehret den Anfängen!

Oder die Suche nach Antwort auf die Frage: „Was hätte ich getan?“

 

Mein Name ist Mira, geboren 1969. Ich bin behütet
aufgewachsen – mit meinen eigenen, individuellen Problemen. Klar. Die hat
jeder. Sehr gut jedoch kann ich mich an das Grauen erinnern, welches mich
überkam, als ich im Geschichtsunterricht zum ersten Mal Einblicke  in die
Zeit vor meiner Zeit erhielt. So viele (zu viele) Bilder im Unterricht, die in
meine unschuldige Seele Einzug hielten: Fotos, Filme und Geschichten aus
Konzentrationslagern, von Mitläufern und all den Grausamkeiten des 2.
Weltkrieges.

 

Damals habe ich mir oft die Frage gestellt: „Was
hätte ich getan?“. Ich hörte von den Geschwistern Scholl und anderen
Widerstandskämpfern, wurde irgendwann mit meiner eigenen (Familien-)Geschichte
konfrontiert, habe hinterfragt und mich gerieben an Haltungen und Thesen –
immer verbunden mit der Suche nach Antworten: „Wie konnte es so weit kommen?“.
Es war ein Aufschrei. Gefühlte Ohnmacht. Ohne Vorverurteilungen, doch geprägt
von wachsendem Entsetzen.

 

Ich habe meine Oma gefragt: „Warum bist Du dort
hin gegangen? Zu den Kundgebungen von Hitler?“ Ihre Antwort: „Weil es alle
gemacht haben.“ Ich konnte das nur so stehen lassen und versuchen, nachzuvollziehen,
wie es ihr damals ging. Damit war ich als Jugendliche sicherlich überfordert.

 

Heute fühle ich mich, als würde ich von der
Geschichte eingeholt. Ich hätte mir niemals, nicht in meinen kühnsten Träumen
vorstellen können, dass sich ähnliches in meinem Land, meinem Zuhause, meinem
Geburtsland wiederholen könnte. Seit Montag bin ich auf dem Boden der Tatsachen
angekommen.

 

Ich schaue auf das, was in unserem Land passiert.
Eine grandiose, selbstlose, kraftvolle Unterstützung für Menschen, die Hilfe
benötigen einerseits – der Schatten, Pegida, Dresden, Überfälle auf
Flüchtlingsheime und Fremdenhass andererseits. Ich fühle mich, als sei ich in
einer Zeitmaschine gelandet – katapultiert in eine Zeit, in der sich Geschichte
wiederholt. Und ich bin hilflos. Fassungslos.

 

Seit Wochen bewegt mich die Frage: „Wann taucht
jemand auf, der sich an die Spitze des Schwarmes setzt? Der all die Ängste der
Bevölkerung auffängt und ihnen eine Stimme gibt?“. Seit Montag haben wir
Gewissheit: Es gibt ihn. Mir war klar, dass es kein Politiker sein wird, der
die Interessen seiner Partei verfolgt. Auch kein Vertreter aus der Wirtschaft,
der monitäre Ziele anstrebt. Nein. Es musste jemand sein, der aus seiner
eigenen Biografie und seiner Persönlichkeitsstruktur heraus motiviert ist – und
der die Kraft besitzt, all den im Dunkeln agierenden Ängsten eine Stimme zu
geben.

 

Diese Person ist nun auf der Bildfläche
erschienen: Akif Pirinçci. Ein Mann, der seit Jahren in der rechtsradikalen
Szene (bisher weitgehend unbeobachtet von der Öffentlichkeit) seinen Plan
ausgearbeitet hat: Die rechtsradikalen Tendenzen zu bündeln und ihnen ein
Gesicht zu geben.

 

Ich bin entsetzt. Darüber, dass dieser Mann
ungebremst seine Thesen an Tausende von Menschen weitergeben, sie in ihren
Gefühlen, in ihren Ängsten und Sorgen abholen durfte.  

In Gesprächen mit Menschen aus meinem Umfeld
filtere ich heraus, dass er mit seiner Rede den Nerv, den Kern der Ängste
vieler Menschen in diesem Land, getroffen hat. Auch wenn sie sich nicht outen
wollen: Priniçci hat mit seiner Rede mehr Menschen (mit ihren Ängsten)
erreicht, als uns lieb ist. Er schürt blinden Fremdenhass, gibt Wasser auf die
Mühlen genau der Angst, die in Deutschland generell schon so verbreitet, in
unserer Kultur verankert ist als „German Angst.“ Ich wage eine Prognose: Er
wird sie weiter schüren!

 

Das hätte ich niemals, niemals für möglich
gehalten. Ich bin mittendrin in einer Wiederholung der Geschichte. Und die
Frage: „Was hätte ich getan?“ bekommt für mich eine derartige Dringlichkeit,
dass ich in diesen Tagen kaum an etwas anderes denken kann.

 

Ich bin ein Mensch, für den das Wort Angst bisher
nicht bewusst existiert hat. Nun habe ich Angst. Nicht vor den Flüchtlingen.
Die bereiten mir zwar, und das gebe ich zu, ein ungutes Gefühl – wenn ich daran
denke, mit welcher unkoordinierten, ausufernden männlichen Kraft wir es hier zu
tun haben. Aber ANGST?  Habe ich vor etwas anderem:

 

Dass sich die Geschichte wiederholt, wir davon
eingeholt werden. 

Dass die kollektive Angst sich ihren Weg bahnen
wird – in eine Richtung, die wir schon einmal hatten.

 

Davor habe ich Angst.

 

Und: Diese Angst ist berechtigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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