Foto: Amy Humphries | unsplash

Warum Gynäkologen die komplette Entfernung der Schamhaare ziemlich kritisch sehen

Die große Mehrheit gerade junger Frauen stutzt ihre Schambehaarung, viele von ihnen komplett. Gynäkologen finden diese Entwicklung gar nicht gut – aus zwei vollkommen unterschiedlichen Gründen.

Schambehaarung: schmutzig und unreinlich?

Warum, fragte kürzlich die „New York Times“, greift die Intim-Komplettrasur eigentlich derart um sich? Einer neuen Studie des amerikanischen Journals „JAMA Dermatology“ zufolge haben sich 62 Prozent der Amerikanerinnen mindestens schon einmal die Schambehaarung komplett entfernt; 84 Prozent gaben an, sich die Schamhaare zumindest teilweise zu entfernen; ein weiteres Ergebnis der Studie: Während bei früheren Befragungen die meisten sagten, sie würden sich die Schamhaare entfernen, um Sex angenehmer zu gestalten, gab die Mehrheit der Befragten bei der aktuellen Umfrage an, sich aus hygienischen Gründen untenrum zu enthaaren. Und diese Wahrnehmung finden die Forscher bedenklich: „Viele Frauen denken, sie seien schmutzig und unreinlich, wenn sie nicht rasiert sind“, sagt Tami S. Rowen, Gynäkologin und Leiterin der aktuellen Studie. Amerikanische Frauenärzte berichten in dem Artikel, dass schon 13-jährige Patientinnen untenrum komplett rasiert seien, beeinflusst durch Hänseleien in der Umkleide, Social Media und Internet-Pornographie, wo die weibliche Scham unbehaart und beinahe präpubertär aussehe.

Was Gynäkologen besonders verblüfft und umtreibt: Der weit verbreitete Glaube, eine rasierte Scham sei hygienischer – das Gegenteil ist nämlich der Fall. Schamhaare dienen als natürliche Schutzbarriere für die empfindliche Haut im Intimbereich, sie fangen Bakterien ab und verhindern, dass diese in die Vagina eindringen. In der „New York Times“ berichten Gynäkologen aus ihrem Praxisalltag, nämlich von einem Anstieg von Fällen von Entzündungen, Abszessen, Schnittwunden und allergischen Reaktionen, und von vaginalen Infektionen, verursacht durch die Intimrasur. Es ist aber nicht nur dieser Anstieg von gesundheitlichen Komplikationen, der die Gynäkologen die Enthaarung kritisch sehen lässt, sondern auch das aktuelle Selbstbild von Frauen, das dem Drang zur Enthaarung in vielen Fällen zugrunde liegen könnte.

Auch für Deutschland gibt es mittlerweile jede Menge Studien zum Thema, und grundsätzlich kommen alle zu einem ähnlichen Ergebnis: Je jünger, desto enthaarter. Laut einer repräsentativen Umfrage der Universität Leipzig enthaaren sich 66,7 Prozent der 14- bis 17-jährigen Frauen untenrum, bei den 18- bis 30-jährigen Frauen sind es sogar um die 80 Prozent. Als Hauptgrund für die Enthaarung gaben die meisten „das eigene Schönheitsideal“ an. Und auf Platz zwei folgt die Begründung, man würde sich dann „hygienischer“ fühlen.

In einem Text aus dem SZ-Magazin von 2013 wird die Hamburger Professorin Aglaja Stirn zitiert, die im Bereich Psychosomatik und speziell über den Enthaarungstrend forscht: „Schon bald werden Schamhaare so ungewöhnlich sein wie heute unrasierte Achseln bei einer Frau.“

Schmutz, Geruch, Unreinheit?

Das Problem: Viele Frauen entfernen ihre Schamhaare nicht einfach deshalb, weil sie sich mehr Spaß beim Sex erhoffen (Stichwort: Beim Oralsex keine Haare mehr im Mund, gilt natürlich für beide Seiten), sondern weil die Schamenthaarung mittlerweile eine Art Imperativ geworden ist. Wieder die Psychosomatikerin Aglaja Stirn im SZ-Magazin: „Ein Großteil der 20-Jährigen sagt heute: Es ist mir unangenehm, behaart in die Sauna zu gehen. Viele Frauen und Männer machen das nicht aus freien Stücken.“ Und weiter: „Frauen, die sich enthaaren, entfernen gewissermaßen ihre sekundären Geschlechtsmerkmale. Sie verwandeln sich rein optisch in präpubertäre Körper. Damit signalisieren sie vor allem eines: Reinheit und Ungefährlichkeit. Das hat heute eine große Anziehungskraft (…) Die Sexualität soll vom Triebhaften gereinigt werden. Mit Haaren assoziiert man Tierisches: Schmutz, Geruch, Unreinheit.“

Die Schönheitschirurgin Cynthia Wolfensberger, die EDITION F kürzlich ein Interview gab, bestätigt diesen Trend: Dass immer mehr junge Frauen zu ihr kämen, um eine Schamlippenkorrektur vornehmen zu lassen, hänge ganz klar damit zusammen, dass diese jungen Frauen beispielsweise durch Pornos ein gänzlich unrealistisches Bild der weiblichen Scham entwickelt hätten: nämlich komplett rasiert und fast kindlich aussehend. Dass Schamlippen während des gesamten Lebens wachsen und bei einer erwachsenen Frau eben in der Regel überhaupt nicht so aussähen wie bei einem Mädchen, sei vielen überhaupt nicht klar, Wolfensberger spricht von einem „verqueren Schönheitsideal“ bei jungen Frauen. Das komplette Interview mit Cynthia Wolfensberger könnt ihr hier lesen.

Pro Familia zum Beispiel warnt bereits davor, dass junge Menschen überhaupt keine Alternative zur Rasur mehr kennen würden, das Gefühl hätten, bei der Komplettenthaarung handle es sich um eine gesellschaftliche Erwartung und sich unter Druck fühlen würden, einem angeblichen Ideal zu entsprechen.

Grundsätzlich würden wir uns der Aussage einer in der „New York Times“ zitierten Gynäkologin anschließen: „Wenn du die Intimrasur für dich machst und dich damit besser fühlst – super! Aber red dir nicht ein, das sei gesund oder vom medizinischen Standpunkt aus sinnvoll.“

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Studium der Politikwissenschaften, nach Ausbildung zur Redakteurin an der Berliner Journalisten-Schule Stationen bei NEON Online und Vanity Fair, freie Autorin für Magazine, Zeitungen und Online, Buchautorin, seit November 2014 Redakteurin bei EDITION F mit Schwerpunkt Familie und Gesellschaft, seit Januar 2020 Textchefin. Foto: Jennifer Fey

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